Dasselbe in Grün ist keine Lösung

Die Klimakrise ist endlich in aller Munde, doch die Politik macht weiter wie bisher: Neue Fernziele und Aktionspläne, marktbasierte Anreizprogramme, ein paar steuerliche Korrekturen – und die Beschwörung von "grünem" Wachstum. Wir brauchen aber eine grundlegende Reform unseres Wirtschaftsmodells.


Grünes Wasser
Vom grünen Sprit bis zum Retortenfleisch versprechen Industrie und Politik ein Weiter-so in Grün. (Foto: Béla Geletnéky/​Pixabay)

Die Klimakrise hat 2019 eine nie dagewesene öffentliche Aufmerksamkeit erreicht. Wetterextreme weltweit, Dürresommer in Deutschland, Hunderttausende Jugendliche auf den Straßen und ein hektisch zusammengeflicktes "Klimapaket" einer sichtlich überforderten Bundesregierung haben das Klima zum Dauerthema gemacht.

Weniger prominent, aber unübersehbar kam auch das Artensterben in den Fokus durch Themen wie Bienensterben, Pestizideinsatz und eine ökologisch ruinöse Landwirtschaft. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass wir dabei sind, unseren Planeten unbewohnbar zu machen.

Doch die Reaktionen der Politik sind weitgehend die alten: Neue Fernziele und Aktionspläne, marktbasierte Anreizprogramme, ein paar steuerliche Korrekturen – und immer wieder die Beschwörung von mehr Wachstum. Immer mehr Menschen aber wird klar, dass dieses Vorgehen nicht ausreicht, um der fortschreitenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und den wachsenden sozialen Ungleichheiten entgegenzuwirken.

Trotz gesunkener Arbeitslosigkeit sind die Einkommensunterschiede hierzulande so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Und die vom realen Wirtschaftsleben abgekoppelte Finanzwirtschaft betreibt – wie vor dem Bankencrash 2009 – ihre hochspekulativen Geschäfte, sodass die Furcht vor einer neuerlichen Finanzkrise um sich greift.

Das verunsichert die Menschen und sie gehen Bauernfängern in die Falle, die das Gestern versprechen. In einem der reichsten Länder der Welt werden auf diese Weise Wahlen von rechtsradikalen Parteien gewonnen, die den Klimawandel leugnen, Hass und Ausgrenzung propagieren und auf nationale Abschottung setzen.

Erfolglose Umweltverbände

Diese schlechten Nachrichten scheinen ohne Verbindung, tatsächlich aber stehen sie in direktem Zusammenhang. Denn ökologische, ökonomische und soziale Krisen haben eine gemeinsame Wurzel: Ihnen liegt ein Wirtschaftssystem zugrunde, das – trotz vereinzelter Erfolge – nicht nur Raubbau an der Natur und damit an den Lebensgrundlagen aller betreibt, sondern auch zu einer wachsenden Spaltung und Entfremdung in der Gesellschaft beiträgt.

Das seit Jahrzehnten ungebrochene Tempo von Klimaerhitzung, Artensterben und Bodenverlust zeigt eindrücklich, dass die bisherige Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik die fortschreitende Zerstörung nicht aufhalten konnte. Zu einer Abschwächung der globalen Trends kam es nicht durch Umweltpolitik, sondern durch ökonomische Krisen: die Ölkrisen der 1970er Jahre, der Zusammenbruch des Ostblocks oder die Bankenkrise von 2009 ließen die Kurven des Ressourcenverbrauchs zeitweilig leicht abflachen.

Porträtaufnahme von Olanf Bandt.
Foto: Sebastian Hennigs/​BUND

Olaf Bandt

ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutsch­land (BUND). Der gelernte Kfz-Mechaniker und studierte Umwelt­ingenieur ist seit 1992 beim BUND tätig, zunächst als Abfall­vermeidungs­experte, ab 2008 als Bundes­geschäfts­führer.

Die politischen Erfolge von Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden konnten, so wichtig sie lokal auch gewesen sein mögen, die Beschleunigung des Ressourcenverbrauchs nicht aufhalten, sondern sie trugen allenfalls dazu bei, dass er räumlich oder zeitlich verlagert wurde. Die Politik konzentrierte sich auf Schadensreparatur und die Bekämpfung von Symptomen und sie agierte, als seien Klimakrise und Artensterben Betriebsunfälle in einem an sich funktionierenden System.

Doch Dürresommer, Bienensterben, Plastikstrudel im Meer oder Tierseuchen in Ställen sind Probleme, die nicht trotz, sondern wegen unserer Art des Wirtschaftens entstanden sind. Sie sind eine zwangsläufige Folge unseres wachstumsfixierten Wirtschafts- und Konsumsystems – und deshalb kann es ohne eine grundlegende Veränderung dieses Systems keine tragfähigen Lösungen für die Krisen unserer Zeit geben.

Auch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bewirbt ihren kürzlich vorgestellten "Green Deal", der die europäische Wirtschaft auf Klimakurs bringen soll, als "Wachstumsstrategie für Europa".

Von der Leyen stellt zutreffend fest, dass das alte, auf fossilen Energieträgern aufbauende Wachstumsmodell "nicht erdtauglich" sei. Ihre Antwort, die viele gute Ansätze enthält, bleibt aber dem Glauben verhaftet, Wirtschaftswachstum und neue Technologien seien die Lösung. Das alte Rezept "Wachstum" wird nicht infrage gestellt.

Mitmenschen und Natur auspressen?

Wachstum hat zweifellos die Antwort auf die soziale Frage über etliche Jahre erleichtert. Doch für viele Millionen Menschen ging das Versprechen, Wirtschaftswachstum gehe mit Wohlstand und einem guten Leben für alle einher, nicht in Erfüllung.

Porträtaufnahme von Martin Kaiser.
Foto: Daniel Müller/​Greenpeace

Martin Kaiser

ist Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland. Bei der Umwelt­organisation, für die er sich seit 1998 engagiert, leitete der studierte Geo­ökologe und Forst­ingenieur zuvor inter­nationale Klima- und Biodiversitäts­projekte und vertrat Greenpeace auf den Weltklima­gipfeln.

Stattdessen wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. 2017 lag in Deutschland bei einem Viertel der Beschäftigten der Verdienst unterhalb der Niedriglohnschwelle. Anfang der 1990er Jahre war es nur ein Achtel.

Trotz Wirtschaftswachstum verkünden Unternehmen den Abbau Tausender Arbeitsplätze, wie zuletzt BASF, Siemens oder Audi. Und trotz der Arbeit der Gewerkschaften entsteht ein erheblicher Teil des Stellenzuwachses in Deutschland in instabiler und häufig prekärer Beschäftigung.

Noch gravierender sind die Folgen unseres Wegwerf-Kapitalismus jedoch für Menschen in Ländern, auf deren Kosten unser Reichtum aufbaut. In den Fabriken für Billigtextilien in Asien, in den Steinkohlegruben Kolumbiens, den Lithiumseen Südamerikas und den Coltanminen Afrikas, auf brasilianischen Sojaplantagen, die das Futter für unsere Schweinemast produzieren – unser Wirtschafts- und Konsummodell geht untrennbar einher mit der Ausbeutung von Menschen und der Zerstörung von Natur.

Unser altes, auf fossilen Energieträgern beruhendes Wachstumsmodell muss also abdanken, wie es von der Leyen ankündigt, aber die Suche nach Lösungen muss weitergehen und an der Wurzel der Probleme ansetzen.

Ressourcenverbrauch muss insgesamt sinken

Statt fortlaufend das Märchen vom unendlichen Wachstum auf einem endlichen Planeten zu wiederholen, braucht es ein Wirtschaftssystem, das für Stabilität und gerechte Verteilung sorgt, ohne dabei von Wirtschaftswachstum abhängig zu sein. Denn Wachstum geht immer einher mit einem Anstieg des Ressourcenverbrauchs, den wir uns schlicht nicht mehr leisten können, wenn wir unser Überleben auf diesem Planeten sichern wollen.

Im Umkehrschluss heißt das für unser Wirtschaften: Wir müssen den Verbrauch von Ressourcen und Rohstoffen nicht nur relativ, sondern absolut senken. Natürlich brauchen wir auch massive Investitionen in Effizienz – aber Effizienz allein ist keine Lösung.

Eine absolute Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch wäre wunderbar. Aber alle Studien zeigen: Es wird sie nicht geben. Das zeigt auch ein Blick auf unsere Autos: Sie verbrauchen heute gemessen an ihrer Leistung deutlich weniger Sprit, trotzdem sind die Emissionen im Verkehr nicht gesunken. Denn die beträchtlichen Effizienzgewinne wurden von mehr Gewicht, größeren Motoren und einer höheren Fahrleistung überkompensiert.

Kai Niebert
Foto: DNR

Kai Niebert

ist seit 2015 Präsident des Umwelt-Dachverbandes Deutscher Naturschutz­ring (DNR), zudem seit vielen Jahren ehrenamtlich bei den Natur­freunden tätig. Er hat an der Universität Zürich eine Professur für Didaktik der Natur­wissen­schaften und Nachhaltigkeit inne. 

Deshalb ist es auch nicht getan damit, die heutige Autoflotte zu elektrifizieren. Dasselbe in Grün löst nicht das Problem endlicher Ressourcen. Wir brauchen nicht nur andere Autos, wir brauchen vor allem viel weniger Autos.

Das kann jedoch nur gelingen, wenn ein konsequenter Ausbau des öffentlichen Verkehrs in Städten und auf dem Land erfolgt, der mit mehr Lebensqualität und mehr Sicherheit für alle Menschen einhergeht. Nachhaltigkeit schließt also vereinzeltes Wachstum gesellschaftlich gewünschter Sektoren nicht aus – aber sie verlangt die Einordnung in ein dauerhaftes Gleichgewicht mit sinkendem Ressourcenverbrauch.

Genau wie ein funktionierender Nahverkehr sind gesunde Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, gute Luft, bezahlbarer Wohnraum oder eine sichere Energieversorgung Beispiele für Gemeingüter, die elementare Bedürfnisse befriedigen und vor der Vereinnahmung durch privatwirtschaftliche Akteure geschützt sein müssen.

Warum gestalten wir den Umgang etwa mit Wasser, Boden und Luft nicht so um, dass ihr Erhalt und der Zugang zu ihnen für alle Menschen gleichermaßen gesichert sind?

Um dorthin zu gelangen, benötigen wir aber eine neue "Software" für unsere Wirtschaft, die umschaltet vom Selbstzerstörungsmodus in den Modus "Gutes Leben für alle". Wir brauchen neue Regeln für eine sozial gerechte Wirtschaft, die das Überleben auf dem Planeten sichert.

Wachstumsunabhängige Sozialsysteme

Auf diesem Weg stellen sich viele Fragen: Wenn unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, wie können wir unsere Sozialsysteme vom Wachstum unabhängig machen? Wenn große Unternehmen mächtiger sind als Staaten und die Politik am nötigen Umbau der Wirtschaft hindern, warum begrenzen wir nicht ihre Größe?

Porträtaufnahme von Hermann Ott.
Foto: privat

Hermann Ott

leitet das Deutschland-Büro der Umwelt­rechts­organisation Client Earth in Berlin. Der promovierte Jurist forschte zuvor am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, war Bundestags­abgeordneter der Grünen und Mitglied der Wachstums-Enquete.

Warum führen wir keine Debatten über die gesellschaftliche Verantwortung von Eigentum? Warum gelten demokratische Prinzipien, die wir zur Maxime für unser gesellschaftliches Zusammenleben erhoben haben, nicht für Unternehmen?

Wenn durch Produktivitätssteigerungen Arbeit wegfällt, warum werden verbleibende Arbeit und gleichbleibende Gewinne dann nicht gerecht auf alle verteilt, statt neue Armut zu produzieren?

Warum lassen wir zu, dass die Rohstoffindustrie weltweit aus endlichen Rohstoffen enorme Gewinne generiert und dabei regelmäßig Sozial- und Umweltstandards missachtet?

Warum stellen wir nicht sicher, dass nötige technologische Veränderungen nicht zulasten der Beschäftigten gehen, dass die Sanierung von Häusern nicht zulasten der Mieterinnen und Mieter geht?

Warum erscheint es normal, dass aus dem Besitz von Grund und Boden leistungslose Gewinne erzielt werden, selbst wenn die Böden dabei vergiftet oder versiegelt werden?

Die Beantwortung dieser komplexen Fragen bedarf einer breiten gesellschaftlichen Debatte ohne Scheuklappen. Dass Wirtschaftswachstum die Grundlage für Beschäftigung und Frieden ist, ist kein Naturgesetz und wir müssen aufhören, es als solches zu behandeln.

Wirtschaft darf kein Eigenleben mehr gegen Natur und Menschen führen, sondern muss der Gesellschaft und dem Gemeinwohl dienen. Dafür brauchen wir einen neuen Sinn für die Grenzen von Wachstum und Konsum, für Solidarität und Gerechtigkeit.

Wenn wir ein gutes Leben für alle schaffen wollen, müssen wir uns aus der Abhängigkeit vom Wachstum befreien.

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