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"Insekten verschwinden in ihrer Gesamtheit"

Heute endet die Eintragungsfrist für das "Bienen-Volksbegehren" in Bayern. Derweil zeigt eine Metastudie, dass Insekten weltweit dramatische Bestandsrückgänge verzeichnen. Auch der Klimawandel spielt dabei eine Rolle, wenn auch nicht die entscheidende.


Hier ist eine Biene zu sehen, die auf einer Blüte Pollen sammelt
Fotos von Pollen sammelnden Bienen werden langsam zur Rarität. (Foto: Jon Sullivan/​Wikimedia Commons)

Am heutigen Mittwoch um 16 Uhr endet die Eintragungsfrist für das Volksbegehren "Rettet die Bienen" in Bayern. Die Initiatoren wollen damit die Landesregierung zu einem wirksamen Artenschutz bewegen. Laut Medienberichten dürfte die nötige Zahl von einer Million Unterschriften schon eingesammelt sein.

Dass die Lage für die Insekten nicht nur im Freistaat mies ist, zeigt eine aktuelle Studie im Fachblatt Biological Conservation. Die Autoren um Francisco Sánchez-Bayo von der Universität Sydney haben 73 Langzeitstudien aus aller Welt ausgewertet.

Das Ergebnis: 41 Prozent aller untersuchten Insektenarten sind im Rückgang. Dieser Anteil ist doppelt so hoch wie bei den Wirbeltieren. Jede dritte Insektenart ist sogar vom Aussterben bedroht. Und jedes Jahr kommt den Autoren zufolge ein Prozent aller Insektenarten dazu.

Ein weiteres Ergebnis: Zwischen den Untersuchungsregionen gab es keine gravierenden Unterschiede, was auf einen weltweiten Prozess hindeutet.

"Sechstes Massenaussterben"

"Da Insekten etwa zwei Drittel aller landbevölkernden Arten auf der Erde ausmachen, bestätigt dieser Trend, dass sich dieses sechste Massenaussterben zutiefst auf die Lebensformen auf unserem Planeten auswirkt", heißt es in der Studie.

Den stärksten Rückgang verzeichnen Mistkäfer im Mittelmeerraum (minus 60 Prozent), aber etwa auch die Bienen gehen stark zurück. Als "beunruhigend" bezeichnen es die Autoren, dass vom Rückgang nicht nur die Spezialisten in ihren Nischen betroffen seien, sondern auch Generalisten, die einstmals sehr häufig vorkamen, etwa das Tagpfauenauge in den Niederlanden.

Allerdings gibt es auch Habitate, in denen sich die Insekten noch gut behaupten: unberührte Gebirgsbäche und Seen, in denen Wasserinsekten leben. Einen Hauptgrund für den massiven Bestandsrückgang sehen die Autoren denn auch in der Verschmutzung der Lebensräume.

Fast die Hälfte der untersuchten Studien macht vor allem Landnutzungsänderungen als gewichtigsten Faktor für das Insektensterben fest, etwa ein Viertel die Verschmutzung, gefolgt von einem Bündel aus verschiedenen biologischen Faktoren.

"Die Ursache des Problems ist vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft in den vergangenen sechs Jahrzehnten und dabei wiederum der großflächige Dauereinsatz synthetischer Pestizide", heißt es in der Studie.

Insekten in den Tropen kämpfen mit dem Klimawandel

Als viertwichtigsten Grund nennen die Studien den Klimawandel (sieben Prozent). Je nach Region kann er allerdings deutlichen Einfluss auf Insektenbestände haben.

So spiele der Klimawandel in Europa und Nordamerika nur eine untergeordnete Rolle. "Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass Insektenpopulationen unter wärmeren Bedingungen besser gedeihen, aber vor allem auch, weil die Insekten in diesen Gebieten ziemlich tolerant gegenüber Temperaturschwankungen sind", erklärt Sánchez-Bayo gegenüber Klimareporter°. So seien die Bestände mancher Schmetterlingsarten in Nordeuropa sogar gewachsen.

Generalisten eher im Vorteil

Wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner. Das Insektensterben trifft zuallererst diejenigen Arten, die an bestimmte Nischen angepasst sind und schlecht mit Veränderungen zurechtkommen. Insgesamt haben es all die Insekten schwer, die sich an ein kaltes Klima und höhere Breiten angepasst haben. Mehrere Studien zeigen, dass sich für einige Libellen-, Steinfliegen- und Hummelarten die Reichweite bereits eingeschränkt hat und Gebirgs-Insektenarten ein höheres Aussterberisiko haben. In ihre Nischen stoßen dann Generalisten vor. Der Verlust an Biodiversität und die Verschiebung der Artenzusammensetzung sind den Studienautoren zufolge aber nur die Vorläufer des Massenaussterbens.

Eine andere Situation zeige sich allerdings am Äquator. "Insekten in den Tropen leiden stärker unter den engen thermischen Toleranzbereichen", sagt Sánchez-Bayo. "Es ist deshalb wahrscheinlich, dass ihr Rückgang in diesen Regionen zu einem großen Teil auf die Erwärmung sowie auf katastrophale Wirbelstürme zurückzuführen ist."

Das habe sich etwa schon auf karibischen Inseln wie Puerto Rico gezeigt. Wissenschaftler um Brad Lister von der Rensselaer Polytechnic University im US-Staat New York hatten Insektendaten analysiert, die zwischen 1976 und 2012 im El-Yunque-Regenwald im Osten von Puerto Rico in mittlerer Höhe erhoben worden waren. Dort hatte es in jener Zeit einen Temperaturanstieg von zwei Grad gegeben.

Es stellte sich heraus, dass in der untersuchten Zeitspanne die Biomasse der Gliederfüßer (dazu gehören neben Insekten auch Tausendfüßer, Krebs- und Spinnentiere) um das Zehn- bis Sechzigfache abgenommen hatte, was den Autoren zufolge einen "Kollaps" des gesamten Nahrungsnetzes im Regenwald zur Folge hatte. Vor allem den Klimawandel machten die Forscher dafür verantwortlich.

"Basis für Ökosysteme bricht weg"

Die Autoren der aktuellen Studie fordern nun "entscheidende Maßnahmen zur Abwendung eines katastrophalen Zusammenbruchs der Ökosysteme der Natur".

"Wenn wir unsere Produktionsweise von Lebensmitteln nicht ändern, werden Insekten in ihrer Gesamtheit innerhalb weniger Jahrzehnte den Weg des Aussterbens gehen", heißt es in der Studie.

"Die Auswirkungen, die das für die Ökosysteme der Erde haben wird, sind katastrophal, um es noch milde auszudrücken, da Insekten seit ihrem Aufstieg am Ende des Devon vor fast 400 Millionen Jahren die strukturelle und funktionelle Basis vieler Ökosysteme der Welt bilden." Die Rolle der Insekten für die Ökosysteme der Welt werde bis heute unterschätzt.

Insekten bilden die Basis komplizierter Nahrungsnetze. Spitzmäuse, Maulwürfe, Igel, Ameisenbären, Eidechsen, Amphibien, die meisten Fledermäuse, viele Vögel und Fische ernähren sich von Insekten oder hängen von ihnen ab, um ihren Nachwuchs aufzuziehen.

Die Wissenschaftler um Sánchez-Bayo fordern deshalb, Lebensräume wiederherzustellen, die Agrochemie "drastisch" zu reduzieren und die Landwirtschaft insgesamt umzugestalten.

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