"Ein Stundentakt bis ins letzte Dorf"

Heinrich Strößenreuther von der neuen Initiative German Zero erklärt im Klimareporter°-Interview, warum Deutschland in zehn, spätestens 15 Jahren klimaneutral sein muss und wie das gehen soll.


Busse zweier Busunternehmen treffen sich im schweizerischen Vrin.
Im Klimaplan von German Zero fährt auch auf dem Dorf jede Stunde ein Bus, wie hier in der Schweiz. (Foto: Whgler/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Strößenreuther, Ihr Verein German Zero fordert, dass Deutschland spätestens 2035 klimaneutral ist. Warum 2035?

Heinrich Strößenreuther: Die Menschheit durfte zu Beginn des Jahres noch 380 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen, wenn die Klimaerwärmung mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad gestoppt werden soll. Auf Deutschland entfallen davon drei Milliarden Tonnen.

Im Moment emittieren wir 800 Millionen Tonnen pro Jahr. Das bedeutet, dass wir schon im Jahr 2023 klimaneutral sein müssten. Die Bundesregierung verweigert aber ihre Aussage zu den Restbudgets und legt ihre Zahlen nicht offen. Selbstverständlich kann es dann auch keinen ehrlichen Klimaplan geben.

Aus diesem Grund haben wir den Verein German Zero gegründet und im November einen Workshop mit 25 führenden Experten und Klimawissenschaftlern durchgeführt, um einen Klimaplan zu erarbeiten.

Wir hatten dabei harte Diskussionen über 2030 und 2035 und haben uns am Schluss auf einen Kompromiss geeinigt: Deutschland soll innerhalb von zehn Jahren, spätestens bis 2035, klimaneutral sein. Aber jede Tonne CO2, die nach 2024 in Deutschland emittiert wird, muss im Ausland kompensiert werden.

Keine Partei hat ein derart ambitioniertes Klimaziel.

Daher sind wir als außerparlamentarische Initiative erforderlich, um gemeinsam diese Diskussion zu führen, die Mehrheiten dafür zu gewinnen und dann der Politik das Heft des Handelns wieder in die Hand zu geben, wenn das 1,5-Grad-Gesetz beschlossen ist. Wir setzen einen gigantischen Richtungsimpuls – und der ist auch erforderlich.

Die Frage an einen Politiker ist relativ simpel: Schau mir in die Augen und sag mir, ob du meine Kinder in eine Vier-Grad-Zukunft schicken willst oder wir uns gemeinsam für 1,5 Grad einsetzen. Das ist eine einfache Frage, die Millionen Väter und Mütter stellen können, und dieser Frage wird die Politik nicht mehr ausweichen können. Unsere Aufgabe ist, dass diese Frage gestellt wird.

Heinrich Strößenreuther mit seinem blauen Fahrrad vor dem Brandenburger Tor.
Foto: privat

Heinrich Strößenreuther

hat Wirtschafts­informatik mit Schwerpunkt Verkehr und Logistik studiert und war bisher unter anderem als Greenpeace-Campaigner, Bahnmanager, Bundestags­referent und Startup-Unternehmer tätig. Bekannt wurde er als Initiator des erfolgreichen Berliner "Volksentscheids Fahrrad". Seit Sommer 2019 ist er Vorstand des Vereins German Zero.

Ist Klimaneutralität bis 2035 machbar?

Ja, die Technik dafür steht anwendungsbereit zur Verfügung und muss nur eingesetzt werden. Bäume können gepflanzt und 99 Prozent aller Dächer mit Solaranlagen bestückt werden. Wo ist das Problem für ein so reiches Industrieland wie Deutschland?

Selbstverständlich sind einige Bausteine anstrengend, dafür werden eine halbe Million Jobs entstehen. Das nächste Wirtschaftswunder, das Klima-Wirtschaftswunder steht an.

Und was kostet das?

Ich sage es mal vorsichtig: Eigentlich hätte Frau Merkel einen Klimaplan in Auftrag geben müssen, als sie im Jahr 2015 nach der Klimakonferenz in Paris den Flieger nach Deutschland nahm. Mit der Detailgenauigkeit, die man braucht, dauert das zwei Jahre und kostet über zwei Millionen Euro.

Dieses Versäumnis der Bundesregierung konnten wir seit unserem Workshop im November natürlich nicht aufholen. Eine komplette Kalkulation der Kosten war in dieser kurzen Zeit nicht möglich. Wenn man sich die Kosten aber anschaut, dann haben wir in Deutschland 57 Milliarden Euro an klimaschädlichen Subventionen. Es ist genug Geld da, das man für Investitionen nutzen kann.

Die radikalste Forderung ist das Verkaufsverbot für Benzin und Diesel ab 2030. Werden Autobesitzer da nicht teilenteignet und der Staat muss ihnen den Restwert ihres Autos erstatten?

Die durchschnittliche Lebensdauer eines Autos liegt bei zehn Jahren. Wer also nächstes Jahr noch einen Benziner oder Diesel kauft, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Es ist Allgemeinwissen, dass der Autoverkehr Teil des Klimaproblems ist. Wer trotzdem noch ein Auto kauft, das Diesel oder Benzin verbraucht, kann also nicht damit rechnen, dass wir Steuerzahler einen Ersatzanspruch sponsern werden.

Obendrein werden weiterhin Treibstoffe verkauft, etwa synthetische, die mit erneuerbarem Strom hergestellt wurden. Die kosten dann einfach mehr.

Dass sich Menschen Sorgen machen, die auf dem Land ohne öffentliche Verkehrsmittel wohnen, kann ich aber durchaus nachvollziehen. Dort, das steht in unserem Klimaplan, brauchen wir einen Stundentakt wie in der Schweiz und in Österreich bis ins letzte Dorf.

Dann ist die Diskussion eine ganz andere. Das ist ja keine Raketenwissenschaft, was in der Schweiz gemacht wird. Das ist einfach die systematische Förderung des öffentlichen Verkehrs, die jetzt ihre Früchte trägt.

Sie wollen, dass die nächste Bundesregierung, die im September 2021 gewählt wird, Ihren Plan umsetzt. Was muss bis dahin passieren?

Im ersten Halbjahr 2020 werden die Wahlprogramme geschrieben und im zweiten Halbjahr sind dann schon die Parteitage, wo diese beschlossen werden. Deshalb haben wir so großen Zeitdruck, um mit unserem Klimaplan den Parteien eine klare Ansage zu machen, was wir in den Parteiprogrammen sehen wollen, was Millionen von Vätern und Müttern und die Jugend von Fridays for Future sehen wollen.

Haben Sie die Parteien schon nach Ihrem Plan gefragt?

Nein, dazu sind wir noch nicht gekommen.

Ihr Plan sieht auch die Einberufung einer "Bürgerversammlung" vor. Was ist deren Aufgabe?

Nächstes Jahr werden wir einen Prozess aufsetzen, um unseren Plan in Form eines Gesetzes auszuformulieren. Dabei sollen uns ganz normale Bürger helfen, die per Los ausgewählt werden. Die Versammlung wird voraussichtlich hundert Mitglieder haben und an mehreren Wochenenden zusammenkommen. Dieses Gremium hilft uns bei der Frage: Wie sehen faire Klimaschutzregeln aus?

Ergänzend starten wir auf kommunaler Ebene Klimaentscheide. Wir erarbeiten eine Mustervorlage, die alle Maßnahmen enthält, um eine Kommune in zehn Jahren klimaneutral zu machen.

Anschließend wollen wir dann Stadt für Stadt mit Bürgerentscheiden dafür sorgen, dass diese Städte entsprechend umgebaut werden. Bei 26 Städten mit erfolgreichen Radentscheiden und 70 Städten mit ausgerufenem Klimanotstand können da schnell 100 Klimaentscheide zusammenkommen.

Sie vergleichen die erforderlichen Anstrengungen zum Klimaschutz mit einer Mobilmachung. Wie muss man das verstehen?

Nehmen Sie die Mobilmachungen in den USA und Großbritannien gegen die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Oder schauen Sie sich an, was in Deutschland nach dem Krieg geleistet wurde, um die Schuttberge abzuräumen. Diese Form von gemeinsamer Kraftanstrengung – das ist das, was wir meinen. Was wir vorhaben, ist die größte Umwälzung in Deutschland seit dem Krieg.

Wer steckt hinter dem Verein German Zero?

Wir haben zurzeit fünf Angestellte und 50 bis 100 Ehrenamtliche. Wir brauchen aber mehr und planen mit 35 Festangestellten und der Unterstützung durch Zehntausende Ehrenamtliche. Wir haben viel Arbeit vor uns, um unser Projekt wirkmächtig zu machen.

Und wie finanzieren Sie das?

Was wir vorhaben, geht nur, wenn wir nächstes Jahr sechs Millionen Euro an Spenden einnehmen: Das 1,5-Grad-Gesetz gibt es nicht zum Nulltarif.

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