Abwrackprämie in westliche Keller

Durch Anreize, nicht durch Verbote wollen die Unionsparteien die Leute zu mehr Klimaschutz bewegen. Mit ihrer jüngst verkündeten Idee von einer "Abwrackprämie für alte Ölheizungen" könnte CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer dabei sogar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.


Heizung Thermostat
Ein bisschen runterdrehen reicht nicht, wenn die Heizung fossil betrieben wird. (Foto: CA-TV/Flickr)

Die Bundesrepublik ist ein Land der alten Ölheizungen. Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) werden die Wohngebäude in Deutschland mit ihren mehr als 40 Millionen Wohnungen durch rund 21 Millionen Heizungen erwärmt. Davon sind rund 5,5 Millionen Ölheizungen. 4,8 Millionen dieser Heizungen, also fast 90 Prozent, gelten als veraltet.

Und zwar sind die meisten richtig alt. Im Schnitt haben diese Ölheizungen nach BDH-Angaben inzwischen 27 Jahre auf dem Brenner. "Bei Ölkesseln lag die Modernisierungsquote in den letzten Jahren bei einem bis 1,5 Prozent pro Jahr", verdeutlicht BDH-Geschäftsführer Andreas Lücke den faktischen Stillstand beim Heizungstausch.

Selbst das dieser Tage zu Recht kritisierte Programm der staatlichen Förderbank KfW, um alte Ölkessel in Öl-Brennwertkessel umzurüsten, findet immer weniger Zuspruch. Förderte die KfW laut einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen 2013 bundesweit noch rund 2.500 derartige Umrüstungen, sank diese Zahl bis 2018 auf unter 300.

Eine mehrfache Menge alter fossiler Heizungsanlagen wird jährlich auf Gasbrennwertkessel umgerüstet. Die Klimaeffekte sind entsprechend hoch. "Tauscht man einen alten Ölkessel gegen einen modernen Gaskessel aus, sinken die Emissionen um bis zu einem Drittel", beschreibt Lücke die CO2-Einspargröße.

Mit einem massiven Umstieg auf Erdgas ließe sich schnell Klimarelevantes erreichen. Laut dem Energieverband BDEW stehen derzeit etwa 2,1 Millionen Gebäude, die noch mit Öl beheizt werden, in Gegenden, wo nützliche Gasleitungen in der Erde liegen. Nach vergleichbaren Zahlen des Ferngasbetreibers VNG laufen rund 2,5 Millionen alte Ölkessel in Straßen, wo eine Erdgasleitung vorhanden ist.

Eine gute halbe Million ölbeheizte Gebäude ließen sich zudem ans Fernwärmenetz anschließen, schätzt der BDEW weiter. Insgesamt ließen sich mit der Umstellung weg vom Öl aus Sicht des Verbandes über 14 Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen.

In einem schnellen Aus für alte Ölheizungen wittert die Gasbranche eine Chance, auch wenn ihr klar ist, dass Erdgas nicht zur Klimaneutralität reicht. Doch schon heute ließen sich moderne Gasheizungen ohne technische Umstellung auch mit "grünen" Gasen wie Biomethan betreiben, erklärt BDEW-Geschäftsführer Stefan Kapferer. Perspektivisch winkt ohnehin der Einsatz von mit Ökostrom hergestelltem grünem Gas.

"Fossile Heizungen fördern ist kein Klimaschutz"

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hält nichts davon, das Leben von Öl- und Gasheizungen zu verlängern, und plädiert für die vollständige Umstellung auf Ökoenergien auch im Wärmesektor. Die Technologien seien ausgereift – von Wärmepumpen über Solarenergie bis zu Holzenergie, Biogas und Geothermie.

Der BEE setzt sich deshalb für eine Steuerförderung von Heizungen mit CO2-freien Energieträgern ein. "Die steuerliche Förderung darf auf keinen Fall Heizungstechnologien mit fossilen Energieträgern subventionieren", betont BEE-Präsidentin Simone Peter. "Sonst schaffen wir die Klimaziele nicht."

Werden Altbauten energetisch so saniert, dass sie nahe an den Passivhaus-Standard herankommen, macht für den Restwärmebedarf eine klassische Öl- oder Gasheizung auch nicht mehr viel Sinn. Dann kann auch eine ökostrombetriebene Wärmepumpe reichen. Schon heute gibt es nagelneue Wohngebiete, die auch keine Gasleitungen mehr im Boden haben und ganz auf erneuerbare Wärme bauen.

Um die deutschen Klimaziele im Jahr 2030 zu erreichen, müssten nach den Berechnungen des BDH jährlich vier Prozent der alten Ölkessel ausgetauscht werden. Das wäre ein enormes Konjunkturprogramm für die Heizungsbranche einschließlich ihrer Zulieferer, beschränkt allerdings vor allem auf die alten Bundesländer.

Genaue Zahlen über die regionale Verteilung hat der Heizungsverband BDH nicht. Die meisten alten Ölheizungen sind aber in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern vorhanden, erklärt Lücke. "Dann folgen bei den Ölheizungen eindeutig Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. In den neuen Bundesländern hat man nach der Wende von Kohle oder Fernwärme praktisch komplett auf Gas umgestellt."

Dass die "Abwrackprämie für Ölheizungen" unter der Hand zu einem speziellen "Sanierungsprogramm West" werden würde, haben die Unionsexperten sicher einberechnet, zumal ein weiterer Umstand hinzukommt.

Abwrackprämie mit "hohen Mitnahmeeffekten"

Bei der kürzlichen Vorstellung der CO2-Preis-Studie für den BDEW wies Studienautor Manuel Frondel vom beauftragten RWI Essen darauf hin, dass Rentnerhaushalte, die ein Auto und eine Ölheizung besitzen, von einer CO2-Steuer besonders belastet würden. Ölheizungen seien bei Älteren stärker verbreitet, als man gemeinhin annehme, ließ sich Frondel zitieren.

Die Studie selbst stellt fest, dass Haushalte, die mit Öl heizen, tendenziell höhere Kosten zu tragen hätten als Haushalte, die mit Gas heizen. Ölheizungen seien bei Rentnern und einkommensschwachen Haushalten "etwas häufiger" verbreitet als bei den übrigen Haushalten.

Auch für BDH-Chef Andreas Lücke ist klar: "Es ist eine Tatsache, dass ein ganz erheblicher Teil der Selbstnutzer von alten Ölheizungen pensioniert sind und keine oder eine nur sehr geringe Steuerlast haben."

Ob die CDU-Experten belastbare Angaben über die sozialen Verhältnisse privater Ölheizungsbesitzer haben, ist so weit nicht bekannt. So viel aber wird klar: Die Union will offenbar mit der Abwrackprämie einen Teil ihrer Klientel in den alten Ländern – Ruheständler vor allem – bedenken.

RWI-Experte Frondel steht der Abwrackprämie skeptisch gegenüber: "Es wird hohe Mitnahmeeffekte geben, und daher sollte man die Finger von solchen Vorschlägen lassen", sagt er gegenüber Klimareporter°.

Der Heizungsverband BDH hält ebenfalls nicht viel von der Abwrackprämie. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, Heizungen über steuerliche Anreize zu modernisieren, wie Andreas Lücke betont. "Dieses Steuermodell müsste attraktiv, unbürokratisch und vor allem technologieoffen ausgestaltet werden."

Bereits 2017 habe sich der BDH, so Lücke weiter, zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für eine 30-prozentige technologieoffene Steuerabschreibung ausgesprochen. Diese solle für die Heizung genauso wie zum Beispiel für Dämmungsmaßnahmen gelten.

Wenn die große steuerliche Lösung weiterhin ausbleibt, hat der BDH zumindest diese Forderung: "Wenn die Politik beschließt, eine Abwrackprämie für alte Heizungen einzuführen, dann bitte nicht nur für Öl-, sondern auch für Gaskessel." Lücke begründet das damit, dass es mehr als sieben Millionen alter Gaskessel in deutschen Heizungskellern gibt.

Davon steht vermutlich ein großer Teil in Ost-Kellern.

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