Auf der Jagd nach Lithium

Ohne Lithium für die Batterien läuft fast nichts bei der E-Mobilität. Deutschland sichert sich den Rohstoff durch ein spektakuläres Joint Venture mit Bolivien – angeblich sogar für eine "grüne Batterieproduktion". Die gibt es nur, wenn die Auto-Zahlen insgesamt sinken, warnt eine Studie von Entwicklungsexperten.


Rosa Flamingos stehen über den großen, flachen See verteilt bis zum Horizont einzeln mit einigem Abstand im Wasser.
Andenflamingos in Bolivien. Dort, wo im Lithium-Dreieck bereits der Abbau des "weißen Goldes" begonnen hat, nimmt der Flamingobestand ab. (Foto: Luca Galuzzi/​Wikimedia Commons)

Lithium nennt man das "weiße Gold". Das Alkalimetall gilt als einer der Schlüsselrohstoffe des 21. Jahrhunderts. Es wird gebraucht für Akkus von Smartphones und Laptops, für Stromspeicher von Solarsystemen – und zukünftig in großen Mengen für Batterien von Elektroautos. Ohne Zugriff auf den wertvollen Rohstoff kann die E-Auto-Offensive, die die deutschen Autokonzerne planen, kaum richtig ins Rollen kommen – und hier hat ein baden-württembergisches Unternehmen nun einen Coup gelandet.

Die Firma ACI Systems Alemania (Acisa) aus Zimmern ob Rottweil erhält direkten Zugriff auf Lithium-Vorkommen in Südamerika – in Bolivien. Das schwäbische Unternehmen plant die Gewinnung von bis zu 50.000 Tonnen Lithiumhydroxid jährlich im Salzsee Salar de Uyuni, der im "Lithiumdreieck" zwischen Argentinien, Bolivien und Chile liegt und in dem die weltweit größten Vorkommen des Rohstoffs vermutet werden.

Nach Expertenschätzungen lassen sich mit dieser Menge jährlich bis zu einer Million E-Autos mit Batterien ausstatten. Acisa bildet dazu ein Joint Venture mit den bolivianischen Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB). Produziert werden soll ab 2021, und der Vertrag soll über 70 Jahre laufen.

Das Geschäft gilt als industriepolitischer Meilenstein: Zur Vertragsunterzeichnung am Mittwoch in Berlin waren aus Bolivien der Außen- und der Energieminister angereist. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte: "Deutschland soll ein führender Standort für die Batteriezellfertigung werden." Daher sei ein verlässlicher und wettbewerbsfähiger Rohstoffbezug aus umweltgerechter Gewinnung und Weiterverarbeitung nötig.

Der Preis des Metalls war wegen der steigenden Nachfrage in den letzten Jahren zeitweise stark angestiegen – auf über 13.000 US-Dollar pro Tonne.

"Deutschland hat wieder direkten Zugriff auf wichtige Rohstoffe"

Geplant sind in Uyuni mehrere große Lithiumanlagen, darunter in einem weiteren Schritt auch eine Fabrik zur Produktion von Batteriezellen für den südamerikanischen Markt. Es sollen 1,2 Milliarden US-Dollar investiert werden.

Acisa-Chef Wolfgang Schmutz kommentierte: "Durch das Joint Venture sichert sich Deutschland erstmals nach Jahrzehnten wieder den direkten Zugriff auf wichtige, nicht-heimische Rohstoffe", sagte er der Agentur DPA zufolge. Dies sei vor allem für die deutsche Autoindustrie wichtig.

Bolivien hat sich nach einem langen Auswahlprozess für das deutsche Unternehmen als Kooperationspartner entschieden. Sieben weitere Konsortien hatten sich beworben. Acisa befindet sich dabei in direkter Konkurrenz zu Firmen aus China, das in der E-Mobilität führend ist.

Die Lithium-Gewinnung ist bisher oft mit großen Umweltschäden und sozialen Problemen verbunden. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen verweisen unter anderem auf sinkende Grundwasserspiegel durch das Abpumpen der lithiumhaltigen Salzlake, was etwa in Chile bereits zur Austrocknung von Flussläufen und Feuchtgebieten geführt habe.

Acisa indes betont, die Lithiumgewinnung werde in dem neuen Projekt "umweltverträglich" erfolgen. Geplant sei unter anderem, die Anlagen mit erneuerbaren Energien zu betreiben und eine dezentrale Energieversorgung dafür aufzubauen. Damit werde "erstmals eine 'grüne' Batterieproduktion ermöglicht", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens, das sich auf Photovoltaik- und Batteriesysteme sowie die Gewinnung von Rohstoffen dafür spezialisiert hat.

Laut der Strombranche sind Elektroautos schon heute deutlich klimafreundlicher als Autos mit Benzin- oder Dieselmotor. Beim derzeitigen Strommix produziert ein "Stromer" nach Angaben des Energie-Branchenverbandes BDEW im Fahrbetrieb bereits knapp 60 Prozent weniger CO2 als ein konventionelles Fahrzeug – und wer reinen Ökostrom tankt, liege noch besser.

Abbau häufig unter "katastrophalen" Bedingungen

Ein rascher Umstieg vom Verbrennungs- auf den Elektromotor sei dringend geboten, heißt es denn auch in der aktuellen Studie "Weniger Autos, mehr globale Gerechtigkeit", die von den kirchlichen Entwicklungsorganisationen Brot für die Welt und Misereor sowie der Organisation Powershift veröffentlicht wurde. Die Bundesregierung solle ein Ausstiegsszenario für den Verbrennungsmotor erarbeiten und ein "nahes Datum für das Ende seiner Zulassung benennen".

Allerdings wird betont: Allein die Elektrifizierung reiche nicht. Um die Nachhaltigkeitsprobleme des Autoverkehrs zu lösen, müsse die Autoflotte deutlich reduziert werden.

Die Studie analysiert den Rohstoff- und Energieverbrauch der deutschen Autoindustrie und die damit verbundenen Auswirkungen auf Klima, Umwelt und die Menschenrechte in den Entwicklungsländern. Die Autoindustrie in Deutschland als größte Branche des verarbeitenden Gewerbes gehört bereits heute zu den größten Ressourcenverbrauchern, wobei die metallischen Primärrohstoffe wie Stahl und Kupfer zu fast 100 Prozent aus dem Ausland stammen.

"Oftmals werden diese unter katastrophalen menschenrechtlichen, ökologischen und sozialen Bedingungen in Ländern des globalen Südens abgebaut", heißt es in der Untersuchung.

Da für die Produktion von Elektromotoren und Akkus zusätzlich Spezialmetalle wie Kobalt, Lithium und Nickel sowie Graphit benötigt werden, nimmt deren Verbrauch weltweit drastisch zu. Laut der Studie könnte der Verbrauch von Lithium für E-Autos die heutige Produktion bereits um das Vierfache übersteigen, und auch der prognostizierte Kobaltverbrauch liege deutlich über den derzeit geförderten Mengen.

Beim Abbau dieser Rohstoffe würden oft Böden, Wasser und Luft verseucht und der Bevölkerung in den betroffenen Regionen die Lebensgrundlagen entzogen, kritisiert Sven Hilbig, Handelsexperte bei Brot für die Welt. Außerdem sähen sich Umweltschützer und Menschenrechtsverteidiger vielfach Repressalien ausgesetzt. Hotspots sind hier unter anderem das genannte Lithiumdreieck sowie die kobaltreiche Demokratische Republik Kongo.

Zahl der Autos muss laut Studie drastisch sinken

Die deutschen Autobauer hätten durchaus erkannt, "dass sie die Herkunft der Rohstoffe und die menschenrechtlichen Auswirkungen nicht länger ignorieren können", bewertet Misereor-Referent Armin Paasch die Lage. Allerdings: "Vor Ort hat sich für die Betroffenen wenig verändert." Paasch fordert deswegen, die deutschen Unternehmen gesetzlich zu verpflichten, dass sie für die Achtung der Menschenrechte in ihrer Wertschöpfungskette Sorge tragen müssen.

Um Mobilität in eine umwelt- und klimafreundliche sowie global gerechte Spur zu bringen, braucht es laut der Studie zudem eine grundlegende Verkehrswende. Die Zahl der in Deutschland zugelassenen Autos – 56,5 Millionen Kraftfahrzeuge, davon 46,5 Millionen Pkw – müsse "drastisch reduziert" und der Vorrang des Autos in der Stadtplanung und bei der Finanzierung der Infrastruktur beendet werden.

"Elektroautos mit Akkuspeicher sind zwar ökologisch die derzeit beste Option, um Verbrennungsmotoren zu ersetzen, aber auch sie verbrauchen endliche Rohstoffe in hohen Mengen", sagt Merle Groneweg von Powershift, Mitautorin der Studie.

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