Wie grün ist die Landwirtschaft?

Die kommende Heiß-Zeit ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Auch für Landwirte. Der Agrarsektor muss sich grundlegend ändern – die Konsumenten aber auch.


"Echt Grün – Eure Landwirte", heißt es auf Bauernverbands-Plakaten. Naturschützer sprechen eher von "grünen Wüsten". (Foto: Reinhard Kasulke/​Wikimedia Commons)

Schon 1962 schrieb die US-Schriftstellerin Rachel Carson in ihrem Öko-Bestseller "Der stumme Frühling“: Über allem "liegt der Schatten des Todes“, man vernimmt nur noch "Schweigen über Feldern, Sumpf und Wald“. Inzwischen wurde aus dem stummen Frühling auch ein stummer Sommer. Nicht nur in den Getreidegürteln der USA, sondern auch in den Sojafeldern Brasiliens und in den Feldern der Monokulturen Europas.

Wie heißt es im schönen Volkslied: Alle Vögel sind schon da! Von wegen. Viel zu viele schon weg – und zwar für immer.

Im Oktober 2017 wurde wissenschaftlich belegt, was Tier- und Umweltschützer schon lange vermuten: In Deutschland geht die Zahl der Insekten-Arten dramatisch zurück, um 76 Prozent in den letzten 25 Jahren. Sogar in Naturschutzgebieten. Eine ökologische Katastrophe vor aller Augen – freilich lautlos, stumm.

Glyphosat ist die Droge der heutigen Landwirtschaft

In den Zukunftsszenarien der Agrarlobby wird das umstrittene Glyphosat immer noch wie eine Massenvernichtungswaffe beschrieben, die dafür sorgen könnte, dass auch künftig alle zu essen haben, weil sie alle störenden "Unkräuter“ vernichtet.

2017 wurde erstmals eine Million Tonnen dieses Pflanzengifts verkauft. Der große Produzent Monsanto, jetzt Bayer, bietet praktischerweise zugleich gentechnisch veränderte Genpflanzen an, die gegen Glyphosat unempfindlich sind.

So werden die Chemiebauern noch abhängiger vom Chemieriesen Bayer. Viele Bauern hängen am Tropf von Glyphosat wie ein Junkie an der Nadel. 37 Prozent der Felder werden in Deutschland mit dem Gift traktiert.

Der Klimawandel allein kann die rasante Geschwindigkeit des Artensterbens nicht erklären. Eine große Rolle spielt die Intensivlandwirtschaft mit ihrem viel zu großen Pestizid- und Düngemitteleinsatz.

Die EU verteilt jedes Jahr um die 60 Milliarden Euro an die Landwirtschaft. Es ist so einfach: Wenn künftig nur noch Geld bekommt, wer umweltschonend landwirtschaftet, ist die Agrarwende in wenigen Jahren erreicht. Zum Wohl der Landwirte, der Verbraucher, der Tiere und fast aller Menschen – allerdings nicht zum Wohl der heutigen Chemie- und Lebensmittellobby.

Nur eine radikale Wende zur Bio-Landwirtschaft kann die Vielfalt und wohl auch die Zukunft der Landwirtschaft noch retten. Also eine Landwirtschaft, die Klima, Boden, Tiere, Wasser und Menschen schützt.

In Notfällen wie in diesem Hitzesommer 2018 muss die Politik den Landwirten helfen. Doch kurzfristige Hilfe hilft langfristig nicht, wenn die Bauern selbst nicht die richtigen Konsequenzen ziehen.

Zur Person

Franz Alt ist Buchautor und Fernsehmoderator. (Foto: Axel Thomae/​Sonnenseite)

Die kommende Heiß-Zeit ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Auch für Landwirte. Dürre und Überschwemmungen werden zunehmen. Doch auch das, was auf Feldern und Ställen geschieht, hat Einfluss aufs Klima. In der Massentierhaltung entstehen schädliche Treibhausgase. Aber auch Konsumenten, die viel zu viel Fleisch essen, sind mitverantwortlich.

Vielfalt statt Einfalt

Also: Weniger Tiere im Stall, mehr Vielfalt auf dem Acker, weniger Pestizide und Kunstdünger, mehr Hecken und Bäume statt immer mehr Mais und Raps. Vielfalt statt Einfalt. Die Natur will und braucht immer Vielfalt.

Die Förderpolitik der EU und des Bundes muss neu überdacht werden. Bisher galt: Je größer die Ackerfläche, desto mehr Subvention. Egal wie gewirtschaftet wird.

Qualität vor Quantität

In Zukunft sollte es Subventionen nur geben, wenn Bauern einen Beitrag zum Klima-, Tier- und Umweltschutz leisten. Qualität vor Quantität. Dafür muss sich auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auf EU-Ebene mehr stark machen.

Die kurze Zeit, die uns noch bleibt, um die Klimaerhitzung einzudämmen, läuft aus. Wir brauchen eine Öko-Landwirtschaft, die im Sinne aller wirtschaftet.

Schließlich finanzieren auch alle Steuerzahler die heutige Landwirtschaft mit. Und die Landwirtschaft ist für 15 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich.

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