Wissenschaftlich empfohlen: Systemwandel

Die Klimakrise zu bewältigen, bedeutet Systemwandel in allen Bereichen und allen Ländern, heißt es im neuen Weltklimabericht. Das habe tiefgreifende Folgen, auch für Wirtschaft und Konsum. Nur wenn Gerechtigkeit im Vordergrund steht und Betroffene wirklich beteiligt werden, könne es gelingen.


Schild mit der Aufschrift: Klimagerechtigkeit oder Aufstand.
So würde es der Weltklimarat sicher nicht formulieren. Aber im Prinzip steht das im neuen Bericht. (Foto: Markus Spiske/​Unsplash)

Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC enthält drei Teilberichte, die von unterschiedlichen Arbeitsgruppen erstellt wurden. Teil eins befasst sich mit den physikalischen Auswirkungen des Klimawandels, Teil zwei mit den Folgen und der Anpassung an den Klimawandel und Teil drei mit Klimaschutz und Klimapolitik.

Die Berichte der Arbeitsgruppen eins und zwei liegen bereits seit August 2021 und Februar 2022 vor, der aktuelle Bericht der Arbeitsgruppe drei zu Klimaschutz und Klimapolitik seit dieser Woche.

Allen gemeinsam ist das Ziel, den seit Langem geforderten größeren Einfluss von Wissenschaftler:innen aus den Entwicklungsländern endlich auch inhaltlich einzulösen – durch eine systematische Verbindung mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs).

Im Berichtskern der Arbeitsgruppe drei stehen die wichtigsten Fakten und Trends zu den Treibhausgasemissionen für die Regionen der Welt und für einzelne Sektoren wie Verkehr, Bau oder Landwirtschaft. Detaillierte Informationen über die Veränderungen zu den Vorberichten und die Perspektiven für die kommenden Jahrzehnte bei den Treibhausgasemissionen sowie die entsprechenden Maßnahmen zum Erreichen der jeweiligen Klimaschutzpfade werden hier zusammengestellt und erörtert.

Besonderen Stellenwert erhalten dieses Mal systemverändernde Ansätze, die Erreichung von Zielharmonien zwischen Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltiger Entwicklung sowie die dazu nötigen Transformationsprozesse.

Neu ist auch die breite Diskussion sozialer, sozialpsychologischer und finanzpolitischer Begleitmaßnahmen als Rahmenbedingungen zur Verbreitung und Beschleunigung von Innovationen und Systemtransformationen ("enabling conditions").

Was ist neu?

Der Beitrag der Arbeitsgruppe drei zum neuen Bericht beschäftigt sich mit der Bekämpfung des Klimawandels und den damit verbundenen sozioökonomischen und technologischen Folgen. Aufbauend auf den Ergebnissen des Vorgängerberichts von 2014 werden neue Trends ausgemacht und neue Szenarien entwickelt.

Im Besonderen spiegelt der sechste Sachstandsbericht die wachsende Orientierung der internationalen klimapolitischen Prozesse am 1,5-Grad-Ziel wider, aber auch die Entwicklungen bei den UN-Nachhaltigkeitszielen, den SDGs. Eine spezielle Rolle spielen im aktuellen Bericht die Städte sowie der Privatsektor als gesellschaftliche Akteure zur Bewältigung der Probleme des Klimawandels.

Ein Schwerpunkt wird auch auf die Rolle der Covid-19-Pandemie gelegt – sowohl unter dem Gesichtspunkt der Möglichkeit beschleunigter Maßnahmen zur Begrenzung von Mobilität als auch als globale Krisenerfahrung im Rahmen der internationalen Kooperation.

Eine weitere Neuerung ist die systematische Verzahnung von Klimaschutzmaßnahmen mit der Entwicklungsökonomik und -politik. Angestrebt wird eine Abstimmung der Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels mit den SDGs sowie eine Verbindung zu den Umwelt-, Sozial- und Governance-Steuerungsinstrumenten (ESG) in der Wirtschaft, vor allem in den weltweit tätigen Unternehmen. Im Unterschied zu früheren Berichten nehmen soziale und politische Governance-Themen daher einen wichtigen Stellenwert ein.

Ebenso neu ist die Betonung der Rolle von Innovation und Technologietransfer bei der Bekämpfung des Klimawandels. Um dieses breite Spektrum abdecken zu können, stützt sich der Bericht auf neue, multidisziplinär erarbeitete analytische Rahmen ("framings") wie etwa ökologische Ökonomik, Ethik und Gerechtigkeit, Innovation und Übergangsdynamiken sowie Ansätze der Klimasozialwissenschaften.

Zentrale Befunde

Die bereits vorliegenden Ergebnisse der Arbeitsgruppen eins und zwei deuten darauf hin, dass der Zielrahmen des Weltklimarats und der Klimapolitik sich in Richtung des 1,5-Grad-Ziels verschiebt. Die Beschlüsse des Klimagipfels von Glasgow im vergangenen November haben das "harte 1,5-Grad-Ziel" und das Ziel von netto null Emissionen zur Mitte des Jahrhunderts gestärkt.

Das erfordert einen sofortigen starken Rückgang der Treibhausgasemissionen von nie dagewesenem Umfang. Tatsächlich ist dagegen seit 2010 ein stetiger Anstieg der Treibhausgasemissionen zu verzeichnen, der heute den höchsten Stand in der Geschichte der Menschheit erreicht hat. Der Treibhausgas-Ausstoß von 2019 ist um zwölf Prozent höher als der Wert von 2010 und um 54 Prozent höher als das Niveau von 1990.

Foto: UFZ

Reimund Schwarze

ist Professor für Inter­nationale Umwelt­ökonomie an der Frankfurter Viadrina, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung UFZ in Leipzig und Berater von Klimareporter°.

Der Bericht weist auf die anhaltend unterschiedliche Verantwortung der armen und der reichen Länder dieser Welt für diese Entwicklung hin.

Die Gerechtigkeitsschieflage wird besonders deutlich, wenn man dies verbrauchsbezogen für arme und reiche Haushalte weltweit betrachtet. Dann zeigt sich: Die zehn Prozent Haushalte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen sind für 34 bis 45 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, während die ärmsten 50 Prozent der Haushalte nur 13 bis 15 Prozent der Emissionen verursachen.

Wichtig ist aus Sicht der Berichtsautor:innen auch die Tatsache, dass der Konsum der reichsten Haushalte besonders auf Produkte mit einem übermäßigen CO2-Fußabdruck wie SUVs und Fernreisen entfällt.

Nach wie vor ist die Energieerzeugung mit 34 Prozent des Treibhausgasausstoßes die wichtigste Emissionsquelle der Welt. Ihr Anteil schrumpft jedoch drastisch auf zwölf Prozent, wenn man diese Emissionen den Verbrauchssektoren Industrie und Bau zurechnet, deren Anteile dann von 24 auf 34 Prozent (Industrie) und von sechs auf 16 Prozent (Bau) anwachsen.

Weil sie damit zusammengenommen die Hälfte aller Treibhausgasemissionen weltweit steuern, erfahren Bau und Industrie in diesem Bericht besondere Aufmerksamkeit. Bauen und Gebäude spielen auch deshalb eine besondere Rolle, weil bereits die Anstrengungen in dieser Dekade darüber entscheiden, ob das Ziel der Klimaneutralität zur Jahrhundertmitte erreicht werden kann.

Was die Covid-19-Pandemie angeht, deuten die wissenschaftlichen Daten darauf hin, dass die Treibhausgasemissionen lediglich im ersten Pandemiejahr 2020 gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen sind (um 5,8 Prozent), aber schon im Folgejahr 2021 nahezu ausgeglichen wurden (3,8 bis 5,7 Prozent Zuwachs).

Innovationen und Umsetzungsdefizite

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass neue Technologien, politische Maßnahmen und Investitionsmuster die weltweiten Emissionsszenarien drastisch verändern können. Der neue IPCC-Bericht stellt fest, dass die Kosten für die Einführung fortschrittlicher Technologien seit den 2010er Jahren beträchtlich gesunken sind.

Den schnellsten Kostenrückgang verzeichnet der sechste Sachstandsbericht bei Solartechnik und Batterien (je 85 Prozent) sowie der Windkraft (55 Prozent). Zugleich ist die Verbreitungsrate nach wie vor niedrig, besonders in den Entwicklungsländern, weil dort Rahmenbedingungen wie funktionierende Finanzmärkte und abgestimmte Steuerungsinstrumente fehlen.

Einen erheblichen Wandel beobachten die Autor:innen dagegen im sozialen, rechtlichen und politischen Bereich, wo sich in den letzten Jahren auf nationaler und subnationaler Ebene einschneidende Veränderungen vollzogen haben. So enthalten die – erst nach dem fünften Sachstandsbericht von 2014 abgeschlossenen – internationalen Klimaabkommen wie der Paris-Vertrag sehr ehrgeizige Ziele, um die globale Erwärmung zu begrenzen (das "harte 1,5-Grad-Ziel" in der Fassung von Glasgow).

Die zunehmende Verankerung dieses Ziels bei den wichtigsten Interessengruppen wurde dadurch erleichtert, dass sich auf der Ebene von gesellschaftlichen Akteuren wie Unternehmen und Städten neue Informationspflichten zur Offenlegung von Klimarisiken etabliert haben, begleitet durch Klimaklagen von Betroffenen und Initiativen von unten zur beschleunigten Erprobung von Instrumenten etwa in Modellstädten und -kommunen.

Trotz allem stellt der Bericht eine anhaltend große Lücke von über 80 Prozent zwischen den derzeitigen klimabezogenen Finanzströmen und dem weltweiten Bedarf fest. Es werden daher vermehrte Anstrengungen gefordert, um private grüne und nachhaltige Investitionen zu mobilisieren und diese Lücke zu schließen.

Der Mangel an finanziellen Mitteln ist für den Weltklimarat einer der Gründe, warum die aktuellen klimapolitischen Zusagen hinter den politischen Zusagen hinterherhinken. Weitere Gründe für unzureichende Durchbrüche bei den grünen und widerstandsfähigen Technologien sind: mangelnde Koordinierung, fehlende Infrastrukturen, regulatorische Trägheit und fehlende technologische Kapazitäten – besonders in den Entwicklungsländern.

Um diese Innovations- und Umsetzungsbarrieren zu überwinden, ist aus Sicht des IPCC die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen zur Verbreitung und Beschleunigung von Innovationen und Systemtransformationen erforderlich. Dazu gehören eine besser koordinierte und effizientere Politik auf nationaler und internationaler Ebene, eine Umlenkung von Finanzströmen aus CO2-intensiven Geldanlagen in grüne und resiliente Aktivitäten und schließlich der Aufbau von Handlungskompetenzen vor Ort – vor allem in den Städten und Kommunen.

Zielharmonien zwischen Klimaschutz, Anpassung und Nachhaltigkeit

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Klimaanpassung sollten nach Expertenrat den anderen UN-Nachhaltigkeitszielen nicht entgegenstehen. Derzeit gelten solche Maßnahmen als Konflikte mit anderen SDGs wie Bildung oder Zugang zu Trinkwasser und sanitärer Versorgung. Es müssen deshalb Wege gefunden werden, um nicht nur das SDG 13 (Klimaschutz), sondern auch weitere der insgesamt 17 SDGs zu erreichen.

In der Tat gehen strenge Klima-Maßnahmen zumindest kurzfristig mit wirtschaftlichen Einbußen einher. Um den damit verbundenen sozialen und politischen Herausforderung weltweit zu begegnen, wird das Konzept eines sozial gerechten Übergangs ("just transition") vorgeschlagen.

Es wird derzeit schon in den Industrieländern wie der EU umgesetzt. Die weltweite Anwendung des Konzepts soll sicherstellen, dass der Übergang zur Klimaneutralität die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Gesellschaft auf allen Ebenen und in allen Regionen berücksichtigt.

Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels sind eng verknüpft mit den Herausforderungen für die gefährdete Bevölkerung und die Ökosysteme, bei denen Lebensmittel-, Wasser- und Energiefragen im Vordergrund stehen müssen. Gleichzeitig können Klimaschutz und Klimaanpassung – zum Beispiel durch Gründächer, Frischluftkorridore oder Parks – ökonomische und soziale Vorteile in städtischen Gebieten mit sich bringen, etwa die Eindämmung von Überschwemmungen, die Verringerung des Drucks auf die städtische Kanalisation oder den Abbau von städtischen Wärmeinseln.

Bei flächenbezogenen Maßnahmen kann auch ein Zusatznutzen für die Klimaanpassung in ländlichen Regionen entstehen, etwa die Bekämpfung der Wüstenbildung, die Stabilisierung der Böden oder mehr Ernährungssicherheit.

Ein Kapitel für Suffizienzstrategien

Erstmals wird in einem IPCC-Bericht den Strategien zur Änderung des Konsumverhaltens ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Möglichkeiten für Klimaschutzmaßnahmen auf der Nachfrageseite und für neue Dienstleistungen in den Bereichen Mobilität, Ernährung und Lebensstile sind umfangreich, schreibt der Weltklimarat. Das Potenzial zur Verringerung der Treibhausgasemissionen in den Endverbrauchssektoren liegt bei 40 bis 70 Prozent im Jahr 2050, gemessen an Weiter-so-Szenarien.

Optionen für den Lebensstil, die zu den nachfrageseitigen Maßnahmen zählen – etwa die Anpassung der Heiz- und Kühlungseinstellungen, eine reduzierte Nutzung elektrischer Geräte, die Verlagerung der Mobilität auf den öffentlichen Nahverkehr, weniger Flugreisen und besseres Recycling –, können Einsparungen von zwei Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2030 und drei Milliarden Tonnen im Jahr 2050 bewirken. Gemeint sind zusätzliche Einsparungen über die herkömmlichen, technologiezentrierten Minderungsszenarien hinaus.

Eine Umstellung auf eine Ernährung mit einem höheren Anteil an pflanzlichem Eiweiß in Regionen mit einem übermäßigen Verbrauch an Kalorien und tierischen Nahrungsmitteln führt zu einer erheblichen Verringerung der Treibhausgasemissionen und bietet gleichzeitig Vorteile für die Gesundheit.

Eine fleisch- und milcharme Ernährung ist in vielen Ländern und Kulturen bereits weit verbreitet und wird in anderen Ländern immer häufiger praktiziert, obwohl der Anteil derzeit noch sehr gering ist. Eine pflanzliche Ernährung kann die Emissionen im Vergleich zur durchschnittlichen emissionsintensiven westlichen Ernährung um bis zu 50 Prozent senken.

Die Bereitstellung ressourcen- und energieärmerer Dienstleistungen ist möglich und steht im Einklang mit der Schaffung von Wohlstand für alle, konstatieren die Autor:innen.

Übereinstimmung erst nach zähem Ringen

Zusammenfassend hält der IPCC im sechsten Sachstandsbericht fest, dass Szenarien, die die Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen, Systemtransformationen in allen Bereichen und allen Ländern erfordern. Das hat tiefgreifende Konsequenzen, etwa Veränderungen im Konsumverhalten oder in der Beschäftigungs- und Wirtschaftsstruktur.

Nur Wege, die die Gerechtigkeit in den Vordergrund stellen und eine breite Beteiligung der Betroffenen ermöglichen, können einen Konsens für diese Veränderungen ermöglichen. Dafür gab es viele Belege in der Literatur, aber erst nach zähem Ringen und 48-stündiger Verspätung bei der Berichtsveröffentlichung die notwendige breite Übereinstimmung im Weltklimarat.

Nicht unbeachtet blieb auch der Ukraine-Krieg. Viele Delegierte bedauerten in offiziellen Erklärungen die russische Invasion und brachten ihre Wertschätzung für die ukrainische Delegation beim IPCC zum Ausdruck. Diese wiederum teilte in ihrer Schlusserklärung mit, dass mehrere ihrer Mitglieder aus dem Untergrund arbeiten mussten. Die Delegation betonte, dass die Invasion "in vielerlei Hinsicht eine Folge der Nutzung fossiler Brennstoffe ist".

IPCC-Sekretär Abdalah Mokssit gab bekannt, dass die nächste Tagung des Weltklimarats vom 26. bis 30. September in Genf stattfinden wird, um die "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" des kommenden Syntheseberichts im Einklang mit den Vorberichten der Arbeitsgruppen eins und zwei zu genehmigen.

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