Weltklimarat: Emissionen müssen schnell und rapide sinken

Das 1,5-Grad-Ziel kann noch eingehalten werden, zeigt der lange erwartete Sonderbericht des Weltklimarats IPCC. Voraussetzung sind jedoch beispiellose Veränderungen in allen wichtigen Sektoren der Weltwirtschaft – darunter ein kompletter Kohleausstieg.


Die Erde, vom All aus gesehen
Planet in Gefahr. (Foto: Wiki lmages/​Pixabay)

Vor drei Jahren hat sich die Menschheit ein großes Ziel gesetzt. Sie will die von ihr selbst verursachte Erderhitzung auf ein Maß zu begrenzen, das aller Voraussicht nach noch beherrschbar sein wird.

Wo dieses Limit liegen soll, ja liegen muss, damit ein katastrophaler Klimawandel – eine "Heißzeit" mit unabsehbaren Folgen – verhindert werden kann, ist im Pariser Klimaabkommen auch klar benannt. Die Erwärmung soll bei "deutlich unter zwei Grad" gestoppt werden, am besten aber bei 1,5 Grad.

Ob und wie das ambitioniertere 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist und welche Klimawandelfolgen sich die Menschheit damit gegenüber dem Zwei-Grad-Ziel ersparen würde, dazu hat der Weltklimarat IPCC am heutigen Montag im koreanischen Incheon seinen lange erwarteten Sonderbericht vorgelegt.

Die gute Nachricht des Berichts, der eine Art Machbarkeits-Metastudie darstellt, lautet: Aus naturwissenschaftlicher und technischer Sicht ist eine Begrenzung der Erwärmung in diesem Jahrhundert auf 1,5 Grad noch machbar.

Das ist eine sehr starke Botschaft. Immerhin hat sich die Erde bereits um rund ein Grad aufgeheizt, seit vor gut 150 Jahren mit der industriellen Revolution mit dem massenhaften Verbrennen fossiler Energieträger begonnen wurde. Um das Limit einzuhalten, ist nur noch ein Spielraum von einem halben Grad übrig.

Allerdings, und das ist die weniger gute Nachricht, sind dafür "schnelle und weitreichende Veränderungen" ("rapid and far-reaching transitions") in allen wichtigen Sektoren der Weltwirtschaft nötig – in Energie, Industrie, Verkehr, Gebäuden, Städten und Landnutzung. Diese Veränderungen, so heißt es in der "Zusammenfassung für Entscheidungsträger", sind von "beispiellosem Ausmaß". 

Schnell und weitreichend heißt: Bis 2030 müsste der weltweite Treibhausgas-Ausstoß praktisch halbiert werden, nämlich um rund 45 Prozent gegenüber dem Level von 2010 sinken, um dann 2050 – so wie im Paris-Abkommen vereinbart – bei "netto null" zu liegen. Das bedeutet: Nicht vermeidbare Emissionen, zum Beispiel aus der Landwirtschaft, würden dann durch CO2-Entfernung aus der Atmosphäre wieder ausgeglichen. 

Peilt man hingegen das Zwei-Grad-Ziel an, müssten die Emissionen bis 2030 um rund 20 Prozent nach unten gehen. Dann könnte man "netto null" im Jahr 2075 erreichen.

Doch eine Erwärmung um zwei Grad zuzulassen würde große Nachteile für Menschen und Ökosysteme mit sich bringen. Bereits jetzt, bei einem Plus von rund einem Grad, sind weitreichende Folgen des Klimawandels zu spüren – zum Beispiel mehr Extremwetter-Ereignisse, steigende Meeresspiegel und das Abschmelzen des arktischen Meereises.

Diese Konsequenzen nehmen laut IPCC mit der weiteren Erwärmung zu. "Jedes zusätzliche bisschen Erwärmung ist wichtig, besonders, weil eine Erwärmung um 1,5 Grad oder mehr das Risiko von lang anhaltenden oder irreversiblen Veränderungen bringt, wie dem Verlust einiger Ökosysteme", sagte Hans-Otto Pörtner, der Ko-Vorsitzende einer der Arbeitsgruppen des Rats.

Alles über 1,5 Grad wird teuer

Das 1,5-Grad-Ziel hat, wie der Report der Wissenschaftler betont, gegenüber einer Erwärmung um zwei oder sogar mehr Grad sehr deutliche Vorteile. Beispiele aus dem Bericht: Der Meeresspiegel-Anstieg würde geringer ausfallen, ein Teil des Eises am Nordpol könnte erhalten bleiben, bis zu 30 Prozent der Korallen in den Tropen – wichtig für Artenvielfalt im Meer und den Fischfang – könnten überleben. Auch die Versauerung der Ozeane würde geringer ausfallen, ebenso die Abnahme ihres Sauerstoffgehalts.

Das hat auch konkrete Folgen für den Menschen. So wären durch den niedrigeren Meeresspiegel-Anstieg weltweit bis zu zehn Millionen Küstenbewohner weniger von den damit verbundenen Risiken wie Landverlust oder höhere Sturmfluten betroffen. Insgesamt wurde die geringere Erwärmung den Menschen, den Tier- und Pflanzenarten sowie den Ökosystemen laut IPCC mehr Möglichkeiten geben, sich an den Klimawandel anzupassen. Auch die Risiken für das globale Wirtschaftswachstum wären geringer.

Um dies zu verhindern, müsste die Stromversorgung bis 2050 zu 70 bis 85 Prozent durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Kohle hingegen darf dann keine Rolle mehr spielen, ihr Beitrag muss bis zur Mitte des Jahrhunderts annähernd bei null liegen.

Dafür dürfte die Nutzung der Atomkraft nach Ansicht des IPCC steigen, ebenso der Einsatz von Gaskraftwerken – allerdings nur mit CCS. Den Beitrag von Erdgas (mit CCS) sehen die Modelle, die der Klimarat für seinen Bericht ausgewertet hat, dann bei acht Prozent.

Berechnet haben die Forscher auch die Möglichkeit, das 1,5-Grad-Limit zeitweise zu überschreiten ("Overshoot"), die Temperatur dann aber durch deutlich mehr "negative Emissionen" bis 2100 wieder zu senken. Sie warnen aber, dass die dafür nötigen Technologien zum Teil nicht im großen Stil erprobt sind und teilweise im Widerspruch zu anderen Zielen einer nachhaltigen Entwicklung stehen.

Wie groß die Aufgabe ist, das deutlich vorteilhaftere 1,5-Grad-Ziel doch noch zu schaffen, lässt sich ermessen, wenn man sich die Entwicklung des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes betrachtet. Trotz der internationalen Klimaverträge (Rio 1992, Kyoto 1997, Paris 2015) ist er immer nur weiter gestiegen und erreichte 2017 einen neuen Rekordwert von 42 Gigatonnen. Gebremst wurde der Ausstoß bislang nur durch Wirtschaftskrisen.

Geht es mit den Emissionen weiter wie bisher, wird die 1,5-Grad-Marke bereits zwischen 2030 und 2052 erreicht sein, heißt es im Bericht. Das verbliebene CO2-Budget bis zu diesem Limit schätzen die Wissenschaftler auf 420 bis 770 Gigatonnen.

Der Report macht zudem klar, dass die Hürden für einen schnellen klimafreundlichen Umbau der Weltwirtschaft hoch sind. "Die gute Nachricht ist allerdings, dass einige der Maßnahmen, die für eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad bereits auf der ganzen Welt eingeleitet sind", sagte die leitende IPCC-Forscherin Valerie Masson-Delmotte. "Aber sie müssten schneller umgesetzt werden." Tatsächlich sind in den letzten Jahren zum Beispiel weltweit mehr Investitionen in neue Öko-Kraftwerke als in fossile Anlagen geflossen.

Die Forscher betonen jedoch auch die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile, die ein rasches Umsteuern mit sich bringen würde. Die Kosten etwa, die Klimawandelfolgen mit sich bringen, wären bei 1,5 Grad Erwärmung um das Drei- bis Vierfache niedriger als bei zwei Grad. Auch für die Nachhaltigkeitsziele der UN wäre laut Bericht viel gewonnen.

"Wir sind absolut nicht auf Kurs"

Der neue IPCC-Report war 2015 vom Pariser Klimagipfel in Auftrag gegeben worden, um die Chancen und Notwendigkeiten für das 1,5-Grad-Ziel auszuloten und damit eine Grundlage für den nächsten UN-Klimagipfel im polnischen Katowice zu liefern. In Katowice soll Bilanz gezogen werden, welche zusätzlichen Klima-Maßnahmen weltweit nötig sind, um den 1,5-bis-zwei-Grad-Pfad zu erreichen. Bislang steuert die Welt einen Drei-bis-vier-Grad-Kurs.

Für den 400 Seiten starken Bericht, den 86 Wissenschaftler, darunter vier deutsche Forscher, zusammentrugen, wurden über 6.000 Studien aus anerkannten Wissenschaftspublikationen ausgewertet. Im Laufe der letzten Woche verabschiedeten Diplomaten aus aller Welt bei einem Treffen in Incheon die nun auch veröffentlichte 33-seitige Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger.

Wie befürchtet haben einige nationale Delegationen bei den Beratungen in Incheon offenbar versucht, den Text zu entschärfen – darunter das Erdölland Saudi-Arabien, das Nachteile durch eine schnellere Abkehr von fossilen Energien befürchtet. China soll Vorbehalte gegenüber bestimmte in dem Bericht genannten Klimaschutz-Maßnahmen geäußert haben, und die USA vertreten unter Präsident Donald Trump ohnehin eine klimaskeptische Linie. Die US-Delegation soll bei den Beratungen aber zurückhaltend aufgetreten sein.

Umweltschützer von Greenpeace und anderen Organisationen hatten parallel zu den Verhandlungen in Incheon Druck für höhere nationale CO2-Ziele gemacht. Ohne eine Nachbesserung durch die Regierungen sei das 1,5-Grad-Ziel nicht zu erreichen, warnte die Chefin von Greenpeace International, Jennifer Morgan, in einer Online-Pressekonferenz des Climate Action Network (CAN), des größten Zusammenschlusses von Klimaschützern weltweit.

"Wir sind absolut nicht auf Kurs", sagte Morgan. Sie rief Regierungen und Verhandler beim kommenden Katowice-Gipfel auf, den Bericht zum 1,5-Grad-Ziel "sehr ernst" und als Richtschnur zu nehmen.

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