Reichtum gibt (Treibhaus-)Gas

Laut einer Oxfam-Studie schädigt das reichste Prozent der Weltbevölkerung das Klima doppelt so stark wie die ärmere Hälfte der Welt. Die Klima- und die Ungleichheitskrise müssen zusammen gelöst werden, heißt es bei der Entwicklungsorganisation.


Eine Luxusyacht mit einigen Menschen fährt in hoher Geschwindigkeit vorbei.
Eigenes Auto, eigene Villa, eigene Yacht: Seit einigen Generationen haben sich die Lebensziele – ob erreichbar oder nicht – materialisiert. (Foto: Skeeze/​Pixabay)

Reichtum wirkt als Klimakiller. Für den Anstieg der Treibhausgas-Emissionen in den letzten drei Jahrzehnten sind nach einer Analyse der Entwicklungsorganisation Oxfam vor allem die reichsten zehn Prozent der Menschheit verantwortlich – und nicht, wie häufig angenommen, die globale Mittelklasse.

Es geht dabei um die "Top Emitters" zumeist aus Industrie- und Schwellenländern, die oft Vielflieger und Besitzer von mehreren Immobilien und Autos sind. 

Oxfam legt den Report "Confronting Carbon Inequality" (Bekämpfung der CO2-Ungleichheit) anlässlich der klimapolitischen Gespräche im Rahmen der UN-Generalversammlung in New York vor, die derzeit läuft.

Der Bericht analysiert für 117 Staaten, für welchen Anteil am Treibhausgas-Ausstoß die einzelnen Einkommensgruppen verantwortlich sind – und zwar summiert für die klimapolitisch wichtigen Jahre zwischen 1990 und 2015, in denen sich die Emissionen von CO2, Methan, Lachgas et cetera weltweit verdoppelt haben. 1990 war auf dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro die Weltklimakonvention verabschiedet worden. Ziel: das Weltklimasystem zu stabilisieren. 

Laut dem Bericht sind die reichsten zehn Prozent – im Jahresschnitt 630 Millionen Menschen – für rund die Hälfte (52 Prozent) der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, die in dem Vierteljahrhundert ausgestoßen wurden.

Wichtiger Hebel: Verkehr

Das reichste eine Prozent alleine schädigte das Klima sogar doppelt so stark wie die ärmere Hälfte der Welt: Es verantwortete 15 Prozent der Gesamtemissionen, die ärmere Hälfte hingegen nur rund sieben Prozent.

Weiterer Beleg für die Ungleichheit: Von dem im Jahr 1990 noch verfügbaren globalen Emissionsbudget verbrauchten die reichsten zehn Prozent ein Drittel, die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung dagegen nur vier Prozent.

Kurvendiagramm: Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen etwa so viel Treibhausgase wie die anderen 90 Prozent.
Treibhausgasemissionen verschiedener globaler Einkommensgruppen in den letzten 25 Jahren. Die Mittelklasse (hellgrün) liegt zwischen umgerechnet rund 5.000 und 32.000 Euro Jahreseinkommen. (Grafik: aus dem Report)

Das Emissionsbudget beziffert die Menge an Treibhausgasen, den die Menschheit noch in die Atmosphäre blasen darf, ohne dass die Erderwärmung über 1,5 Grad ansteigt. Dieser Wert gilt als Grenze, um einen unkontrollierbaren Klimawandel zu verhindern.

Das Weltklimaabkommen von Paris 2015 zieht die maximale Obergrenze bei zwei Grad, fordert aber Anstrengungen für 1,5 Grad. Erreicht sind bereits 1,1 Grad.  

Um die 1,5 Grad zu halten, müssten laut der Oxfam-Kalkulation die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung ihre durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen bis 2030 auf ein Zehntel des bisherigen Werts senken. "Dies würde die globalen Emissionen insgesamt um ein Drittel verringern", so die Organisation. Ein wichtiger Hebel dabei sei der Verkehr.

Andere aktuelle Studien zeigten, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte für fast die Hälfte beziehungsweise drei Viertel des Energieverbrauchs verantwortlich sind, der auf den Verkehr über Land respektive den Flugverkehr zurückgeht. Der Verkehrssektor ist für rund ein Viertel der weltweiten Emissionen verantwortlich, und der Umstieg von herkömmlichen Pkw auf SUVs ist der zweitgrößte Emissionstreiber zwischen 2010 und 2018.

Oxfam fordert Steuern auf SUVs und für Vielflieger

Oxfam Deutschland fordert, den "exzessiven CO2-Ausstoß der Wohlhabenden" einzuschränken. "Wir müssen die Klima- und die Ungleichheitskrise zusammen lösen", kommentierte Analystin Ellen Ehmke, "Steuern für klimaschädliche SUVs und häufiges Fliegen wären ein erster Schritt."

Regierungen sollten die Einnahmen in klimaeffiziente Mobilität, in öffentliche Infrastrukturen und Dienste sowie in soziale Absicherung investieren. "Das lässt nicht nur die Emissionen sinken, sondern hilft auch Armut und Ungleichheit zu überwinden", so Ehmke. Sie kritisierte eine Politik, die auf Konsumanreize setze, immerwährendes Wachstums verspreche und die Welt ökonomisch in Gewinner und Verlierer spalte.

Deutschland und seine reichsten zehn Prozent

Die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sind für 26 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich, die hierzulande seit 1990 in die Luft geblasen wurden. Nur etwas mehr (29 Prozent) hat die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung verbraucht, die fünfmal so viele Menschen umfasst (41,5 Millionen). Im Jahr 2015 verantworteten die reichsten zehn Prozent sogar mehr CO2 als die ärmere Hälfte der Bevölkerung.

 

Der Anteil an den deutschen CO2-Emissionen, für den die reichsten zehn Prozent verantwortlich sind, ist zwischen 1990 und 2015 von 25 auf 29 Prozent gestiegen, während der Anteil beim übrigen Teil der Bevölkerung entweder gleich blieb oder sank. Das heißt, die Reichsten schädigen im Verhältnis zum Rest der Bevölkerung das Klima stärker als 1990.

 

Insgesamt sind die Pro-Kopf-CO2-Emissionen der deutschen Bevölkerung zwischen 1990 und 2015 gesunken – von durchschnittlich 14,7 Tonnen auf 10,8. Allerdings liegt der Wert immer noch viel zu hoch. Um das globale Emissionsbudget bis 2030 nicht zu sprengen, wäre ein globaler Durchschnitt von 2,1 Tonnen CO2 nötig. Die Emissionen der reichsten zehn Prozent in Deutschland betrugen 2015 fast 15-mal so viel. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen der ärmeren Hälfte der deutschen Bevölkerung überstiegen diesen Wert immer noch um fast das Dreifache.

Auf das Problem der "CO2-Ungleichheit" hatten früher auch schon unter anderem der bekannte französische Ökonom Thomas Piketty und das deutsche Club-of-Rome-Mitglied Franz-Josef Radermacher hingewiesen.

Radermacher fordert neben politischen Klimaschutz-Maßnahmen wie einem CO2-Preis auch freiwillige Investitionen in die CO2-Kompensation – vor allem von großen Unternehmen und Wohlhabenden, die einen besonders klimaschädlichen Lebensstil pflegen. Die Finanzmittel sollen dabei genutzt werden, um Projekte in Entwicklungsländern zu finanzieren, die dort Treibhausgase vermeiden oder CO2 wieder aus der Atmosphäre holen – zum Beispiel Biogasanlagen, Häuserdämmung oder Aufforstung.

Radermacher glaubt, dass die Reichen durchaus zu motivieren wären, einen Teil ihres Geldes in die Kompensation zu geben. "Bei einer Klimakatastrophe werden nach Studien weltweit substanzielle Teile des Eigentums zum Beispiel bei Aktien vernichtet werden, und das trifft die Vermögenden besonders stark."

Das heiße: "Sie gefährden ihren eigenen Wohlstand, aber auch ihren Lebensstil, wenn sie nichts gegen den Klimawandel unternehmen." Ohne einen solchen Umschwung drohten über kurz oder lang einschneidende politische Maßnahmen – wie gesetzliche Verbote von Flugreisen, Stilllegung von SUV oder hohe Steuern auf Zweit- oder Drittwohnungen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier