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Noch lässt sich eine Klimakatastrophe abwenden

Der neue Bericht des Weltklimarats zeigt, dass sich die Treibhausgas-Emissionen schnell genug senken ließen. Das geht laut dem IPCC auch bei einer weiter wachsenden Weltwirtschaft und würde sich wahrscheinlich sogar rechnen, weil dann Klimaschäden vermieden werden.


Industrielandschaft am Horizont mit qualmenden Schloten vor dunkelblau bewölktem Himmel.
Schon die aktuelle Erwärmung hat schwerwiegendere Folgen als bislang erwartet. (Foto/​Ausschnitt: Alexander Droeger/​Pixabay)

So lange haben die Verhandlungen über die "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" eines Berichts des Weltklimarats IPCC noch nie gedauert. Erst Sonntagnacht waren sich die Vertreter der 195 IPCC-Mitgliedsstaaten schließlich einig. Welche Länder und Themen für die über zweitägige Verspätung verantwortlich waren, ist allerdings noch nicht bekannt.

Das zweistufige Vorgehen des IPCC, bei dem erst Wissenschaftler einen mehr als tausendseitigen Bericht verfassen und dann Diplomaten die gut 60-seitige Zusammenfassung aushandeln, habe zwei Vorteile, sagte der Co-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer: Alle Länder müssen so den zugrundeliegenden Bericht im Detail durchgehen – und sie erkennen dessen Inhalt durch die Verabschiedung schließlich offiziell an.

Der am heutigen Montag erschienene Bericht beschreibt, was die Menschheit tun muss, um den Klimawandel zu stoppen. Kurz, es geht um die Minderung der Treibhausgasemissionen, was wohl für die kontroversen Verhandlungen mitverantwortlich ist. Der Bericht ist der dritte Teil des sechsten Sachstandberichts des IPCC und stellt die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Erscheinen des fünften Berichts im Jahr 2014 dar.

Der neue Bericht wartet denn auch mit einigen Neuerungen auf. Er geht stärker auf die Rolle von nichtstaatlichen Akteuren wie Unternehmen und Finanzinstituten ein. Er enthält zum ersten Mal ein Kapitel zur Nachfrage nach Energie und energieintensiven Gütern und er beleuchtet die sozialen Aspekte des Umbaus unserer Gesellschaften viel detaillierter als bislang.

"Die Wissenschaft zeichnet die Landkarte mit allen Gefahrenstellen und Wegen, damit die Politik faktenbasiert entscheiden kann", sagte Edenhofer.

Isolierte Einzelmaßnahmen reichen nicht aus

Ausgangspunkt dabei sind die Entwicklung der Emissionen, die noch immer steigen, und die bestehenden Klimaschutzmaßnahmen. Diese reichen nicht aus, um die Erwärmung bei zwei Grad zu stoppen, geschweige denn bei 1,5 Grad.

Dazu müssen die weltweiten Emissionen in spätestens drei Jahren ihren Höhepunkt erreichen, dann bis zum Jahr 2030 etwa halbiert werden und im Jahr 2050 auf netto null sinken. Der Bericht macht deutlich, dass das noch möglich ist – sogar bei tragbaren Kosten. Alle durchgerechneten Szenarien gehen davon aus, dass die Wirtschaft weiter wächst.

"Wenn wir die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Erwärmung auf zwei Grad oder weniger zu begrenzen, würde das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2050 nur um wenige Prozentpunkte niedriger ausfallen", sagte Priyadarshi Shukla, einer der Co-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe, die den Bericht erarbeitet hat. Noch nicht einmal berücksichtigt seien dabei die wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus geringeren Anpassungskosten oder vermiedenen Klimaauswirkungen ergeben.

Einzelne, isolierte Maßnahmen reichen allerdings nicht, um die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz, der auch die institutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, kann der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen.

Entscheidend sind hier auch die Finanzmärkte, denn noch sind die Finanzflüsse für den Klimaschutz um einen Faktor drei bis sechs niedriger, als es bis 2030 nötig wäre. "Es geht darum, die riesigen Finanzflüsse dieser Welt zu nutzen, dass sie helfen, unsere Zukunft zu sichern, statt sie zu gefährden", sagte Kerstin Lopatta von der Universität Hamburg.

Dazu müssten Unternehmen standardisiert über ihre Emissionen berichten sowie über die Klimarisiken, denen sie ausgesetzt sind. Derzeit arbeiten diverse Gremien an Standards für diese Berichte.

Negative Emissionen – aber welche?

Aber selbst mit einer viel effektiveren Klimapolitik wird die Menschheit in Zukunft der Atmosphäre CO2 entziehen müssen. Dies liegt zum einen in der Natur der "Netto-Null-Ziele", bei denen es noch Restemissionen gibt, die anderweitig ausgeglichen werden müssen. Zum anderen könnte die Erwärmung die 1,5-Grad-Grenze zeitweise überschreiten.

Zur CO2-Entnahme stehen verschiedene Optionen zur Verfügung, die allerdings alle eine begrenzte Kapazität haben und verschiedene Risiken bergen. Am wenigsten kontrovers sind die Aufforstung geeigneter Flächen und die Wiedervernässung von Mooren. Richtig gemacht, lassen sich damit auch Vorteile für die Artenvielfalt erzielen.

Schwieriger ist schon BECCS. Dabei wird Bioenergie (BE), also Holz oder andere Biomasse, zur Energieerzeugung verbrannt, anschließend wird das CO2 abgeschieden und unterirdisch verpresst (CCS). Falls BECCS im großen Stil zum Einsatz kommen soll, würden allerdings riesige Biomasseplantagen benötigt.

Technisch möglich ist auch schon, CO2 aus der Luft zu filtern – mittels Direct Air Capture (DAC) – und anschließend per CCS zu versenken. Der Platzbedarf hierfür ist geringer, dafür aber sind riesige Mengen an Ökostrom erforderlich.

Wie dringend die Halbierung der Emissionen bis zum Jahr 2030 und die Absenkung auf netto null bis 2050 sind, hat der zweite Teil des IPCC-Sachstandberichts gezeigt, der im Februar veröffentlicht wurde: Die schon zu verzeichnende Erwärmung um 1,1 Grad hat schwerwiegendere Folgen als zuvor erwartet, und "die mittel- und langfristigen Auswirkungen sind bis zu einem Vielfachen höher als die derzeit beobachteten".

Es bleibt daher zu hoffen, dass die "Entscheidungsträger" dieser Welt den dritten Teil des IPCC-Berichts tatsächlich als "Landkarte" benutzen und die Menschheit aus der Klimakrise führen.

Inhaltlicher Überblick: 1,5 Grad erfordern globale CO2-Neutralität schon Mitte des Jahrhunderts

Unser Kommentar: Die Zeit läuft ab

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