Reklame für ESG

Ökologisch, sozial, gute Unternehmensführung – mit diesen Kriterien werben immer mehr Finanzprodukte. Doch was wirklich nachhaltig ist, liegt im Auge des Betrachters. Ohne klare gesetzliche Regeln sind unabhängige Bewertungen nicht möglich, sagen Verbraucherschützer.


Grafik: Eine Pflanze, die aus einem Haufen Geldscheine wächst.
Grafik: Kristin Rabaschus

Die Finanzwirtschaft muss nachhaltig werden. Starke Regeln für Umweltschutz, Soziales und gute Unternehmensführung – englisch environment, social, governance (ESG) – fordern Umweltaktivisten, Nichtregierungsorganisationen und auch Politiker fast aller Couleur.

"Die Investitionsentscheidungen der Finanzwirtschaft können die Klima- und Biodiversitätskrise verschärfen, etwa wenn sie weiterhin vorwiegend in fossilen Energieträgern anlegen", mahnt Jörg-Andreas Krüger, Chef des Naturschutzbundes. Werden die Mittel aber nachhaltig eingesetzt, leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. "Damit stellen sie einen höchst wirksamen Hebel dar, um unsere Wirtschaft nachhaltig zu verändern."

Dies ist zunehmend auch ein Thema für Sparer. Laut Umfragen zeigt sich jeder zweite an "grünen" Geldanlagen interessiert. Mittlerweile bietet nahezu jede Bank und jede Sparkasse nachhaltige Finanzprodukte an, die mehr oder weniger soziale und ökologische Faktoren berücksichtigen und gute Unternehmensführung belohnen. So weit, so gut.

Doch der Teufel steckt wie üblich im Detail. Das gilt auch für den Versuch, "Nachhaltigkeit" zu regulieren. Hierzu gibt es mittlerweile konkurrierende Vorschläge der deutschen Finanzaufsicht Bafin und der Europäischen Kommission.

Der Bund war mit seinen "grünen" Staatsanleihen im vergangenen Jahr vorgeprescht, die EU hat im September einen "Rahmen für grüne Anleihen" angenommen. Fondsverbände, Bankenlobby und zivilgesellschaftliche Organisationen wie Finanzwende oder WWF mischen munter mit im nachhaltigen Brei, der in Brüssel und Berlin angerührt wird.

Streitthema Nummer eins in Europa ist nach wie vor die Atomenergie. Ob ein Finanzprodukt auf Atomkraft setzt oder nicht, lässt sich freilich in den meisten Fällen aus dem Kleingedruckten im Beipackzettel entnehmen, den der Gesetzgeber längst vorschreibt.

Doch nicht jede Bank oder Fonds spielt mit offenen Karten. Als nachhaltig beworbene Anlagen sollten zu konkreten Veränderungen führen, also zum Beispiel Treibhausgasemissionen reduzieren oder Sozialstandards verbessern. Bei vielen Geldanlagen ist eine solche Wirkung allerdings unklar. "Auch bei Geldanlagen besteht die Gefahr von Greenwashing", warnt Klaus Müller, Vorstand beim Bundesverband der Verbraucherzentralen VZBV.

"Ohne gesetzliche Regelung nur eine Marketingmasche"

Einen beispielhaften Fall, wie eine Anlage grüner gemacht wird als sie ist, hat die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg aufs Korn genommen. Eine GmbH warb auf ihrer Homepage für ein klimaneutrales Girokonto und stellte Verbrauchern in Aussicht, sie würden ihren individuellen CO2-Fußabdruck kompensieren. Letzteres versprechen viele "grüne" Finanzprodukte – was diesen Fall so typisch macht.

Aber woher soll ein Unternehmen diesen Fußabdruck kennen und dann exakt kompensieren können? "Jeder Mensch hat einen individuellen CO2-Fußabdruck, weil die Produktauswahl nie deckungsgleich ist", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Solche Werbeaussagen sind schlichtweg irreführend."

Dies musste auch der Finanzdienstleister nach Abmahnung der Verbraucherzentrale einsehen. Anstelle des individuellen Fußabdrucks wird nun auf den jährlichen deutschen Durchschnitt verwiesen, indem dort nun steht: "Über die Kontogebühr finanzieren wir CO2-Zertifikate, die den CO2-Fußabdruck des jährlichen deutschen Durchschnitts von 11,17 Tonnen Pro-Kopf-CO2-Emissionen kompensieren."

Doch Verbraucher, die es genauer wissen wollen, lässt das Unternehmen weiterhin im Dunkeln tappen, wie Nauhauser beklagt. Durchschnittswerte seien für eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung schlicht substanzlos.

Hinzu kommt: Bei der GmbH handelt es sich nicht um eine Bank. Offenbar arbeitet der Anbieter mit einem Dienstleister, einer sogenannten Smartphone-Bank, zusammen. Diese betreibe das Bankgeschäft, während die GmbH lediglich als Vermittler fungiere. Auch der Smartphone-Bank, die noch für andere populäre Lifestyle-"Fintechs" die Basisarbeit erledigt, wirft Nauhauser fehlende Transparenz vor.

Selbst wenn Firmen tätige Reue versprechen: Welche Projekte nachhaltig genug sind, legen Anbieter selber anhand eigener Kriterien fest. Und die Daten von Projekten oder Unternehmen beruhen vielfach auf kaum überprüfbaren Selbstauskünften. Finanzexperte Nauhauser: "Solange es keine klare gesetzliche Regelung für Aussagen zur Klimaschutzwirkung von Produkten und Dienstleistungen gibt, ist solche Werbung nichts anderes als eine Marketingmasche."

Bei den "verlässlichen Informationen" zeigt sich das grundsätzliche Problem: Verlässlich sind Informationen nur dann, wenn sie von einer dritten Instanz zur Verfügung gestellt werden! Und diese Instanz muss einen Einblick in die "Produktion" der Dienstleistung besitzen und diesen Einblick jederzeit auch gegen den Willen des Anbieters durchsetzen können.

Den Einblick in den Produktionsprozess kann diese Instanz nur dann durchsetzen, wenn sie gesetzlich dazu befugt ist. Weder Ratingagenturen noch Träger von Gütezeichen besitzen diese Befugnis. Damit stehen Verbrauchern derzeit keine verlässlichen Informationen etwa zur Klimawirkung einer Geldanlage oder eines Girokontos zur Verfügung.

Erste Hilfe leistet die Verbraucherzentrale Bremen. Sie hat Finanzprodukte wie Tagesgeld, Sparkonto oder Festgeld auf Nachhaltigkeit durchgecheckt.

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