Paris-Abkommen besteht ersten Test knapp

Die UN-Klimakonferenz in Glasgow hat ihre Ziele knapp erreicht. Für Drama sorgte die Erwähnung von Kohle im Abschlusstext. Richtungweisend für künftige Konferenzen könnten die vielen Initiativen in einzelnen Sektoren sein.


Zitate aus Briefen von Kindern mit dem Aufruf zu mehr Klimaschutz an einer Wand während der Klimakonferenz in Glasgow.
"We need climate action now!" Ob die Zitate aus Kinderbriefen im Konferenzzentrum in Glasgow etwas bewirkt haben? (Foto: Doug Peters/​COP26/​Flickr)

Am Samstagabend ist die 26. UN-Klimakonferenz mit einem Tag Verspätung zu Ende gegangen. Diese Konferenz war besonders wichtig, weil die Staaten gemäß dem Pariser Klimaabkommen zum ersten Mal ihre Klimaziele nachschärfen mussten. Deshalb ließ sich in Glasgow überprüfen, ob das Abkommen wie geplant funktioniert.

Das erklärte Ziel war, die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zumindest nicht zu verunmöglichen und somit dieses Ziel "am Leben zu erhalten". Das ist noch nicht ganz gelungen.

Wie das Abschlussdokument der Konferenz, der "Glasgow Climate Pact", selbst feststellt, müssen die globalen Emissionen in den nächsten zehn Jahren um 45 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010 sinken.

Gemessen an den Klimazielen der Länder werden sie aber bis 2030 um 14 Prozent steigen. Aus diesem Grund wurde in Glasgow beschlossen, dass die Länder schon nächstes Jahr ihre Ziele erneut nachbessern müssen und nicht erst in fünf Jahren.

Damit hätten die Länder "das 1,5-Grad-Limit wiederbelebt", sagt der Klimawissenschaftler Niklas Höhne vom New Climate Institute und warnt: Das Ziel "befindet sich jedoch immer noch auf der Intensivstation".

Die zweite Aufgabe der Konferenz war die Vervollständigung der Betriebsanleitung für das Paris-Abkommen. Hier waren noch zwei Kapitel ausstehend: die Regeln für den Handel mit Emissionsreduktionen und Regeln für die Berichterstattung über Emissionen und Maßnahmen, diese zu senken.

Beide Kapitel konnten in Glasgow verabschiedet werden, nachdem das in den Jahren zuvor nicht gelungen war.

Beim Handel mit Emissionsreduktionen musste ausgeschlossen werden, dass diese Emissionen nicht zweimal angerechnet werden, einmal in dem Land, in dem ein Klimaschutzprojekt umgesetzt wird, und einmal in dem Land, das das Projekt finanziert. Das ist weitgehend gelungen.

Doch das hatte einen Preis: Eine begrenzte Zahl an alten Emissionszertifikaten aus der Zeit vor dem Paris-Vertrag wird in das neue System übernommen, sodass dieses erst dann zu echten Emissionsreduktionen führen wird, wenn die alten "Zombie-Zertifikate" aufgebraucht sind.

Kein Klimaschadens-Fonds

Am härtesten umkämpft war der Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten, die sich auch durch Anpassungsmaßnahmen nicht verhindern lassen. Hierzu zählen etwa Bergstürze. Wenn das Eis schmilzt, das eine Bergwand zusammenhält, kann es zu Bergrutschen kommen, die große Schäden anrichten.

Für derartige Ereignisse fordern die Entwicklungsländer einen Fonds, der finanzielle Hilfe leistet. Diesen haben sie nicht bekommen. Das "Santiago-Netzwerk", in dem Maßnahmen im Fall von Verlusten und Schäden koordiniert werden, bekommt lediglich Geld, um die Planung von Wiederaufbaumaßnahmen zu finanzieren.

Der eigentliche Wiederaufbau muss allerdings immer noch von den betroffenen Ländern selbst gestemmt werden. Aus Sicht von Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam ist das "der hässliche Fleck auf dem Ergebnis von Glasgow".

Für das auf Klimakonferenzen typische Drama sorgte schließlich ein eher symbolisches Thema: die Erwähnung von Kohle im Abschlussdokument.

Hier sah der erste Entwurf des Dokuments vor, dass die Länder "aus der Kohleverstromung aussteigen". Diese Formulierung wurde dann abgeschwächt und die Länder sollten nur noch "aus Kohleverstromung ohne CO2-Abscheidung aussteigen".

In der Abschlusssitzung kam es dann aber zu einem Eklat. Indien war mit der Änderung immer noch nicht zufrieden und setzte eine weitere Abschwächung durch: Statt aus der Kohleverstromung "auszusteigen", soll diese jetzt nur noch "heruntergefahren" werden.

Es darf aber bezweifelt werden, ob sich Indien damit viele Freunde gemacht hat. Die Schweiz, Mexiko und mehrere Inselstaaten kritisierten das diplomatische Foulspiel massiv, sodass Konferenzpräsident Alok Sharma den Tränen nahe war.

"Beeindruckende Fortschritte"

Die Konferenz bot schließlich Gelegenheit, diverse sektorspezifische Initiativen vorzustellen. So verpflichteten sich 107 Länder, ihre Methanemissionen zu senken, mehr als hundert Länder und andere Akteure wollen auf Elektroautos umstellen, und Länder, in denen 85 Prozent aller Wälder liegen, haben sich verpflichtet, bis 2030 die Entwaldung zu stoppen.

Das Klima ist auch in den Finanzmärkten angekommen: Institutionen, die insgesamt 130 Billionen Dollar verwalten, wollen ihre Anlageportfolios bis 2050 auf netto null Emissionen bringen.

Über diese Vereinbarungen sagte Lukas Hermwille vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie: "Die Umsetzung von ambitioniertem Klimaschutz muss letztlich immer auf sektoraler Ebene erfolgen, es müssen Energie-, Industrie-, Verkehrs- und Landwirtschaftssysteme grundlegend transformiert werden." Daher sei es richtig gewesen, dass die britische Konferenzpräsidentschaft auch auf solche Initiativen gesetzt habe. Die sollte "bei zukünftigen Klimaverhandlungen fortgeführt werden."

Die Wertung des Glasgower "Klimapakts" fiel sehr heterogen aus. "Nie zuvor hat ein UN-Klimagipfel-Dokument die Dramatik der Klimakrise so eindeutig festgehalten", sagte Rixa Schwarz von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch mit Blick auf das Ziel, die Emissionen bis 2030 fast zu halbieren.

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gab es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, sollte der 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Aus Sicht der Klimaaktivistin Luisa Neubauer hatte das aber nicht die nötigen Konsequenzen: "Hier geht es nicht um irgendein interessantes diplomatisches Geduldspiel, es geht um die Klimakatastrophe. Diese Konferenz hat es nicht geschafft, die strukturellen Veränderungen einzuleiten, die wir so dringend brauchen."

Aus Sicht von Elisabeth Bast von der Umweltorganisation Oil Change International ändern sich die Strukturen aber durchaus: "Im Vergleich zu noch vor wenigen Jahren sind die Fortschritte beeindruckend, die in den letzten zwei Wochen auf dem Weg zum Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen erzielt wurden."

Übereinstimmung gab es allerdings auch: Nun gehe es um die rasche Umsetzung der Beschlüsse. Denn, so UN-Chef António Guterres: "Die Wissenschaft sagt uns, dass die absolute Priorität in einer schnellen Emissionsreduzierung in diesem Jahrzehnt liegen muss."

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Die Junkies in Glasgow

Interviews mit dem Klimaforscher Mojib Latif und dem Oxfam-Klimaexperten Jan Kowalzig

"Tacheles!"-Beitrag von Claudia Kemfert: James Bond war nicht in Glasgow

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