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"Unsere Gesellschaft ist nicht resilienter als das Klima oder die Ökosysteme"

Noch immer befinden wir uns in der Phase der Verweigerung, den Klimawandel als Problem anzuerkennen, sagt der Klimaforscher und Erdsystemwissenschaftler Wolfgang Lucht. Angesichts der Umwelt- und Gerechtigkeitskrise fordert er eine Erneuerung der demokratischen Gesellschaft – Teil 1 des Interviews.


Strand und Ölraffinerie
Strandleben an der Ölraffinerie: Wir haben Probleme mit dem Erwachsenwerden, meint Wolfgang Lucht. (Foto: Spencer Thomas/​Flickr)

Klimareporter°: Herr Lucht, Klimaforscher forderten kürzlich im Fachmagazin PNAS, die Welt solle sich auf die Möglichkeit eines "Klima-Endspiels" einstellen. Angesichts der erneuten Extremhitze in diesem Sommer mit Bränden, Dürre, Wassermangel und Übersterblichkeit stellt sich allerdings die Frage, ob so etwas wie das Endspiel nicht schon begonnen hat.

Wolfgang Lucht: In dem Fachartikel geht es zunächst um den schlimmsten Fall, der eintreten könnte. Den nennen die Autoren "Endspiel".

Zu einer realistischen Einschätzung eines Risikos gehört ja, sich nicht nur mit dem wahrscheinlichsten Fall zu beschäftigen, sondern vor allem auch mit dem weniger wahrscheinlichen, aber dennoch nicht ausgeschlossenen schlimmsten Fall.

Nicht ohne Grund haben wir Feuermelder in Gebäuden. Für das Erdsystem haben wir bisher nur sehr unzureichende Feuermelder. Das sollte, das kann so nicht bleiben.

Der schlimmste Fall für das Erdsystem träte ein, wenn die Treibhausgasemissionen langsamer sinken als notwendig und die Erde darauf mit einer Erhitzung am oberen Ende der denkbaren Erwärmung reagiert.

Die Folgen können sich wie eine Kaskade miteinander verknüpfen und eine Lawine an Störungen auslösen, die sich immer weiter aufbaut. Diese betrifft dann die Ozeane, das Eis und das Wetter ebenso wie die ökologischen Systeme der Erde und unsere Gesellschaften mit ihren Errungenschaften.

Über diesen Fall wissen wir leider noch immer zu wenig. Die Forschung konzentrierte sich bisher vor allem darauf zu erkunden, innerhalb welcher Grenzen wir die Erde stabilisieren sollten. Das ist auch wichtig und zeigt uns den Weg, den wir beschreiten sollten. Aber genauso wichtig ist die Forschung am entgegengesetzten Ende der Möglichkeiten: einer katastrophalen Entwicklung.

Lässt sich ausschließen, dass diese Lawine an Störungen schon in Gang gekommen ist?

Wir wissen nicht genau, ab welchen Schwellenwerten eine Kette von Ereignissen ausgelöst werden kann, die sich aufschaukelt. Wahrscheinlich sind wir gerade noch in einem Bereich, den man stabilisieren könnte.

Aber klar ist: Wichtige planetare Belastungsgrenzen sind schon heute überschritten, nicht nur beim Klima. Es sind jetzt schon auch Prozesse im Gang, die nicht mehr aufhaltbar sind. Dazu gehören das Schmelzen des Permafrostes, die Veränderungen der Hochgebirge, das Verlangsamen der so wichtigen Nordatlantikströmung, die Zunahme extremer Wetterereignisse sowie von Waldbränden.

Trotzdem stehen wir erst ganz am Anfang des Wandels, da kommt noch viel mehr. Und selbst wenn wir jetzt stark gegensteuern würden – was wir aber nicht wirklich tun – wäre die Bremsspur lang.

Gerade weil wir viel zu wenig darüber wissen, wie alle diese Auswirkungen der Erderhitzung über viele Sektoren und Gebiete hinweg zusammenwirken und sich zu einer Lawine aufschaukeln können, sollte die Wissenschaft mehr daran arbeiten.

Es geht dabei nicht um Vorhersagen, sondern darum, dass wir uns zu wenig mit dem schlimmsten Fall beschäftigen, der eintreten könnte. Das ist aber wichtig, um die Risiken fundiert einschätzen zu können und entsprechend gegenzusteuern. Denn noch ist es dafür nicht zu spät.

Das Pariser 1,5-Grad-Ziel scheint die Vorstellung zu nähren, die Zivilisation, insbesondere die westliche, müsse sich zwar an die Erwärmung anpassen – im Großen und Ganzen könnten wir aber so weiterleben wie bisher. Ist das nicht ein ziemlicher Irrtum?

Ja, das ist der Kern der Selbsttäuschung, in der wir noch immer meist leben.

Einerseits werden die Folgen der Erderhitzung nicht wirklich gesehen. Und selbst, wenn man sie ausspricht, bleiben sie abstrakt und rutschen durch das Denken meist einfach so durch. Die Rede ist dann von einer "Destabilisierung der Ökosysteme" oder einer "Abschwächung der nordatlantischen Zirkulationsströmung". Das klingt technisch und abstrakt.

Porträtaufnahme von Wolfgang Lucht.
Foto: Peter Himsel

Wolfgang Lucht

wurde in Kiel zum Physiker promoviert und war in den USA bei der Nasa tätig. Heute leitet er die Abteilung Erd­system­analyse am Potsdam-Institut für Klima­folgen­forschung, ist Professor für Nach­haltigkeits­wissen­schaft an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen der Bundes­regierung. Sein Team erforscht mit einem Computer­modell des Erd­systems die planetaren Belastungs­grenzen der Erde. Für den Umwelt­rat hat Wolf­gang Lucht zur demo­kratischen Legitimation von Umwelt­politik gearbeitet.

Andererseits gibt es die große Behauptung, teils bis weit in die Wissenschaft hinein, wir müssten nur ein paar kluge und richtige Entscheidungen treffen und dann kann es mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft mehr oder weniger so weitergehen wie bisher, nur eben grün und nachhaltig.

Das ist aber eine Täuschung. Wenn wir davon sprechen, dass ein "Weiter so" keine Option mehr sein kann, dann gibt es auch kein grünes "Weiter so", das fast nur auf Technologie setzt und im Kern kaum etwas an den Strukturen verändert, die uns in die Krise gebracht haben.

Die anstehende große Transformation zur Nachhaltigkeit meint genau dieses: Sie ist groß und transformativ. Sie bedeutet eine andere Art des Wirtschaftens, eine andere Art des Lebens, eine neue, zukunftsorientierte Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik.

Wohlstand und Wohlfahrt müssen für dieses Jahrhundert neu gedacht werden. Und ist das nicht ohnehin dran? So zufrieden sind wir doch gar nicht mit unserem gestressten, angespannten, unsicheren und oft unsolidarischen Leben.

Inzwischen mehren sich die Zweifel, dass demokratisch verfasste Gesellschaften diese Transformation hinbekommen.

Neben der Bekämpfung der Umweltkrise müssen in dieser Transformation viele weitere Politikbereiche vorangebracht werden. Eine breite Erneuerung der demokratischen Gesellschaft gerade im Angesicht der ökologischen Krise und der Gerechtigkeitskrise – das ist die Chance für die Zukunft.

Denn die Risse im jetzigen System sind ja überall sichtbar, nicht nur im Kippen des Erdsystems. Es braucht auch eine erneuerte oder gar neue Ökonomik, ein anderes Verständnis der Industriegeschichte und des Kapitalismus sowie mehr Solidarität über Gruppen und Grenzen hinweg in der Demokratie.

Dafür gibt es viele gute Ansätze. Wenige in der Politik sprechen das aber offen an und werben dafür.

In der Debatte um die zivilisatorischen Folgen des Klimawandels gebe es ein "enges Verständnis von der sozialen Verwundbarkeit", beklagen Sie. Was ist damit gemeint?

Ich meine damit die Vorstellung, dass wir zwar enorme Auswirkungen auf das Klima und die Lebewesen der Erde auslösen, wir also die großen Umweltsysteme destabilisieren – dass unsere eigenen Gesellschaften aber irgendwie rätselhaft stabil seien und nicht mit hineingezogen würden.

Es regiert die verführerische Annahme, wir könnten die ganzen Veränderungen um uns herum einfach so wegfedern, weil sie uns eigentlich gar nicht beträfen.

Dem ist aber nicht so. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass eine komplexe Gesellschaft wie die unsere, die von zahlreichen Netzwerken abhängig ist – von Lieferketten, Spezialwissen, von funktionierenden Institutionen und einer stabilen Energieversorgung – von sich aus resilienter sei gegen die Folgen unseres Energie-, Material- und Raumverbrauchs als das Klima oder die Ökosysteme.

Es stimmt natürlich, dass tote Umweltsysteme wie eine Ozeanströmung oder das Schelf- und Gletschereis einfach blind auf Veränderungen reagieren, während lebende Systeme in einem gewissen Maße auch die Fähigkeit haben, sich anzupassen.

Das gilt besonders auch für uns Menschen und unsere Gesellschaften. Wir können sogar vorausplanen und innovativ sein. Aber diese Fähigkeit zur Anpassung hat Grenzen.

Erst dämpft sie Veränderungen noch weg, aber wenn die Grenzen der Anpassungsfähigkeit erreicht sind, kommt es zu Zusammenbrüchen – bis hin zum Kollaps und letztlich zum Absterben. Das ist so, wenn der Wald in einer Dürre geschädigt wird und sich danach nicht erholt, und das kann so mit der Gesellschaft und ihren komplexen Strukturen sein, wenn der Druck der Veränderung zu groß wird.

Die Innovation, die uns retten soll, ist doch seit Jahrzehnten bekannt: Es ist die nachhaltige Entwicklung aller Bereiche, das sustainable development.

Die Herausforderung für unsere demokratischen Gesellschaften ist ganz klar, Mechanismen zu etablieren, die die Nachhaltigkeit, also die Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Gesellschaften absichern.

Dabei geht es um mehr als nur um nachhaltige Entwicklung – es geht um etwas, das man demokratisch-ökologische Zivilisation nennen könnte. Es gehört ein ganzes Bündel von Werten dazu, darunter eine Kultur und eine Praxis der Nachhaltigkeit.

Dazu zählen auch Dinge wie Bildung, klare Kommunikation, bestmögliches Wissen und die klare Begrenzung einer aus dem Ruder gelaufenen Wirtschaftsentwicklung, die längst nicht mehr überzeugend dem Gemeinwohl dient.

Auch mehr Suffizienz wird sicher eine Rolle spielen, also die Kunst eines auskömmlichen Lebens – nicht als Leben des Verzichts, sondern als Leben des Gewinns. Nur so können dann planetare Grenzen eingehalten und andere Regionen der Welt aus Armut befreit werden.

Dafür können wir uns erneut an die Werte erinnern, die einst schon – auf der Basis von Vorstellungen der Antike – die Renaissance und die Aufklärung geprägt haben, inzwischen aber zu einer oft auch fahrlässigen Freiheit geführt haben, die ihren Zweck und ihre Verantwortung vergessen hat.

Das ist also alles nicht völlig neu, sondern kann uns an das erinnern, was wir immer gemeint hatten, bevor wir eine reine Konsumgesellschaft wurden.

Zum Recht auf ein Leben in Würde treten heute die planetaren Belastungsgrenzen als der zweite Teil des zwingenden äußeren Rahmens für unser Handeln. So formuliert es übrigens auch die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung.

In der Klimadebatte wird gern beiseite geschoben, dass über den Landmassen die Erwärmung deutlich stärker ist – in der Regel schon um ein Grad höher als im globalen Schnitt. In Deutschland ist so die mittlere Temperatur bereits um etwa zwei Grad gestiegen. Sollten wir hierzulande nicht besser mit dieser Zahl operieren, um eben auch die Dringlichkeit zu betonen?

Die riesigen Schäden am Wald in Deutschland in den letzten Jahren sind ein gutes Beispiel dafür, dass wichtige Folgen des Klimawandels, wie hier extreme Trockenheitsperioden, nicht immer direkt aus einer Veränderung der mittleren Temperaturen entstehen.

Der Anstieg der mittleren Temperatur führt dazu, dass sich großräumige Muster ändern, zum Beispiel die der Meeresströmungen und die Zirkulation der Atmosphäre, die das Wetter bestimmen.

Und diese Extremereignisse führen zum Beispiel zu viel größeren Schäden als die mittlere Erwärmung, die aber natürlich die Ursache dafür sind, dass die Extreme häufiger und länger auftreten.

Es ist auch so, dass diese mittlerem Temperaturanstiege den meisten Menschen nicht viel sagen. Eher vielleicht die Trends, die zeigen, dass ich etwas verändert. Diese zunächst vielleicht für mache noch harmlos klingende mittlere Erwärmung kann aber im System Erde Dinge nach sich ziehen, die viel ernster sind, und im schlimmsten Fall Kaskaden von Auswirkungen auslösen, die man zunächst gar nicht vermutet.

Denn viele Prozesse regieren nicht eins zu eins auf den Temperaturanstieg, sondern mitunter viel heftiger. Dann sind die Auswirkungen auch viel größer. Die Erde ist eben kein einfaches, sondern ein komplexes System von Rückwirkungen und dynamischen Beziehungen zwischen den Komponenten, aus denen die Welt besteht.

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Klimapolitik verstehen wir das noch nicht?

Als Gesellschaft befinden wir uns noch immer in einer Phase der Verweigerung, dieses Problem zu erfassen und dann auch wirklich anzuerkennen.

Die einen leugnen es, die anderen wissen, dass es so nicht mehr beliebig weitergeht, und formulieren auf dem Papier Bekenntnisse, die aber Worte bleiben.

Was immer noch fehlt, sind die dazu passenden, überzeugenden Taten. Wir sind in der Lage, für einen Krieg oder gegen eine Pandemie zu mobilisieren, scheinen aber nicht fähig zu sein, ebenso für erneuerbare Energie, einen reduzierten Ressourcenverbrauch und eine angepasste Lebensweise zu mobilisieren.

Oder auch nur anzuerkennen, dass dies das absolut dringende Ziele sein müssen, wenn es weitergehen soll.

Aus der Sicht der Menschheit könnte man sagen: Wir sind noch in der Kleinkind-Phase, in der wir denken, wir wüssten alles schon ganz genau. Eine Zeit, in der wir trotzig sind und manches nicht einsehen wollen.

Die Frage ist, wie schnell wir als etwas erwachsenere Menschheit unsere globale Verantwortung füreinander und für die Stabilität der Erde annehmen und wahrnehmen wollen. Hier spreche ich natürlich vor allem die Menschen in den entwickelten Industriestaaten an, die den Großteil der Schäden verursachen, und zwar weltweit.

Lesen Sie hier Teil 2: "Wir befinden uns an einem gesellschaftlichen Kipppunkt"

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