"Wir riskieren den Fortbestand unserer Zivilisation"

"Wir sind ganz nahe an einem Notfall, weil wir fast keine Eingreifzeit mehr haben", sagt Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Die Lebensbedingungen würden sich fundamental verschlechtern, falls die Erderwärmung unkontrollierbar wird – durch Kippelemente. Wir stellten sie in einer Serie vor – Teil 12 und Schluss.


Grafik in Braun- und Gelbtönen: Dominosteine kippen nacheinander um und drohen eine Erdkugel zu treffen, im Hintergrund eine tief stehende Sonne.
11.000 Jahre lang gab es keine dramatischen Klimaänderungen, damit könnte es vorbei sein. (Grafik: Rodolphe Trider/​Shutterstock)

Klimareporter°: Professor Schellnhuber, Sie haben zusammen mit Kollegen vor einem "planetaren Notfall" in Bezug auf das Klima gewarnt. Die Menschheit sei dabei, Kippelemente des Klimasystems umzustoßen – mit verheerenden Folgen. Wieso diese dramatische Ansage?

Hans Joachim Schellnhuber: Stellen Sie sich stark vereinfacht vor, Sie sind Fluglotse in einem Tower. Und bemerken plötzlich: Zwei Jets sind auf Kollisionskurs, Sie haben noch Sekunden, höchstens Minuten, bis zum Crash: Doch es dauert auch eine gewisse Zeit, um die Flugzeuge auf sicheren Kurs zu bringen.

Wenn die verbleibende Interventionszeit sich der Reaktionszeit annähert, dann sind Sie dabei, die Kontrolle zu verlieren. Sie können zwar noch reagieren, aber vielleicht reicht es nicht mehr, um die Katastrophe abzuwenden. Dies ist eine akute Notstandssituation.

So ähnlich ist es mit den Kippelementen – nur, dass es nicht um Sekunden geht, sondern unser Handeln heute Auswirkungen auf die nächsten Hunderte von Jahren haben wird.

Das heißt im Fall Erde konkret?

Es besteht das Risiko, dass die globale Umwelt bei einer Erderwärmung um vier, fünf oder sechs Grad völlig aus den Fugen gerät und der Planet langfristig sogar in Teilen unbewohnbar wird. Das muss auf jeden Fall verhindert werden. Um die Erwärmung auf vermutlich noch verkraftbare zwei Grad zu beschränken, bleiben uns noch 30 Jahre Zeit. Um andererseits die globale Wirtschaft zu dekarbonisieren, braucht man, optimistisch betrachtet, 20 Jahre.

Das heißt, wir sind ganz nahe an einem Notfall, weil wir Risiken inzwischen zwar erkennen, aber fast keine Eingreifzeit mehr haben, um das Desaster abwenden zu können. Wir befinden uns also in einer hochgefährlichen Krise, weil sich die Lebens- und Entwicklungsbedingungen unserer Zivilisation, wie wir sie heute kennen, fundamental verändern könnten. Und zwar nicht zum Besseren.

Sie haben neun Kippelemente des Klimasystems identifiziert, die möglicherweise bereits kurz vor der Destabilisierung stehen. Wo ist es am kritischsten?

Wir haben derzeit eine globale Erwärmung von rund 1,1 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit. Der Westantarktische Eisschild ist wahrscheinlich schon stückweise gekippt, der Verlust großer Eismassen bereits angestoßen. Auch beim Grönland-Eisschild dürfte bei zwei Grad Erwärmung die Eisschmelze auf breiter Front in Gang kommen.

Die tropischen Korallenriffe werden ab etwa 1,5 Grad absterben. Es gibt überdies Spekulationen, dass der Amazonas-Regenwald bald kippen könnte, weil der lebenserhaltende Wasserkreislauf durch Abholzung und Fragmentierung inzwischen stark gestört ist.

Welche Kippelemente sind für die Menschheit am gefährlichsten?

Alle sind gefährlich. Unsere Zivilisation ist ziemlich gut angepasst an die Verhältnisse, die die Menschheit in den rund 11.000 Jahren seit der letzten Eiszeit vorgefunden hat. Jede Veränderung bei den Kippelementen würde einen enormen Anpassungsdruck hervorrufen.

Ein Beispiel: Selbst wenn wir es schaffen, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, ist schon jetzt durch die Trägheit des Systems ein Meeresspiegelanstieg initiiert, der bis 2300 bei zwei bis drei Metern liegen und damit viele Küstenzonen unbewohnbar machen könnte.

Positive Folgen des Klimawandels kann es in einigen Regionen mitunter auch geben, aber wohl nur temporär. Die allgemeine Erwärmung kann zwar beispielsweise in Sibirien bessere Bedingungen für die Landwirtschaft bringen. Wenn dann allerdings die Straßen und Gebäude durch das Auftauen des Permafrosts im Schlamm versinken, ist unterm Strich wohl nichts gewonnen.

Gibt es Möglichkeiten, sich gegen die Folgen der Kippelement-Auslösung zu schützen – etwa beim Meeresspiegelanstieg?

Das kommt darauf an, wie schnell reagiert wird. Es ist eine Bedrohung, bei der wir wissen, wir müssen sofort und kraftvoll handeln. Schmilzt der Grönland-Eisschild komplett ab, steigt der Meeresspiegel langfristig um sieben Meter.

Foto: PIK

Hans Joachim Schellnhuber

Schellnhuber ist Deutsch­lands renommiertester Klima­forscher. Er war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klima­folgen­forschung (PIK), das er auch gegründet hat. Er ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Schellnhuber hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Das heißt: Man müsste theoretisch Hunderte Millionen Menschen aus Küstenregionen umsiedeln und von dort auch einen großen Teil der weltweit akkumulierten Sachwerte abziehen. Oder aber die entsprechenden Regionen mit Deichbau und anderen Maßnahmen schützen. Beides wären schier unvorstellbare Aufgaben. Die Frage ist, wird das angepackt? Und wann?

Vermutlich wird man sich nach und nach aus den Küstenzonen zurückziehen. Dadurch wird der Raum, in dem die Menschheit heute lebt und Nahrungsmittel anbauen kann, schrumpfen. Verschwindet zum Beispiel das Mekong-Delta, geht dadurch etwa die Hälfte der Nahrungsmittelproduktion in Vietnam verloren.

Ich kann derzeit nicht erkennen, dass irgendein Land der Erde die Mittel aufbrächte, um die Probleme zu neutralisieren, die durch das Aktivieren der Kippelemente entstehen würden. Die vernünftigere – und auch einzig realistische – Chance ist es, das große Kippen weitestgehend zu verhindern, indem wir die globale Erwärmung begrenzen und bei deutlich unter zwei Grad stabilisieren.

Welche Beispiele aus der Erdgeschichte können illustrieren, was das Auslösen von Kippelementen bedeutet?

Die Erdgeschichte ist voll von solchen Beispielen. Der Golfstrom wurde, salopp gesprochen, mehrfach an- und ausgeschaltet, es gab Phasen mit massiver Ozeanversauerung und entsprechendem marinen Artensterben, es gab disruptive Veränderungen der Monsun-Systeme. Die Erde war zweimal in ihrer langen Geschichte ein Schneeball, zwischendurch aber auch völlig eisfrei.

Der Paradefall für unsere heutige Situation ist jedoch das planetare Temperaturmaximum im Paläozän-Eozän-Übergang vor 56 Millionen Jahren. Damals kam es zu einer Erwärmung um fünf, sechs, teilweise sogar acht Grad. Die Atmosphäre wurde Tausende bis Zehntausende Jahre lang mit CO2 und Methan angereichert. Die Folgen waren verheerend, beispielsweise extreme Dürren in den Subtropen.

Doch die Situation heute ist eine völlig andere: Wir reden jetzt über einen Klimawandel, der sich ungleich schneller vollzieht. Noch einmal: Unsere Zivilisation ist entstanden aufgrund einer außergewöhnlichen Stabilität des Klimasystems in den letzten 11.000 Jahren – wir legen es gerade darauf an, diese Stabilität zu zerstören.

Sie warnen vor einer "Heißzeit" auf dem Globus, die am Ende stehen könnte. Was bedeutet das konkret?

Der Begriff "globale Erwärmung" ist für den Fall, dass es durch einen Dominoeffekt bei den Kippelementen zu einem Temperaturanstieg von fünf, sechs Grad oder langfristig noch mehr kommt, viel zu harmlos. Dann würden große Flächen des Planeten wohl tatsächlich unbewohnbar. Das wäre also eine Heißzeit, analog zur Eiszeit, mit ähnlich dramatischen Bedingungen.

Wären die Folgen eines möglichen Dominoeffekts bereits in diesem Jahrhundert konkret zu spüren? Also von den nächsten ein, zwei Generationen?

Vor zehn Jahren hätte ich noch gesagt: Nein. Inzwischen schätze ich: Solche Domino-Dynamiken könnten sich im Falle eines ungebremstem Klimawandels bereits bis Ende des Jahrhunderts abspielen. Die nach dem Jahr 2000 Geborenen könnten das Zusammenbrechen der Regenwälder zum Beispiel durchaus noch erleben.

Gibt es überhaupt noch eine Chance, die Kippelemente zu schützen? Was müsste dafür geschehen?

Wenn wir die Erwärmung bei 1,5 Grad stoppen, kommen wir wohl mit einem blauen Auge davon. Dann finden die allermeisten Kippprozesse nicht statt. Ein solches Szenario ist vorstellbar, aber leider nicht sehr realistisch.

Die pragmatische Verteidigungslinie wird wohl weiter bei zwei Grad liegen müssen. Das würde die gravierendsten Folgen der menschlichen Klimastörung noch abwenden.

Ich wiederhole, dass dafür die Dekarbonisierung der gesamten Weltwirtschaft bis 2050 erforderlich wäre – in den Industrieländern, also auch in Deutschland, eigentlich sogar bis 2040.

Ist das zu schaffen?

Durchaus. Bei uns hat sich ja bereits einiges bewegt. Bis vor Kurzem war eine Festlegung auf Klimaneutralität bis 2050 noch undenkbar, jetzt ist es offizielle Position der Bundesregierung. Und auch 2040 ist machbar. Ich sehe da eine klare Bewegung zum Positiven, und sie ist auch absolut notwendig.

Ohne diese Bewegung riskieren wir tatsächlich den Fortbestand unserer Wohlfahrtsgesellschaft. Das ist ein ernster Satz, den man nicht leichtfertig dahinsagt.

Bisher laufen die Klimapläne der Staaten der Erde auf einen Drei-bis-vier-Grad-Erwärmungspfad zu. Wenn der Kippelemente-Dominoeffekt ohnehin droht, hilft es dann überhaupt noch, Anstrengungen zu übernehmen, um näher an die zwei Grad zu kommen? Der nächste Klimagipfel in Glasgow ist wegen Corona bereits verschoben worden.

Es gibt keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Gefahr besteht natürlich, dass die Klimafrage wegen Corona jetzt wieder für eine Weile in den Hintergrund tritt, wie nach der Finanzkrise 2008 geschehen. Wichtig ist jedoch, dass am Pariser Klimaabkommen und der Zwei-Grad-Grenze nicht gerüttelt wird.

Noch einmal zurück zum Anfang des Interviews. Der Weltklimarat IPCC hat die Problematik der Kippelemente bereits vor zwei Jahrzehnten dargestellt. Wieso kommt Ihre Warnung vor dem "Notfall" gerade jetzt?

Im IPCC-Report von 2001 war erstmals von "Large-Scale Discontinuities" die Rede. Ich hatte diese Thematik und Begrifflichkeit damals mit einigen Koautoren gegen große Widerstände in den Bericht eingebracht. Gemeint waren Prozesse, die sich abrupt und/oder irreversibel ändern können, wenn nur kleine Störungen der Rahmenbedingungen erfolgen.

Wir waren seinerzeit davon ausgegangen, dass die meisten dieser Prozesse erst bei fünf, sechs Grad Erderwärmung ausgelöst würden. Im jüngsten IPCC-Bericht ist die entsprechende Marke nun schon auf zwei Grad heruntergerutscht.

Serie: Kippelemente

Werden die Kippelemente im Klima- und Erdsystem ausgelöst, kann es zu Kettenreaktionen kommen, durch die sich die Erderwärmung unkontrollierbar verstärken würde. Wissenschaftler haben 16 Kippelemente identifiziert, die sogar für ein Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, sorgen könnten. Wir stellten sie in einer Serie vor.

Den Begriff Kippelemente habe ich übrigens in einer Vorlesung geprägt, die ich 2001 in Oxford gehalten habe.

Zwei statt fünf Grad – wie das?

Es gab anfangs einfach nur wenig Forschung dazu. Die Lage ist nun ganz anders. Wir haben zu fast jedem Kippelement genauere Untersuchungen.

Dass die Korallenriffe absterben, kann man heute leider schon direkt beobachten. Wir stellen fest, dass sich Methanquellen überall im Permafrost auftun. Wir haben neue Studien, die zeigen, dass sich der Golfstrom bereits um 15 Prozent abgeschwächt hat. Die Eisschilde Grönlands und der West-Antarktis beginnen vor unseren Satellitenaugen zu tauen.

Mit anderen Worten: Man hat vorher nichts gesehen, weil man nicht genau hingeschaut hat. Oder nicht konnte. Das falsche Gefühl der Sicherheit war gewissermaßen ignoranzbedingt.

Andere Forscher wie der Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, Martin Claußen, sehen die Lage weniger dramatisch. Claußen sagt, von einem Notfall zu sprechen sei zu alarmistisch.

Die Lage ist ernst, darüber müssen wir uns im Klaren sein. Alarmismus ist, nebenbei gesagt, ein Begriff, den die Klimaleugner in den USA erfunden haben, um die Forschung zu diskreditieren.

Aber in der Tat: Ich schlage Alarm. Wenn ich in einem brennenden Haus bin und nach der Feuerwehr rufe – ist das alarmistisch? Jetzt immer noch nicht Alarm zu schlagen wäre schlichtweg verantwortungslos.

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