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ZMP Fachkongress 2021

Ohne Suffizienz gibt es keine Klimaneutralität

In 30 Jahren soll Deutschland klimaneutral sein. Selbst anspruchsvolle Studien setzen dabei auf unrealistische Lösungen. Um das Klimaziel zu erreichen, müssen wir endlich das Potenzial von Suffizienzstrategien nutzen.


Persönlichkeiten der evangelischen Kirche bringen öffentlichkeitswirksam ein Großplakat an mit der Aufschrift:
Das gute Leben wird auf Kirchentagen und in Sonntagsreden beschworen, in der Wirtschaftspolitik spielt es keine Rolle. (Foto: kirchentag.de)

Im Oktober letzten Jahres veröffentlichten der Thinktank Agora Energiewende und die Stiftung Klimaneutralität eine viel beachtete Studie für ein "Klimaneutrales Deutschland" im Jahr 2050. Die Studie zieht das hoffnungsvolle Fazit, das Erreichen der Klimaziele und die Treibhausgasneutralität 2050 seien machbar. Die Rede ist von "großen Herausforderungen" und "ambitioniertem Klimaschutz".

Die Herausforderungen sind tatsächlich groß. Näher betrachtet zeigt sich jedoch, dass einige Annahmen der Studie unrealistisch sind. Ein Kernproblem sind Energieimporte. Die Studienautor:innen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 etwa 348 Milliarden Kilowattstunden an Wasserstoff und sonstigen synthetischen Brennstoffen importiert werden müssen, die mit Power-to-X-Techniken hergestellt werden.

Ein so gewaltiger Energieimport ist nicht realisierbar. Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, dass für die PtX-Lösungen sehr große Mengen an regenerativem Strom benötigt werden. Die dafür nötige Energiemenge könnte in einer ähnlichen Größenordnung landen wie der aktuelle deutsche Bruttostromverbrauch, der 2019 bei 570 Milliarden Kilowattstunden lag.

Stellen wir uns noch vor, dass weitere europäische Länder mit einem ähnlich hohen Pro-Kopf-Energiebedarf wie Deutschland ebenfalls importieren, landen wir bei gigantischen Einfuhren von Energie. Der Import hätte natürlich nur dann Sinn, wenn die exportierenden Länder sich selbst bereits zu 100 Prozent mit regenerativen Energien versorgen.

Ein Land beispielsweise, das wegen seines guten Sonnen- und Windangebots häufig als möglicher Energieexporteur genannt wird, ist Marokko. Allerdings plant Marokko erst für 2030 einen Anteil von 52 Prozent erneuerbaren Energien im Strommix. Der Erneuerbaren-Anteil am gesamten Energieverbrauch des Landes wird noch deutlich darunter liegen. Länder wie Marokko werden folglich in absehbarer Zeit keine überschüssigen regenerativen Energieträger erzeugen, die sie exportieren könnten.

Unrealistische und riskante Energiestrategie

Hinzu kommt: Zur Herstellung von PtX-Brennstoffen wird sehr viel Wasser benötigt – nicht nur als Rohstoff, sondern auch zur Reinigung und Kühlung der Solaranlagen. In Ländern wie Marokko gibt es schon jetzt einen großen Wassermangel, teilweise kann nicht einmal die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung gesichert werden.

Ein weiterer Grund, der gegen diese riesigen Energieimporte spricht: Es erscheint extrem unsicher, dass die nötige Erzeugungs- und Transportinfrastruktur geschaffen werden kann. Mit dem Projekt Desertec ist ein prominenter Versuch in dieser Hinsicht bereits krachend gescheitert. Zudem gilt die politische Situation in Ländern wie Tunesien, Libyen und Ägypten weiterhin als sehr dynamisch bis instabil.

Benedikt Fischer

ist Dozent für Regenerative Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. (Foto: privat)

Als Rechtfertigung für die künftigen PtX-Importe wird häufig argumentiert, dass Deutschland auch heutzutage seine Energie größtenteils importiere und sich letztlich nur die Energieträger von fossil zu nicht fossil änderten würden. Ziel einer Energiewende sollte es jedoch gerade sein, sich nicht schon wieder in hochproblematische geopolitische Abhängigkeiten zu begeben.

Eine Deckung des deutschen Energiehungers durch Importe ist daher aus technischer wie aus geopolitischer Sicht höchst riskant und unrealistisch. Energieimporte in dieser Größenordnung sind Scheinlösungen, die uns davon ablenken und daran hindern, über realistische Klimaschutzpfade zu diskutieren.

Damit stellen wir aber auch einen Elefanten in den Raum: Wenn selbst solche anspruchsvollen Studien auf unrealistischen Annahmen beruhen – wie kann dann realistischer Klimaschutz überhaupt gelingen?

Eine gar nicht so unbequeme Wahrheit

Die Antwort ist für manche die nächste unbequeme Wahrheit: Das Erreichen der Klimaziele ist ohne Suffizienz- und Postwachstumsstrategien nicht möglich. Der Clou ist zugleich, dass diese Wahrheit gar nicht so unbequem ist, sondern im Gegenteil – diese Wahrheit kann sogar richtig verlockend sein.

Einen sehr guten Schritt in diese Richtung macht die kürzlich veröffentlichte Studie des Konzeptwerks Neue Ökonomie und der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Autor:innen modellieren darin ein Szenario zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze und zeigen, welche beeindruckenden Potenziale in Suffizienzmaßnahmen und dem damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Wandel stecken.

So wird für die Länder des globalen Nordens unter anderem eine Reduktion von heute durchschnittlich 1,8 Flügen pro Jahr auf einen Flug alle drei Jahre, eine Verringerung der Pro-Kopf-Wohnfläche um 25 Prozent oder ein Rückgang des Fleischkonsums um 60 Prozent angenommen.

Die genannten Optionen stellen dabei keine drastischen Verzichtsszenarien dar, es sind überschaubare Verhaltensänderungen. Das vorgeschlagene Suffizienzszenario erscheint damit deutlich realistischer als die genannten Energieimporte.

Ein Haupthindernis für Suffizienz besteht allerdings darin, dass weltweit wirtschaftliches Wachstum zum zentralen Ziel jeglichen politischen und wirtschaftlichen Handelns erkoren wurde. Außer Frage steht dabei, dass wirtschaftliches Wachstum ein Mittel sein kann, um Wohlstand zu erzeugen.

Allerdings gibt es mit dem wirtschaftlichen Wachstum – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) – einen großen Haken: Auch wenn viele Panzer oder Antidepressiva verkauft werden, ist das gut fürs BIP. Wenn Menschen sich einen SUV statt einer Bahncard 100 kaufen, ist das gut fürs BIP. Wenn Produkte mit geplanter Obsoleszenz gezielt kurzlebig gebaut werden und deshalb ständig zum Neukauf motiviert wird, ist das gut fürs BIP.

Das BIP ist daher als Indikator fürs Gemeinwohl völlig irreführend und trägt dazu bei, die zerstörerische Kraft von ungebremstem Wirtschaftswachstum auch noch als erstrebenswert darzustellen. Würden wir uns trauen, von dem absurden Wachstumsdogma abzurücken und von nun an das politische und wirtschaftliche Handeln am Gemeinwohl auszurichten, stellt sich allerdings die Frage, wie dann Forschung, Bildung, Kultur, soziale Hilfen oder Infrastruktur finanziert werden sollen.

Der Mut, das Offensichtliche auszusprechen

Auf diese Frage gibt es bereits viele gute Antworten, die auch in der Studie des Konzeptwerks genannt werden, wie gerechtere Steuersysteme und die Entkopplung des Sozialstaats vom Wirtschaftswachstum. Die spannende Aufgabe unserer Zeit liegt darin, diese Antworten gemeinsam weiterzuentwickeln und überzeugende Lösungsvorschläge auszuarbeiten.

Ein gesellschaftlicher Wandel zu einer Postwachstumsgesellschaft ist nicht nur der Schlüssel, um das Erreichen der Klimaziele realistisch werden zu lassen. Eine Postwachstumsgesellschaft mit einem grundlegenden Wertewandel, also einer Abkehr von Materialismus, Egoismus und Konkurrenz hin zu Kooperation, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit, hat das Potenzial, unsere Lebensqualität auf ein ganz neues Level zu heben. Wir bekommen Klimaschutz und ein besseres Leben. Wenn das keine Win-win-Situation ist.

Die Agora-Studie zur Klimaneutralität 2050 liefert für den Ausbau der erneuerbaren Energien, für Effizienzmaßnahmen und für technische Lösungen wertvolle Vorschläge und Zielmarken, die mit aller Kraft verfolgt werden müssen. Doch das reicht eben für erfolgreichen Klimaschutz nicht.

Erst flankiert durch Suffizienzstrategien wird die Sache zum Erfolg. Wenn Thinktanks – und gemeinsam mit ihnen die Akteure der wissenschaftlichen und politischen Community, die ernsthaft um jedes Zehntelgrad weniger Erderwärmung kämpfen will – endlich den Mut finden, sich offen und unmissverständlich für eine Postwachstumsgesellschaft auszusprechen, würde das tatsächlich Anlass zur Hoffnung bieten.

Die Transformationswissenschaftlerin Maja Göpel hat das genau auf den Punkt gebracht: Der einzige Fehler, den wir jetzt machen können, ist zu klein zu denken. 

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