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Die anhaltende Selbsttäuschung über die Klimakrise

Beim Klimaschutz geht es derzeit einzig ums technische Machbare. Die Natur bleibt ein blinder Fleck – und über Suffizienz und Mäßigung will auch niemand reden. So kann die Transformation nicht gelingen.


Porträtaufnahme von Michael Müller.
Michael Müller. (Foto: Martin Sieber)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Michael Müller, als SPD-​Politiker bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium, heute Bundesvorsitzender der Naturfreunde.

Ich habe gezögert, ob ich das aufschreiben soll, aber meine Verzweiflung über die Selbsttäuschung in der Klimakrise wächst. Ich frage mich, welche Folgen sich vor uns aufbauen, wenn schon in diesem Jahrzehnt klar werden wird, dass die so einseitig auf den technischen Klimaschutz fixierte Strategie der neuen Ampel-Koalition nicht erfolgreich sein kann.

Schon im Sondierungspapier vom Oktober tauchten beim Klimaschutz weder die Begriffe Natur oder Renaturierung noch Suffizienz und Mäßigung in irgendeiner Form auf. Das steht für die strukturelle Naturvergessenheit in Politik und Öffentlichkeit.

Auch die Koalitionsvereinbarung ist ein Ausdruck technischer Machbarkeitsideologie. Dort ist kaum etwas korrigiert, wenig wird ausgesagt zu der nötigen Doppelstrategie von Dekarbonisierung und Renaturierung. Eine naturbasierte Klimastrategie ist – wenn überhaupt – nur hineinzuinterpretieren. Über Begrenzung und Suffizienz findet sich gar nichts.

Aber Klimaschutz wird so nicht funktionieren. Damit lassen sich die immer wieder verkündeten Ziele nicht erreichen.

Auf der Klimakonferenz in Glasgow hing an der Decke eine Ampel, auf der immer wieder die Zahl 416 angezeigt wurde. Heute müsste dort schon 417 stehen. Diese kaum diskutierte Zahl bedeutet, dass die Kohlendioxid-Konzentration in der Troposphäre nur noch zehn ppm von dem ersten kritischen Wert von 427 ppm entfernt ist, wobei sie derzeit um 2,3 ppm pro Jahr zunimmt.

Weiß die neue Regierung, worum es geht?

Seit 1979, seit den Untersuchungen des US-Forschungsrates, wissen wir Bescheid, was diese Daten bedeuten. Eine Verdopplung des Ausgangswertes vom Jahr 1800, nämlich 285 ppm, entspricht einer Erderwärmung um drei Grad. Bei 427 sind wir demnach bei 1,5 Grad, auch wenn es eine Verzögerung durch die Anpassungsfrist des Klimasystems gibt.

Anders gesprochen: Es ist leider blanker Unsinn, davon zu reden, wir könnten im Jahr 2030 auf einem 1,5-Grad-Pfad sein. Und wir reden dann auch nur von Deutschland, die anderen großen Verschmutzungsländer sind noch gar nicht dabei.

Das soll nicht heißen, dass wir die Anstrengungen nicht verstärken müssten, im Gegenteil. Aber wir müssen die Selbsttäuschung beenden.

Die Gefahr wächst, dass die Klimakrise die Welt in einem nicht bekannten Maße spalten wird. Reiche Schichten und reiche Länder werden versuchen, sich in Oasen des Wohlstands von der unwirtlich werdenden Welt abzuschotten. Damit wächst die Gefahr erbitterter Verteilungskämpfe, neuer Gewalt und möglicherweise von Krieg. Die Aufrüstung ist bereits in vollem Gange.

Das ist für mich die Überraschung des Jahres, dass Frames, wie sie in der Kognitionsforschung genannt werden, Vernunft und Aufklärung zu Grabe tragen können.

Im Koalitionsvertrag gibt es keine Beschreibung, was mit unserer Welt passiert. Von der Ambivalenz des Anthropozäns zwischen Selbstzerstörung und neuer Befreiung ist nichts zu lesen.

Traurig. Es ist höchste Zeit, die Naivität abzulegen und die halbierte Aufklärung zu beenden.

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