"Wir pumpen immer mehr Energie in die Atmosphäre"

Seit Corona fragen sich viele, ob das Schneller-Höher-Weiter-Mehr die richtige Zielrichtung ist – das kann eine Zäsur werden, sagt Sven Plöger. Der Wettermoderator spricht im Interview über Cumulus-humilis-Wolken, seine 13 Wetter-Apps auf dem Smartphone und die Dramatik des Klimawandels.


Feld mit Wolken darüber.
Die Freude über wochenlange Sonne hielt sich bei Bauern schon immer in Grenzen. In den letzten Jahren haben ihre Sorgen noch zugenommen. (Foto: M. Collin/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Plöger, Sie sind einer von Deutschlands bekanntesten Wetter-Moderatoren. Sagen Sie lieber Sonne an oder Regen an?

Sven Plöger: Früher war das klar. Da habe ich Sonne angesagt, und alle haben sich gefreut. Aber diese Zeiten sind vorbei – seit der großen Trockenheit 2018.

Die Leute haben gemerkt, da stimmt irgendetwas nicht, sie haben die Bilder von vertrockneten Feldern und geschädigten Wäldern gesehen. Sie wissen: Regen ist dringend nötig.

Seit zwei Jahren betone ich das immer wieder: Leute, wir brauchen Regen. Mein Standardsatz ist: Ohne Wolken kein Wetter, ohne Regen kein Leben. Das ist angekommen. Diese ewige Sonnen-Suche, mit dem Ergebnis, das man eine ledergegerbte Haut bekommt, hat sich überholt.

Die Jahre 2018 und 2019 waren extrem trocken und heiß, aber in diesem Jahr ...

... weiß man es noch nicht. Wir Menschen leben im Hier und Jetzt. Wenn ein bisschen Regen fällt, sind wir schnell der Meinung, jetzt ist ja wieder alles in Butter. Aber das kann sehr täuschen. Wie der Sommer insgesamt werden wird, kann keiner wissen. Das vorherzusagen schafft kein Wettermodell.

Aber klar ist doch: 2018 war viel zu trocken, 2019 hatte ebenfalls viele trockene Perioden und eine extreme Hitzewelle Ende Juli. 2020 war im April und Mai in vielen Regionen wieder zu trocken. Das heißt: Vor allem die Böden haben ein Wasserproblem, und etwas Regen gleicht das noch lange nicht aus. Selbst ein durchschnittlicher Sommer wäre ein Problem, er würde das Defizit nicht beenden.

Und welches Wetter gefällt Ihnen selbst am besten?

Es kommt, wie es kommt. Das ist das Schöne an der Meteorologie, ich kann mich jeden Tag überraschen lassen. Ich kann mit allem leben. Ich habe aber trotzdem zwei Lieblingswetter.

Das eine ist eine Wetterlage mit Cumulus-humilis-Wolken, das sind die kleinen, netten Quellwolken. Die signalisieren nämlich Thermik, das ist für mich als passionierter Gleitschirm- und Segelflieger die beste Voraussetzung.

Und das andere ist das Herausforderungswetter. Wechselhaftes Geschehen, richtig was los. Ich liebe Gewitter. Allerdings natürlich nicht, wenn dadurch Menschen zu Schaden kommen oder Dinge zerstört werden. Da hört die Faszination auf.

Sie sind seit 1999 im Fernsehen. Wie hat sich die Wettervorhersage denn seither verändert?

Die Vorhersage ist einerseits technisch viel besser geworden. Die Wettermodelle können mehr, die Rechner leisten heute deutlich mehr, die Prognosefehler sind kleiner.

Sven Plöger

Der studierte Meteorologe sagt seit 1999 in Funk und Fernsehen das Wetter voraus, seit Anfang des Jahres aus dem neuen ARD-Wetterstudio in Frankfurt am Main. 2010 wurde Plöger als "bester Wetter­moderator im deutschen Fernsehen" ausgezeichnet, demnächst erhält er den Umweltpreis der Stiftung Naturelife-International. Er hält Vorträge über Wetter und Klima und schreibt Bücher darüber – neu erschienen ist "Zieht euch warm an, es wird heiß".

Andererseits wird die Vorhersage unter anderem dadurch erschwert, dass sich die Wettermuster verändern. Wir haben öfter In-situ-Wetterlagen, die sich nur langsam verschieben, fast wie in den Tropen.

Beispiel: Bei schwüler Witterung kann man für eine Region zwar vorhersagen, hier gibt es ein Potenzial für Gewitter. Aber man kann nicht angeben, wo genau die Gewitter sein werden. Es ist wie beim Wasserkochen. Wir wissen, es kocht, wenn es zu blubbern anfängt. Aber wir können nicht sagen, wo die nächste Blase aufsteigen wird.

Aktuell haben wir zudem ein Corona-Problem. Uns fehlen wegen des stark gedrosselten Flugverkehrs die Messungen, die von den Passagierjets aus gemacht werden und normalerweise in die Computermodelle einfließen. Das ist zwar gut fürs Klima, aber schlecht für die Wetterprognosen.

Wetter-Apps gaukeln uns eine extreme Genauigkeit vor, sie zeigen das Wetter für einen Ort morgen früh zwischen acht und neun Uhr oder in 16 Tagen ...

... deswegen betreibe ich selbst keine Wetter-App, obwohl sie von der Idee her super sind. Ich schaue sie auch regelmäßig an, ich habe sogar 13 Stück davon auf meinem Smartphone, um sie zu vergleichen. Überspitzt gesagt: 13 Apps, 14 Vorhersagen, besonders bei wechselhaftem Wetter.

Generell gilt: Tag eins und Tag zwei sind meist okay, eventuell noch Tag drei. Alles, was danach kommt – einfach vergessen. Aber die Apps werden besser, das räume ich ein.

Die Wettervorhersagen sind reißerischer geworden. Der Mega-Sturm, die Sahara-Hitze, das Monster-Unwetter ... 

Meine nicht. Niemand möchte einen Orkan verpennen, und da ist die Verlockung groß, auch schon mal bei Windstärke fünf die Warnlampen anzustellen. Aber: Wenn wir übermäßig warnen, dann wird die Warnung irgendwann nicht mehr ernst genommen.

Ich versuche eine sachliche Einordnung, was aber manchmal schwer ist. Bei einem heraufziehenden Sturm kann man nicht angeben, wo genau die Sturmfelder mit den stärksten Böen verlaufen werden. Dann wird ein Karnevalszug in einer Stadt abgesagt, die aber glimpflich davonkommt.

Umgekehrt: Dimmt man die Warnung herunter, und es liegen plötzlich fünf Tote unter einem vom Sturm umgeschmissen Karnevalswagen, dann haben wir eine Debatte, die ich nicht erleben möchte. Man braucht also viel Fingerspitzengefühl.

Generell gilt: Rund 90 Prozent der Vorhersagen für den nächsten Tag sind richtig, zehn Prozent falsch. Es kann passieren, dass Wettermodelle, so gut sie inzwischen sind, einen hereinlegen. Die Atmosphäre ist ein extrem komplexes Gebilde.

Macht sich der Klimawandel denn auch in den Vorhersagen konkret bemerkbar?

Durchaus. Die Atmosphäre wird insgesamt wärmer, es ist mehr Energie im System.

Aber viel bedeutsamer ist: Die atmosphärische Zirkulation ändert sich. Land und Meere erwärmen sich unterschiedlich, wo in der Arktis Eis war, ist plötzlich keins mehr, die Rückstrahlung ins Weltall verändert sich. Dadurch verändern sich die Strömungen und mit ihnen die Wetterabläufe.

Die starke Erwärmung der Arktis und der Rückzug des Eises dort führen dazu, dass der zentrale Antrieb, warum es Wetter gibt – kalter Nordpol, heißer Äquator und der Ausgleich dazwischen – schwächer wird. Der Jetstream, ein Starkwindband in der oberen Atmosphäre, wird geschwächt, und das macht die Hochs und Tiefs auf ihren Bahnen langsamer. Bleibt ein Hoch lange an Ort und Stelle, bekommen wir eine Dürre, bei einem stehenden Tief gibt es Regenmassen und Überschwemmungen.

Diese Veränderungen hat die Klimaforschung bereits vor 30 Jahren vorausgesagt, und inzwischen spüren wir es konkret im Wettergeschehen.

Wann ist Ihnen die Dramatik der Klimaveränderungen erstmals aufgegangen?

Das war bei Sturm Lothar, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999. Ich machte damals die Vorhersagen aus einer Wetterstation in der Nordostschweiz, und das Gebäude, in dem meine Kollegen und ich saßen, war ein Holzhaus auf einem Berg, etwa 1.100 Meter über dem Meeresspiegel. Die Windgeschwindigkeit betrug knapp 180 Kilometer pro Stunde, also weit über Windstärke zwölf, die bei 118 beginnt. Das war dramatisch.

Dann schaute ich aus dem Fenster und musste zusehen, wie plötzlich ein Drittel des Waldes abrasiert wurde. Damals hatte ich mich mit dem Thema Klimawandel noch kaum befasst. Aber ich begriff mit einem Schlag: Wir pumpen immer mehr Energie in die Atmosphäre, und die Atmosphäre reagiert darauf.

Das machte mir klar: Wir sind Täter und Opfer zugleich. Das war der Auslöser. Ich beschäftige mich seither intensiv mit den Ergebnissen der Klimaforschung.

Wie oft kommen Sie darauf in den Moderationen zu sprechen?

Eher selten. Bei rund zwei Minuten im Wetterbericht hat man nicht die Zeit, das so differenziert darzustellen, wie es nötig ist. Ich versuche es, in Talkshows unterzubringen. Und deswegen habe ich jetzt auch ein ausführliches Buch darüber geschrieben.

Aber auch im Fernsehen und im Radio brauchen wir neue Formate für so komplexe, aber wichtige Themen wie den Klimawandel. Viele Verantwortliche in TV- und Radiosendern sind der Meinung, die Leute können sich nur 30 Sekunden konzentrieren, dann schalten sie innerlich ab. Das ist falsch.

Das Rezo-Video voriges Jahr hat das gezeigt, aktuelles Beispiel sind die Corona-Podcasts mit dem Virologen Drosten. Der Wunsch nach vertiefter, differenzierter Information ist groß.

Bekommen Sie es oft mit Klimaleugnern zu tun?

Am Anfang war es heftig. Oft auch unter der Gürtellinie. Ich habe mich deswegen auch viel mit deren Thesen auseinandergesetzt, und ich weiß, warum sie nicht stimmen.

In jüngerer Zeit hat es abgenommen. Der Grund: In der Realität passiert genau das, was die Klimaforscher vorausgesagt haben. Die Klimaleugner haben hier ein Problem, das sie nicht lösen können.

Ihr Buch heißt "Zieht euch warm an, es wird heiß". Wie heiß wird es denn?

Das kann niemand sagen. Es hängt davon ab, wie die Menschheit auf das Problem reagiert. Die Wetterrekorde generell nehmen zu und damit auch die Hitzewellen – weltweit.

Im Juli 2019 hatten wir in Deutschland an über 60 Wetterstationen gleichzeitig über 40 Grad, das gab es noch nie, seitdem in Deutschland gemessen wird. Es hängt an uns, an den Beiträgen von 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde, ob das "Flatten the Curve" noch funktionieren wird. 

Wie sehen Sie die Chancen, die globale Erwärmung bei 1,5 bis zwei Grad zu stoppen, wie die Staaten der Welt es ja im Paris-Abkommen beschlossen haben?

Ich bin Rheinländer, also grundoptimistisch. Es hat ja auch keinen Sinn zu sagen, es ist schon fünf nach zwölf.

Aber zwei vor zwölf ist es schon.

Richtig. Ich bin ja nicht naiv. Wir haben 30 Jahre verloren. Spätestens um 1990 war klar, dass umgesteuert werden muss, doch viel zu wenig ist geschehen. Nun spitzt sich die Lage zu. Die Atmosphäre weckt uns. Sie wird sich immer neue Sachen einfallen lassen, um uns auf das Klimaproblem hinzuweisen.

Derzeit stelle ich mir die Frage: Was kann uns die Corona-Krise in diesem Zusammenhang lehren? Viele Menschen sind durch die Zwangsentschleunigung nachdenklich geworden. Sie stellen sich die Frage, ob das Schneller-Höher-Weiter-Mehr, das Haben-Haben-Haben, der Überkonsum und damit das Ausbeuten des Planeten die richtige Zielrichtung ist. Auch einige Politiker, von denen man das bisher nicht dachte, sind darunter. Das kann eine Zäsur werden.

Die Fridays-for-Future-Bewegung ist seit Corona nur noch ein Schatten ihrer selbst. Glauben Sie, sie schafft ein Comeback?

Nicht ausgeschlossen. Ich hoffe es, einerseits. Fridays for Future hat gezeigt, dass eine junge Generation durchaus in der Lage ist, etwas außerhalb des Smartphone-Displays wahrzunehmen und politischen Druck auszuüben.

Andererseits muss es ihr gelingen, die politische Kraft in andere Bahnen zu lenken. Sie müssen den Marsch durch die Institutionen antreten, auch die politischen. So wie die Grünen es vor 40 Jahren gemacht haben. 

Braucht es eine grüne Regierungschefin? Unsere Groko tut sich doch enorm schwer mit dem Klimaschutz, trotz "Klimakanzlerin" Merkel.

Nicht unbedingt. Viele Parteien bewegen sich bei dem Thema. Schlüsselerlebnis: die Europawahlen 2019. Sie haben erstmals gezeigt, dass man mit dem Thema Klima Wahlen gewinnen kann. Ich setze darauf, dass die Klimapolitiker in allen Parteien deshalb viel mehr an Bedeutung gewinnen. Wenn die Grünen in die Regierung kämen, hätte ich allerdings nichts dagegen ... 

Die Zeit läuft weg, der globale CO2-Ausstoß nähert sich schnell wieder dem Vor-Corona-Wert an. Droht nicht am Ende doch eine Ökodiktatur?

Ökodiktatur ist eine Killerphrase. Damit zerstört man jede vernünftige Diskussion. Die Klimaleugner benutzen sie, um Debatten abzuwürgen. Wir leben in einer Demokratie, und wir müssen alles tun, um sie zu erhalten.

Die einzige Chance ist, dass wir uns auf demokratischem Weg Regeln geben, die die Ausbeutung der Natur stoppen, so wie die extreme Ausbeutung des Menschen zu Beginn der Industrialisierung gestoppt wurde – durch den Acht-Stunden-Tag, die Gründung von Gewerkschaften, die Krankenversicherung, die Rentenversicherung. Von selber kommt das nicht.

Erinnern wir uns: 2019 war das Jahr, in dem in Deutschland so intensiv über das Klima debattiert wurde wie nie, aber gleichzeitig mehr SUVs verkauft wurden und mehr geflogen wurde denn je. Das kann man nur auflösen, indem die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass das klimafreundliche Verhalten belohnt wird, nicht das klimazerstörende.

Dann noch eine Prognose bitte: Wie sieht eine Wettervorhersage im Jahr 2050 aus?

Schauen Sie bei Youtube nach. Da habe ich eine für den 7. August 2050 gemacht, im Auftrag des früheren UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon. Man kann dann in Deutschland natürlich weiter leben. Aber an häufige Tropennächte, überquellende Kanalisationen und Tornado-Warnungen wird man sich bis dahin gewöhnen müssen.

Aber: Wenn wir uns wirklich zusammenreißen und endlich die Dinge tun, die wir uns seit Jahren verbindlich versprochen haben, dann könnten sich unsere Nachkommen über eine sich allmählich wieder beruhigende Natur freuen. Ich finde, das sind wir ihnen schuldig.

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