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Der dritte Weltkrieg ist da

In der Debatte um einen möglichen Atomkrieg geht vollkommen unter, dass wir bereits einen dritten Weltkrieg führen: gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Wir müssen endlich verstehen, dass wir als Spezies gefährdet sind.


Die Bäume zeigten ihre Ringe, die Tiere ihre Adern
"Die Bäume zeigten ihre Ringe, die Tiere ihre Adern", Gemälde von Franz Marc, 1913. (Bild: Wikimedia Commons)

Die halbe Welt redet heute von der Gefahr eines dritten Weltkrieges wegen des Ukraine-Konflikts. Bei aller Gefahr und Unsicherheit wird übersehen, dass der dritte Weltkrieg schon lange begonnen wurde.

Es ist der Krieg, den wir gegen uns selbst führen. Der Krieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst, weil wir ein Teil der Natur sind.

Brauchen Sie Beweise für diese Behauptung?

Vor 30 Jahren haben meine Kollegen und Kolleginnen in der Zeitsprung-Serie der ARD in Form einer "ökologischen Tagesschau" festgestellt: Täglich rotten wir global 150 Tier- und Pflanzenarten aus, vergrößern die Wüsten unseres Planeten um 50.000 Hektar, emittieren 100 Millionen Tonnen Treibhausgase, verlieren 80 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden und werden eine Viertelmillion Menschen mehr.

Wie gesagt: täglich.

Diese alarmierenden Zahlen wurden damals auch in einer Aktion der deutschen Umweltverbände für eine ökologische Wende aufgegriffen. 750.000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschrieben die Forderung nach einem "Ökologischen Marshallplan".

1995 auf der Weltklimakonferenz COP 1 in Berlin durfte ich den Plan an Angela Merkel überreichen, die zu der Zeit Deutschlands Umweltministerin war und in dieser Funktion auch Konferenzpräsidentin. Angela Merkel sagte damals: "Diese Zahlen sind erschreckend. Wir müssen sie als Politiker ernst nehmen".

Auch der Spiegel sprach schon damals von einem "dritten Weltkrieg gegen die Natur".

Verstehen, dass wir als Spezies bedroht sind

Wie sehen die entsprechenden Zahlen heute, nach weiteren 25 Weltklimakonferenzen, aus?

Wir emittieren jeden Tag weltweit 180 Millionen Tonnen Treibhausgase und rotten täglich fast 200 Tier- und Pflanzenarten aus. Obwohl wir wissen: Ohne Tiere und ohne Pflanzen keine Menschen. Wir alle stehen auf den Schultern unserer älteren Geschwister im Tier- und Pflanzenreich.

 

Die Universität Hawaii machte vor fünf Jahren mit einer Studie klar: Wir müssen endlich verstehen, dass wir als Spezies gefährdet sind. Nicht nur Bangladesch ist ein verletzliches Land, sondern alle Länder sind durch die Klimakrise verletzlich geworden.

Auch wenn "Klimawandel" für viele Menschen immer noch recht theoretisch klingt: Es handelt sich dabei um eine Gesundheitskatastrophe von gigantischem Ausmaß. Das Leben auf der gesamten Erde ist gefährdet.

Die Hawaii-Studie ergab: Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden 75 Prozent der menschlichen Bewohner unseres Planeten regelmäßig mörderischen Hitzewellen ausgeliefert sein, weil es dann global um etwa vier bis fünf Grad wärmer sein wird als heute (nach anderen Studien sogar um sieben bis acht Grad heißer), wenn wir so weitermachen wie bisher.

Ähnliche Vorhersagen gibt es vom Weltklimarat IPCC. Auch dort sitzen keine Weltuntergangspropheten, sondern seriöse Wissenschaftler.

Das heißt im Klartext: Drei Viertel der Menschheit könnten umkommen – eine ungeheuerliche Vorstellung. Das Jahr 2100 ist die Zeit unserer Kinder, Enkel und Urenkel – je nach Ihrem Alter, liebe Leserin, lieber Leser. Durch die Pest im Mittelalter starb in Europa etwa ein Drittel aller Menschen.

Ist der Klimawandel nur Theorie?

Klimawandel klingt für viele Menschen recht theoretisch. In Wahrheit ist es eine Gesundheitskatastrophe, wenn nicht eine Überlebensfrage. Zur Eröffnung der Weltklimakonferenz in Glasgow im vergangenen November sagte der britische Premier Boris Johnson, es sei "eine Minute vor zwölf".

Vor dem Gipfel in Glasgow unterzeichneten 40 Religionsführer aus der ganzen Welt – unter ihnen Papst Franziskus, der Groß-Imam aus Ägypten, Ahmed al-Tayyib, und der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I. – einen dringenden Appell für mehr Klimaschutz: "Jetzt ist die Zeit für drängende, radikale und verantwortungsbewusste Taten."

Franz Alt

ist Journalist und Buchautor. Er leitete 20 Jahre das politische Magazin "Report" beim Südwest­rundfunk, danach bis 2003 die Zukunfts­redaktion des SWR. Sein neues Buch mit Ernst Ulrich von Weizsäcker heißt: "Der Planet ist geplündert. Was wir jetzt tun müssen".

Das Zeitfenster unserer Handlungsmöglichkeiten schließt sich. Wir leben im letzten Jahrzehnt, in dem wir noch handeln können.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet vor, dass schon heute jedes Jahr mindestens sieben Millionen Menschen an den Folgen des Klimawandels und der weltweiten schlechten Luftqualität sterben.

Der Weltklimarat schätzt, dass zur Mitte des Jahrhunderts bis zu 280 Millionen Klimaflüchtlinge auf der Suche nach einer neuen Heimat über unseren Planeten irren werden.

Was muss eigentlich noch passieren, bis wir diese Situation als das begreifen, was sie ist?

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