Schlüsselfaktor Bürgerenergie, vergessenes Energiesparen und Lindners Groschen

Kalenderwoche 9: Eine Laufzeitverlängerung für Kohle und Atomkraft stabilisiert nur wieder die Strukturen, die die Probleme erst geschaffen haben, findet Sebastian Sladek, Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Ein Weg, die Abhängigkeit zu verringern, ist für ihn das lange vernachlässigte Energiesparen.


Porträtaufnahme von Sebastian Sladek.
Sebastian Sladek. (Foto: Bernd Schumacher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Klimareporter°: Herr Sladek, das Osterpaket der Bundesregierung soll viele Hürden für den Solarausbau beseitigen: Die Ausschreibungs­mengen steigen, der "atmende Deckel" fällt weg, die Vergütung wird 2022 nicht gesenkt und innovative Vorhaben wie Agri- und Parkplatz-Photovoltaik erhalten die normale Förderung. Sind denn da noch Wünsche offen?

Sebastian Sladek: Für den Umbau des Energiesystems und die breite gesellschaftliche Akzeptanz für diesen Kraftakt ist es unverzichtbar, die Bürgerenergie ganz bewusst zu stärken. Dazu gehört, verlässliche, niedrigschwellige Rahmenbedingungen zur schnellen Umsetzung von Bürgerprojekten für Erneuerbare zu schaffen.

Im Sinne einer sozial gerechten Energiewende dürfen außerdem partizipative Modelle wie zum Beispiel Mieterstrom, von denen auch Menschen ohne eigene Dächer profitieren, nicht hinten runterfallen. Gerade in den Städten brauchen wir einen schnellen und konzentrierten Solarausbau.

Das zeigt auch eine von den Elektrizitätswerken Schönau initiierte Studie aus dem Jahr 2020. Mit einem anspruchsvollen Ausbau kleiner Solaranlagen lassen sich danach bis 2030 140.000 Megawatt Photovoltaik realisieren. Und wer baut diese Anlagen? An vielen Stellen sind es die Bürgerinnen und Bürger.

Um schnell vom russischen Gas unabhängig zu werden, werden jetzt Stimmen laut, die eine Laufzeitverlängerung für Kohle und Atomkraft fordern. Eine gute Idee?

Eine voraussehbare, aber natürlich keine gute Idee. Wir sind in einer für die meisten von uns unbekannten und dramatischen Situation. Vom einen auf den anderen Moment regiert die Kriegslogik. Niemand sollte sich aber dazu verleiten lassen, in dieser aufgeladenen Situation zu kurz zu denken.

Die Laufzeitverlängerung von Kohle und Atom kann keine Lösung sein – sie wäre eine letzte Option, aber sie zementiert in einem Klima der Angst die alten Strukturen. Was die Atomreaktoren angeht, haben die Betreiber, die großen Energiekonzerne, auch schon abgewunken.

Wir können uns jetzt in den Hintern beißen, dass wir die Erneuerbaren nicht schon längst sehr viel stärker ausgebaut haben. Dass das notwendig ist, ist lange bekannt. Zudem ist es der einzige Weg, der mittel- und langfristig aus der Abhängigkeit von problematische Zulieferländern führt und die Energiepreise stabilisiert. Inzwischen sollten wir aber auf eine fast vergessene Lösungsmöglichkeit zurückgreifen: das gute alte Energiesparen.

Vor 35 Jahren wollten die Schönauer Initiativen nach der Katastrophe von Tschernobyl den Atomstrom wegsparen. Worüber heute milde gelächelt wird, könnte in der jetzigen Situation entscheidend werden. Denn übers Energiesparen wird plötzlich nicht mehr nur im Schwarzwald nachgedacht.

Die Deneff, die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz, hat jetzt gefordert, dass im geplanten Notfallmaßnahmenplan der EU für den Energiesektor ein "historisches Effizienzpaket" enthalten sein muss. Großangelegte Energiesparmaßnahmen machen unabhängiger und können dazu beitragen, sich vor hohen Energiepreisen zu schützen.

Schon eine globale Erwärmung um 1,5 Grad bedeutet vielfache Klimarisiken für Ökosysteme und Menschen, hat in dieser Woche der neue Bericht des Weltklimarats festgestellt. Die Wissenschaftler warnen vor unumkehrbaren Schäden an Systemen mit geringer Widerstandsfähigkeit. Haben wir die Bedrohlichkeit der Klimakrise schon verstanden?

Wohl kaum, aber möglicherweise kann uns der Krieg mitten in Europa auch in dieser Hinsicht eine Lektion erteilen. Der Bericht führt uns sehr drastisch vor Augen, was uns droht, wenn wir den Klimaschutz nicht endlich ernst nehmen. Minister Habeck hat ja schon erklärt, in der kriegsbedingten Krise gehe Versorgungssicherheit vor Klimaschutz.

Ich denke, wir wollen heute immer noch nicht wahrhaben, welches Potenzial für Krieg, Gewalt und Unterdrückung der Klimawandel weltweit in sich trägt. Es wird Kriege um Wasser und um Land geben, Menschen werden ihre Heimatregion verlassen, weil sie infolge der Erderwärmung nicht mehr genug Nahrung bietet oder schlicht zu heiß und damit unbewohnbar wird. Das alles wird zu gewaltigen Migrationsströmen führen.

Es ist glasklar, dass nach dem Zeitalter des Kalten Krieges und der darauf folgenden Globalisierung das geopolitische Handeln heute auf eine ganz andere Basis gestellt werden muss. Alle weltpolitischen Entscheidungen sollten unter dem Primat des Klimaschutzes stehen. Das ist auch eine Frage der Klimagerechtigkeit.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass Christian Lindner in seiner Bundestagsrede am 27. Februar die erneuerbaren Energien als "Freiheitsenergien" bezeichnete und versicherte, dass man zukünftig auf sie setzen werde. In diesen Tagen scheint auch bei der FDP mancher Groschen endlich zu fallen.

Fragen: Sandra Kirchner und Jörg Staude

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