Die Welt ist bei 1,5 Grad verletzlicher geworden

Im neuen IPCC-Teilbericht zeigen sich die Fortschritte der Klimawissenschaft. Selbst eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad hätte gravierende Folgen. Viel stärker als zuvor stellt der Bericht heraus, wie sehr Klimaanpassung von der sozialen Lage gesellschaftlicher Gruppen oder ganzer Länder abhängt.


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Wirbelstürme, Hochwasser, Hitzewellen, Starkregen: Es kommt immer auch darauf an, wo man lebt und wer einem hilft. (Foto: Zachary West/​DoD)

Nahezu die Hälfte der Menschheit lebt schon jetzt in Regionen, die durch den Klimawandel hoch verwundbar sind. Das ist eine der zentralen Aussagen im neuen IPCC-Teilbericht. Dieser betritt in mehrfacher Hinsicht Neuland für Berichte des Weltklimarates, wie die folgende Auswahl zeigt.

Verluste und Schäden bei 1,5 Grad

Schon eine globale Erwärmung um 1,5 Grad Celsius führt zu einem Anstieg vielfacher Klimarisiken (multiple climate hazards) für Ökosysteme und Menschen, stellt der Bericht fest.

Selbst wenn es gelänge, die globale Erwärmung kurzfristig auf die 2015 in Paris beschlossenen 1,5 Grad zu begrenzen, würde das zwar die Verluste und Schäden erheblich reduzieren, aber nicht vollständig vermeiden. In Landökosystemen wären dann drei bis 14 Prozent der Arten von einem "sehr hohen Aussterberisiko" betroffen, heißt es im Bericht.

Auch für den Fall, dass die 1,5-Grad-Grenze nur zeitlich begrenzt und vorübergehend überschritten wird (overshoot), warnt der Bericht vor dem Eintreten zusätzlicher und schwerwiegender Risiken. Bereits dann könnten Veränderungen eintreten, die unumkehrbar (irreversible) sind, selbst wenn die globale Erwärmung später zurückgeht.

Für Matthias Garschagen von der Universität München liefert der Bericht gerade bei den Overshoot-Pfaden wichtige neue Erkenntnisse. Auch diese hätten schwerwiegende und teilweise unwiderrufliche Schäden für Ökosysteme und Gesellschaften zur Folge, erklärt der Experte für Mensch-Umwelt-Beziehungen.

Der Bericht selbst warnt vor irreversiblen Auswirkungen auf Ökosysteme mit geringer Widerstandsfähigkeit – wie Polar-, Gebirgs- und Küstenökosysteme. Diese können etwa von abschmelzenden Eisschilden betroffen sein. In manchen kohlenstoffreichen Ökosystemen seien solche Auswirkungen bereits beobachtet worden und sie würden voraussichtlich mit jedem weiteren Anstieg der globalen Erwärmung zunehmen. Dazu gehörten vermehrte Waldbrände, massenhaftes Baumsterben, austrocknende Torfgebiete und tauende Permafrostböden.

In der Klimaschutzdebatte herrscht aus Sicht von Garschagen "zu häufig" die Meinung vor, man könne sich für einen gewissen Zeitraum höhere Erwärmungsgrade erlauben – in der Hoffnung, dass in Zukunft Technologien für besseren Klimaschutz und "negative Emissionen" zur Verfügung stünden.

Steigende Risiken bei weiterer Erwärmung

Der Bericht listet insgesamt 127 Schlüsselrisiken (key risks) auf, deren Auswirkungen mittel- und langfristig um ein Vielfaches höher sein werden als heute. Hierzu zählen zum Beispiel die Zunahme an Hitzetoten, der Anstieg der Schäden durch Hochwasser und Stürme oder auch verminderte Bewohnbarkeit und mögliche Verdrängung, etwa in kleinen Inselstaaten.

Gegenüber dem fünften Sachstandsbericht werden die Risikoschwellen schon bei einer jeweils geringeren Erderwärmung erreicht, hebt Hans-Otto Pörtner, einer der beiden Co-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe zwei, eines der zentralen Ergebnisse des neuen Berichts hervor. Die Datenbasis, um die Auswirkungen des Klimawandels zu beurteilen, sei wesentlich präziser geworden, erläutert der Biologe.

Auch Matthias Garschagen betont: "Die zu erwartenden Schäden steigen mit jedem bisschen Erwärmung merkbar an und liegen in einer Welt mit zwei Grad Erwärmung am Ende des Jahrhunderts deutlich über denen bei einer Erwärmung von nur 1,5 Grad."

Soziales Maß bei globaler Verwundbarkeit

Fast die Hälfte der Menschheit – 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen – lebt gegenwärtig in einem Umfeld, das hoch verletzlich (highly vulnerable) gegenüber den Folgen des Klimawandels ist, bilanziert der Bericht.

Das Maß der Verletzlichkeit richtet sich dabei stark nach sozialen Kriterien. Es gebe globale "Hotspots" der Betroffenheit, erklärt Jörn Birkmann, Chef des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung an der Uni Stuttgart. Der Bericht nennt hier vor allem Regionen in West-, Zentral- und Ostafrika, Südasien, Mittel- und Südamerika sowie die kleinen Inselentwicklungsstaaten und die Arktis.

Der eigentliche Treiber der Verwundbarkeit sei dabei nicht die Hitzewelle selbst, sondern die Situation der Betroffenen, sagt Birkmann. Er hat dabei vor allem gesellschaftliche Destabilisierungsprozesse im Blick. "Arme Gruppen werden vor erhebliche Probleme gestellt, Anpassungskapazitäten aufzubauen."

Auch die andere Hälfte der Menschheit könne durchaus betroffen sein, erläutert Birkmann. In den letzten Jahren seien jedoch in den besonders verwundbaren Regionen durch Stürme und Hochwasser 15-mal mehr Menschen zu Tode gekommen als in den nur normal verwundbaren Gebieten, zitiert er aus der Zusammenfassung für Politiker (summary for policymakers). Birkmann: "Dieser Unterschied lässt sich nicht durch das Extremereignis selbst erklären, sondern nur mit dem unterschiedlichen Maß an Verwundbarkeit."

Grenzen der Anpassung teilweise in Sicht

Mit zunehmender globaler Erwärmung nehmen Verluste und Schäden zu, stellt der Bericht fest. Menschliche und natürliche Systeme werden an die Grenzen der Anpassung stoßen.

Viele Vorhaben zur Klimaanpassung richten sich auf die unmittelbare und kurzfristige Minderung von Klimarisiken, wird kritisiert. Das wiederum verringere die Möglichkeiten für eine "transformative Anpassung".

Mit transformativer Anpassung ist beispielsweise gemeint, dass Küstenregionen davon abkommen, sich gegen den steigenden Meeresspiegel mit immer höheren Dämmen zu wehren, und stattdessen mehr und mehr zum Leben mit und auf dem Wasser übergehen.

Für die Geografin Diana Reckien von der Universität Twente in Enschede gibt es eine Reihe universeller Anpassungsmaßnahmen. Dazu gehören der Zugang zu Basisinfrastrukturen wie Wasser, Verkehr, Telekommunikation und Gesundheit, aber auch soziale Sicherheit und der Zugang zu entsprechenden Netzwerken.

Zwar werde in allen Weltregionen zu wenig für die Anpassung getan – die Lücken zwischen den Auswirkungen des Klimawandels und dem, was durch Anpassung getan werden kann, seien aber unterschiedlich groß. Betroffen seien nicht nur die verletzlichen Länder, sondern dort wie überall die verletzlichen Gruppen der Gesellschaft.

"Es hätte den größten Effekt, wenn gerade diese Gruppen bei der Anpassung unterstützt würden", betont Reckien. Der Bericht selbst hebt hervor, dass mit zunehmender globaler Erwärmung Verluste und Schäden immer schwieriger zu vermeiden sein werden und sich zugleich stark auf die ärmsten Bevölkerungsgruppen konzentrierten.

Auch für Achim Schlüter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen macht der neue Report sehr deutlich, dass die Effekte und die Möglichkeiten, mit dem Klimawandel umzugehen, sehr ungleich verteilt sind. "Daher kommen Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, aber auch der Gerechtigkeit bei der Entscheidungsfindung über Transformationspfade und eine gerechte Anerkennung von Rechten besonders benachteiligter Gruppen eine Schlüsselrolle zu", bekräftigt Schlüter.

Klimastabile Entwicklung immer dringlicher

Erstmals beschreibt ein IPCC-Sachstandsbericht mit dem heute vorgelegten Dokument Interaktionen zwischen verschiedenen Bereichen. Dazu enthält der Bericht sogenannte Synthesekapitel, darunter auch eines zu Entscheidungsoptionen.

Hier gehe es darum, welche Möglichkeiten und Instrumente für eine stärkere Klimaanpassung es gibt und auf welche Akteure und Hilfen man zurückgreifen kann, um "die Anpassung in die Breite zu streuen", erläutert Diana Reckien.

"Sehr viel stärker als frühere Reporte schaut der Bericht auf Lösungsmöglichkeiten", sagt die Geografin. Der Schwerpunkt habe dabei auf naturbasierten Ökosystemleistungen gelegen. "Wie kann man Natur und Infrastruktur kombinieren, gerade auch in den Städten? Das ist ein Highlight des Berichts", so Reckien.

Alle im Text zitierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben an der Erarbeitung des zweiten Teilberichts mitgewirkt, ausgenommen Achim Schlüter.

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