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HYDROGEN DIALOGUE 2021

Klimawandel bedroht Welternährung

Ohne Trendwende beim Treibhausgasausstoß drohen riesige Verluste bei der Nahrungsmittelproduktion. Ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen weltweit könnte zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr nutzbar sein, wenn die Emissionen weiter ungebremst steigen, zeigt eine neue Studie.


Nahaufnahme: Ausgetrockneter und versalzener Boden in Bangladesch
Noch nutzbar? Ausgetrockneter Boden in Bangladesch. (Foto: Verena Kern)

Zehn Milliarden Menschen werden bald auf dem Planeten leben. Um sicherzustellen, dass sie alle ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden können, wird oft eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft gefordert – um die Erträge auf den genutzten Flächen zu steigern.

Ein rasches Absenken der globalen Treibhausgas-Emissionen wäre jedoch die weitaus bessere Lösung, wie nun eine Studie um den Geowissenschaftler Matti Kummu von der finnischen Aalto-Universität zeigt, die soeben im Fachmagazin One Earth erschienen ist.

Denn wenn der Ausstoß an Klimagasen ungebremst weitergeht, wird am Ende des Jahrhunderts voraussichtlich nicht mehr viel übrig sein von den Flächen, die landwirtschaftlich genutzt werden können.

Ein Drittel der Flächen wäre dann verloren, auf denen heute noch Nahrung angebaut und Viehzucht betrieben wird – bei den Nutzpflanzen 31 Prozent und bei der Viehzucht 34 Prozent.

Auf diesen Flächen würden in 60 bis 80 Jahren noch nie dagewesene Bedingungen herrschen, sie würden "außerhalb des sicheren klimatischen Raums" liegen. Damit wären sie schlichtweg unbrauchbar, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Die klimatischen Bedingungen – Temperatur, Niederschlag und Trockenheit – wären dafür nicht mehr geeignet.

Jeweils ein weiteres Drittel der Flächen wäre stark gefährdet, aus dem "sicheren klimatischen Raum" herauszufallen.

Um zu definieren, was als "sicherer klimatischer Raum" gelten kann, betrachteten die Forschenden den Zeitraum von 1970 bis 2000 sowie die Flächen, auf denen damals 95 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion stattfanden. Dies verglichen sie mit den Bedingungen, die von 2081 bis 2100 herrschen werden, wenn die Emissionen weiter wie gehabt steigen.

Und sie sahen sich an, wie sich dies auf 27 der wichtigsten Nahrungspflanzen und sieben verschiedene Nutztiere auswirken würde. Dabei berücksichtigten sie auch das unterschiedliche Leistungsvermögen der Gesellschaften bei der Anpassung an die Veränderungen.

"Wir dürfen die Schwachen nicht zurücklassen"

Dabei zeigte sich, dass die Risiken weltweit sehr unterschiedlich verteilt sind. Von den 177 Ländern, die das Forschungsteam untersuchte, würde in 52 Staaten die gesamte Nahrungsmittelproduktion auch in Zukunft im sicheren klimatischen Bereich bleiben. Zu diesen Glücklichen gehören die meisten europäischen Länder.

Ganz anders sieht es Ländern aus, die bereits heute zu verwundbaren Regionen zählen – etwa Guyana und Surinam in Südamerika, Ghana und Guinea-Bissau in Afrika und Kambodscha in Asien.

Welternährung wird verletzlicher

Der Zuwachs der Produktivität in der Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch den Klimawandel verlangsamt. In einem Beitrag in Nature Climate Change Anfang April haben Ariel Ortiz-Bobea und mehrere Kollegen mit einem ökonometrischen Modell eine Abschätzung dieser Entwicklung vorgenommen. Laut ihrer Veröffentlichung hat die Produktivität seit 1961 klimabedingt um etwa 21 Prozent abgenommen.

 

Wesentlich gravierender ist der Effekt in wärmeren Regionen wie Afrika, Lateinamerika und der Karibik. Hier beträgt der Rückgang 26 bis 34 Prozent.

 

Insgesamt, so die Forscher:innen, ist die globale Landwirtschaft anfälliger für den anhaltenden Klimawandel geworden.

Hier würden exorbitante 95 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nicht mehr im "sicheren klimatischen Raum" liegen. Auch in vielen ihrer Nachbarstaaten könnten 80 bis 85 Prozent der heutigen Nutzflächen nicht mehr die geeigneten Bedingungen bieten.

"Alarmierend ist auch, dass diese Nationen im Vergleich zu den reichen westlichen Ländern deutlich weniger Kapazitäten haben, sich an die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen anzupassen", so die Wissenschaftler:innen.

Insgesamt befinden sich nach ihren Angaben 20 Prozent der weltweiten Pflanzenproduktion und 18 Prozent der Tierproduktion, die jeweils bedroht sind, in Ländern mit geringer Anpassungsfähigkeit an Veränderungen.

Werden hingegen die Pariser Klimaziele eingehalten, sinken die Verluste deutlich. Bis zum Ende des Jahrhunderts würden bei der Pflanzenproduktion "nur" acht Prozent der Flächen verloren gehen, bei der Viehzucht fünf Prozent – statt jeweils ein Drittel der Flächen.

"Die gute Nachricht ist, dass nur ein Bruchteil der Nahrungsmittelproduktion unter bisher nicht gekannten Bedingungen stattfinden würde, wenn wir gemeinsam die Emissionen so weit reduzieren, dass die Erwärmung auf 1,5 bis zwei Grad Celsius begrenzt würde", sagte Hauptautor Matti Kummu.

"Wir müssen den Klimawandel abmildern und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit unserer Nahrungsmittelsysteme und Gesellschaften stärken", sagte der Klimawissenschaftler und Co-Autor Matias Heino. "Wir dürfen die Schwachen nicht zurücklassen. Die Nahrungsmittelproduktion muss nachhaltig sein."

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