Milliarden Menschen in extremer Hitzegefahr

Wenn die Treibhausgase weiter wachsen wie bisher, kann die Klimakrise einer Studie zufolge innerhalb von 50 Jahren ein Fünftel der Erde wegen lebensfeindlicher Temperaturen unbewohnbar machen.


Silhouette einer Skyline vor einem roten Himmel
Auch der Mensch hat eine "klimatische Nische" – und viele Regionen auf der Erde werden bei einem ungebremsten Klimawandel außerhalb davon liegen. (Foto: Nadine/​Pexels)

Es ist ein düsterer Blick in eine Welt, in der die Treibhausgas-Emissionen ungehindert ansteigen: Ein Drittel der Weltbevölkerung wird für diesen Fall in 50 Jahren in Regionen leben, die zu heiß für einen menschlichen Lebensraum sind.

Zu diesem Ergebnis ist ein internationales Forschungsteam gekommen. Die Studie wurde diese Woche im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Die Wissenschaftler:innen haben sich ein Szenario des Weltklimarats IPCC zur Grundlage genommen, nach dem die Emissionen weitgehend so steigen wie bisher. Dann würden 2070 auf 19 Prozent der globalen Landfläche im Jahresdurchschnitt Temperaturen von mehr als 29 Grad herrschen.

Zum Vergleich: Das entspricht dem heutigen Klima in den heißesten Regionen der Sahara. Bisher gibt es solche Temperaturen nur auf 0,8 Prozent der Landfläche.

Mit einer ungebremsten Erderhitzung würde sich das Gebiet ausdehnen. Auch in vielen Regionen in Afrika, Australien, Lateinamerika, Indien und Südostasien wäre es dann so heiß. Es betrifft also viele Teile der Welt, in denen die Bevölkerung nach heutigen Prognosen besonders stark wachsen wird. Entsprechend viele Menschen werden betroffen sein – laut der Studie etwa 3,5 Milliarden.

Das Forschungsteam kam zu dem Schluss: Für ein würdevolles Leben sind diese Regionen dann wahrscheinlich nicht mehr geeignet.

Außerhalb der klimatischen Nische des Menschen

Dazu haben die Wissenschaftler:innen einen weiten Blick in die Geschichte der Menschheit geworfen. Die allermeisten Menschen haben in den vergangenen 6.000 Jahren in Gebieten gelebt, in denen sich die Temperaturen im Jahresschnitt zwischen elf und 15 Grad bewegten. Eine kleine Zahl von Menschen lebte an Orten, an denen durchschnittlich 20 bis 25 Grad herrschten.

Über die sechs Jahrtausende hat sich diese Verteilung trotz aller technologischen Innovationen so gut wie nicht verändert. Studienautor Marten Scheffer von der Universität Wageningen in den Niederlanden spricht von einer "überwältigenden Konstanz". Sehr wahrscheinlich handle es sich bei den zwei Temperaturspannen um die "klimatische Nische" des Menschen, erklärt der Wissenschaftler. Also um den Bereich, in dem Menschen überhaupt leben können.

Könnten die Betroffenen nicht in andere Gebiete umsiedeln? Studienautor Scheffer warnt davor, darauf zu setzen. Es gebe viele Faktoren, die beeinflussen, ob jemand sich zur Migration entscheidet – das Klima sei nur einer davon. "Das Ausmaß von Klimamigration zu prognostizieren bleibt eine große Herausforderung", meint Scheffer. "Die Menschen ziehen es vor, nicht zu migrieren."

Die Anpassung an die hohen Temperaturen sei nur in geringem Ausmaß möglich. Die Gesellschaften in solchen Gebieten hätten größere Probleme, mit Krisen wie etwa neuen Pandemien umzugehen, heißt es in der Studie. "Das einzige, was das verhindern kann, ist die rapide Senkung der Treibhausgasemissionen", meint Scheffer.

Eine Milliarde Betroffene pro Grad Erderhitzung

Der Studie zufolge werden pro Grad Erderhitzung etwa eine Milliarde mehr Menschen von der lebensfeindlichen Hitze betroffen sein.

Folgt die Entwicklung der Treibhausgasemissionen dem Business-as-usual-Szenario, von dem das Forschungsteam ausgeht, wird die globale Temperatur im Jahr 2100 wahrscheinlich um 4,8 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen.

Was die Staaten im Zuge des Pariser Klimaabkommens bisher bei der Emissionssenkung versprochen haben, würde auf eine Erderhitzung zwischen drei und vier Grad hinauslaufen – wenn es denn vollständig eingehalten wird. Noch stehen die Ziele schließlich nur auf dem Papier.

Dieses Jahr sollen dem Paris-Vertrag zufolge alle Staaten ihre Klimaziele erhöhen – damit das gemeinsame Vorhaben, die Erderhitzung möglichst bei 1,5 Grad zu begrenzen, nicht völlig außer Reichweite gerät.

Nach Berechnungen der UN-Umweltbehörde Unep müssten dafür die globalen CO2-Emissionen bis 2030 jedes Jahr um 7,6 Prozent sinken, was ungefähr einer Verfünffachung der bisherigen Anstrengungen der Staaten entspricht.

"Das Coronavirus hat die Welt so stark verändert, wie es vor ein paar Monaten kaum vorstellbar gewesen wäre, und unsere Ergebnisse zeigen, dass der Klimawandel das auch könnte", warnt Scheffer. "Der Wandel käme langsamer – aber anders als bei der Pandemie gäbe es keine Aussicht auf Erleichterung."

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