Windkraft-Verhinderer, falsche Gas-Debatten und ein Kulturwandel beim Verkehr

Kalenderwoche 5: Die Windenergie braucht klare Unterstützung aus der Politik, vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen, sagt Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Klimaneutrales Gas sei künftig zwar nötig, die Bundesregierung schaffe mit ihrem Wasserstoff-Hype aber die fossilen Beharrungskräfte von morgen.


Porträtaufnahme von Tim Meyer.
Tim Meyer. (Foto: Naturstrom)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Meyer, die Stiftung Klimaneutralität geht davon aus, dass der Ausbau von Windkraftanlagen in den nächsten zwei, drei Jahren auf extrem niedrigen Niveau bleiben wird. Teilen Sie die pessimistischen Annahmen?
 
Tim Meyer: Leider ja. Wir sehen die tiefen Spuren jahrelanger Verhinderungspolitik, nicht nur im Bund, sondern auch auf vielen darunterliegenden Ebenen. Für die Entwicklung in den kommenden Monaten und Jahren ist neben der notwendigen Anhebung der Ausbauziele vor allem die Genehmigungssituation entscheidend – und hier gibt es trotz leichter Aufwärtstendenzen weiterhin einen riesigen Stau.

Es bleibt daher beim bekannten Lied: Wir brauchen eine klare Unterstützung für die Windenergie aus der Politik, vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen.

Es kann nicht sein, dass sich Landeschefs vor den Kameras zur Energiewende bekennen, ihre Regierungen aber gleichzeitig über Abstandsregelungen die verfügbaren Flächen erheblich einschränken.

Und wir brauchen mehr Freiräume für Bürgerenergieprojekte. Es ist doch absurd, wenn Menschen vor Ort Projekte initiieren und umsetzen wollen, die Windenergieanlagen also eine hohe Akzeptanz genießen, und dennoch baureife Projekte nicht umgesetzt werden können.

Zig Projekte und einige Fördermilliarden sollen nun eine Wasserstoffwirtschaft aus dem Boden stampfen. Weil es bislang nur wenig "grünen" Wasserstoff gibt, der mit Ökostrom produziert wird, sollen zunächst "grauer" und "blauer" Wasserstoff aus fossilen Quellen verwendet werden. Was ist davon zu halten?
 
Zunächst mal: Ja, wir brauchen klimaneutrales Gas für die Energiewende. Zu Beginn für Industrie und ausgewählte Sektoren wie in der Wasserstoffstrategie vorgesehen, langfristig wohl auch für die Kraft-Wärme-Kopplung in den Städten und zum saisonalen Ausgleich von Angebot und Nachfrage beim Strom. Ohne Biogas, Wasserstoff und synthetisches Methan werden wir keine vollständige Abkehr von fossilen Brennstoffen hinbekommen.

Aber man darf genau dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren: eine Energieversorgung ohne fossile Energieträger! Unter dem Deckmantel einer Wasserstoffstrategie mehr fossiles Gas zu nutzen, das dann eben "grauer" oder "blauer" Wasserstoff genannt wird, klingt nach einem Täuschungsmanöver.

Drei Punkte: Wenn wir jetzt große Kapazitäten zur Erdgasreformierung und gegebenenfalls zur CO2-Abscheidung aufbauen, wollen diese natürlich auch dauerhaft genutzt werden. Das gilt übrigens auch mit Blick auf die Versorgungsstrukturen, siehe die Diskussion um Nord Stream 2. Wir dürfen hier nicht die Beharrungskräfte von morgen schaffen.

Zum Zweiten begeben wir uns mit grauem und blauem Wasserstoff wieder in Abhängigkeit von Energieimporten, was wiederum unsere geopolitische Handlungsfähigkeit einschränkt.

Und zuletzt, und das ärgert mich wirklich, macht sich die Politik damit wieder einmal einen schlanken Fuß. Wir kommen trotz riesiger Potenziale mit dem Erneuerbaren-Ausbau nicht so voran, wie wir müssten? Wir scheuen die Mühe, die Energiewende wirklich zu gestalten? Egal, dann importieren wir einfach grauen oder blauen Wasserstoff, um die Lücken unserer Untätigkeit zu füllen, und nennen das auch Energiewende.

Wir haben in Deutschland die Unternehmen, die Köpfe und das Kapital, um viel heimische, wirklich grüne Wasserstoff- oder Synthesegasversorgung aufzubauen – lasst uns die nutzen! Und das sage ich ausdrücklich, obwohl wir bei Naturstrom nicht in diesem großtechnischen Bereich unterwegs sind.

Damit bis 2030 mehr Ökostromanlagen gebaut werden können, will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) offenbar lediglich einen höheren Gesamtstromverbrauch zugestehen. Wird sich Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit ihrer Forderung nach höheren Ausbauzielen für die Erneuerbaren noch durchsetzen?

Ich würde das nicht als ein Zugeständnis gegenüber der Umweltministerin beschreiben, sondern als ein spätes Erkennen der Realität. Auch die Wärme- und Verkehrswende werden Ökostrom benötigen. Daher prognostizieren alle Experten für 2030 einen höheren Stromverbrauch, als es das Wirtschaftsministerium bisher wahrhaben wollte.

Aber spät ist ja bekanntermaßen besser als nie. Insofern ist eine Anpassung der Annahmen zum Stromverbrauch, mit der zwangsläufig eine Anhebung der Erneuerbaren-Ausbaupfade einhergeht, eine gute Sache.

Das Bundeskabinett hat eine höhere Erneuerbaren-Quote im Verkehr für 2030 beschlossen und geht dabei über die Vorgaben der EU hinaus. Reicht das für klimafreundliche Mobilität?

Ehrlich gesagt kann ich die Zieldiskussionen der aktuellen Koalition nicht mehr wirklich ernst nehmen. Jahrelang gab es kaum Bewegung bei der Energie- und der Mobilitätswende. Gerade diese Woche wurde bekannt, dass der CO2-Ausstoß 2019 im Verkehrssektor gegenüber dem Vorjahr wieder angestiegen ist. Und jetzt soll bis 2030 alles gerichtet sein?

Immerhin bei der Elektromobilität kommt langsam Schwung rein, auch durch die Förderbemühungen der Bundesregierung. Das ist gut und richtig. Für effektiven Klimaschutz im Verkehr bräuchte es aber mehr.

Wirklich wirksam wäre etwa ein klarer Phase-out von fossil betriebenen Pkw – entweder über deutlich höhere CO2-Preise oder auch über ein ordnungsrechtliches Enddatum für den Verkauf, wie es inzwischen viele Regionen und Länder vormachen.

Andererseits muss es um mehr gehen als nur einen Austausch der Antriebstechnik. Es braucht einen Kulturwandel in der Mobilität und einen Plan über den Individualverkehr im Auto hinaus.

Daher: Bitte nicht nur Brennstoffwechsel im bekannten Verkehrsmix. Wir brauchen weniger Wege im Privat-Pkw, mehr Sharing, mehr ÖPNV und mehr Zweirad.

Gerade beim Verkehr haben wir nicht nur ein Klimaschutz-, sondern auch ein Platz- und Versiegelungsproblem – und im Dauerstau ein Effektivitätsproblem dazu.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Eine gute Nachricht hat mich besonders überrascht und gefreut: Die Installation von Solarstromanlagen durch private Haushalte hat sich von 2019 auf 2020 verdoppelt.

Das ist doch wirklich mal eine Hausnummer, die auch zeigt: Es geht! Wir können die Energiewende enorm beschleunigen, die Menschen haben Lust darauf und die Unternehmen können das stemmen – wenn man sie denn lässt.

Die Photovoltaik hat in den letzten Jahrzehnten beeindruckend gezeigt, wie man Dynamik entfesseln und Kosten senken kann. Diese Dynamik können und müssen wir nun in andere Segmente tragen – wenn es nach mir ginge, als Nächstes bei der Wärmewende, der Nutzung von Wärmepumpen und insgesamt der Kraft-Wärme-Kopplung vor Ort.

Fragen: Sandra Kirchner

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