Windbranche überspielt Flauten und "Löcher"

Die Zeiten für die Windkraft bleiben schwierig. Bei Wind an Land macht sich vorsichtiger Optimismus breit, Wind auf See schwimmt sehendes Auges in ein "Ausbauloch". Hier wie dort fehlt es weniger an hehren Zielen als an Flächen und Genehmigungen.


Ein Monteur befestigt einen Kranhaken an der Nabe eines Windrades.
Repowering – hier in Schleswig-Holstein – ist einer der Hoffnungsträger der Windbranche. (Foto: Jens Meier/​BWE)

Bei der Windkraft zu Lande konnte es 2020 nur besser werden. Nach 2019 – mit einem Zubau von nur 1.000 Megawatt das schwächste aller Windkraftjahre – kamen letztes Jahr rund 1.400 Megawatt neu ans Netz. Zieht man den Rückbau ab, bleiben noch 1.200 Megawatt übrig.

Das Plus von niedrigem Niveau aus reicht, dass sich die Branche derzeit in Optimismus übt. Grund: Nicht nur beim Ausbau, sondern auch bei den Genehmigungen gebe es ein "deutliches Plus", sagte Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Branchenverbandes BWE, am Freitag in einem Online-Forum des Verbandes.

Offshore-Windkraft schloss 2020 gar mit einem Erzeugungsrekord von nahezu 30 Milliarden Kilowattstunden ab. Noch nie kam so viel Strom von der deutschen Nord- und Ostsee. Zu verdanken ist der Rekord aber größtenteils günstigen Winden. 2020 stieg die gesamte Offshore-Kapazität nur um ganze 250 Megawatt an. Im zweiten Halbjahr ging dabei nicht ein einziges Windrad auf See neu ans Netz.

Der künftige Offshore-Ausbau von den derzeit 7.800 zu den für 2030 geplanten 20.000 Megawatt gleicht allerdings einer Fieberkurve, wie ein Chart von Dennis Kruse von der Beratungsfirma Deutsche Windguard zeigte. Dieses Jahr geht voraussichtlich keine einzige Offshore-Anlage neu ans Netz. Viel mehr passiert auch bis 2024 nicht.

Erst das Jahr 2025 soll einen Jahres-Zubau von gut 2.000 Megawatt bringen. Damit läge die Offshore-Kapazität bei 10.800 Megawatt. In den dann folgenden fünf Jahren sollen die zu den 20.000 noch fehlenden 9.200 Megawatt dazukommen. In einem Jahrfünft soll gebaut werden, wozu vorher gut 15 Jahre gebraucht wurden.

Offshore-Branche warnt vor "Fadenriss"

Angesichts des absehbaren "Ausbaulochs" zeigen sich bei der Offshore-Branche einige Sorgenfalten. Für Heike Winkler von der Windkraftagentur WAB gibt es bis 2024 einfach zu wenig Bauaktivitäten, um den eingetretenen "Fadenriss" durchzuhalten. "Wir wünschen uns, dass schon vor 2025 mehr gebaut werden kann."

Dazu schlägt die Branche eine zusätzliche Ausschreibung vor. Es sei sinnvoll, jetzt einen Investitionsschub auszulösen und die für 2029 und 2030 erwartete "Ausbauspitze" von  nach vorn zu entzerren.

Stefan Thimm vom Offshore-Verband BWO schaut schon jetzt auf die Zeit nach der Bundestagswahl im Herbst. Für die Monate danach hat die Branche einige Wünsche. Zunächst müssten die Ausbauziele in einer entsprechenden Raumplanung abgesichert werden. Thimm: "Es ist kein Geheimnis, dass der Platz für Offshore-Windanlagen im Meer begrenzt ist." Es gebe Interessenkonflikte mit Artenschutz, Fischerei, Schifffahrt, Rohstoffgewinnung und Militär.

Zwar seien im Entwurf der Raumplanung bis 2040 Offshore-Vorrangflächen im Umfang von 34.000 bis 41.000 Megawatt vorgesehen. Das sei aber zu wenig, betonte Thimm. Die Branche rechnet mit einigem Flächenschwund, wenn die Gebiete dann konkret genehmigt werden sollen. Das könne in eine Situation münden, in der Deutschland die Ausbauziele verfehle. Hier werde ein "Planungspuffer" benötigt, forderte Thimm.

Ausbauflaute an Land absehbar

Die Windkraftleute, die zu Lande unterwegs sind, wollen noch vor der Wahl etwas erreichen. Im Moment sind sie dabei, das EEG 2021 zu verdauen. Was der Paragrafenwust der Novelle für die Windkraft bringt, ist vielfach noch ziemlich unklar. Für Ende Februar kündigte BWE-Mann Axthelm am Freitag eine detaillierte Analyse des neuen EEG an.

Der inzwischen berühmt gewordene Entschließungsantrag der großen Koalition, mit dem sie unter anderem das bisherige Wind-an-Land-Ziel von 71.000 Megawatt aufstocken will, hat für Axthelm eine eher symbolische Kraft. Wichtiger für die Branche sei, wie mehr Tempo in die Genehmigungsverfahren kommt, mehr Flächen ausgewiesen und mehr Genehmigungen generiert werden können, die dann wiederum mehr Projekte mit sich bringen – damit schließlich die Ausschreibungen "ausgelastet" und nicht unterzeichnet sind. Axthelm: "Das ist für uns fast wichtiger als neue Zieldefinitionen."

"Dank" des bürokratischen Pfads über Genehmigungen und Ausschreibungen lässt sich schon jetzt voraussagen, wie sich die Wind-Megawatt in den nächsten zwei, drei Jahren entwickeln. So eine Prognose legte jetzt die Stiftung Klimaneutralität vor.

Für 2021 erwartet die vom Energieexperten Rainer Baake geleitete Stiftung einen Brutto-Zubau von bis zu 2.000 Megawatt. Das könnte erneut ein ordentliches Plus abgeben, wäre nicht zu Jahresbeginn die EEG-Förderung für 3.600 Megawatt Altanlagen ausgelaufen. Von diesen sind 650 Megawatt sogar länger als 25 Jahre in Betrieb.

Sie werden außer Betrieb gehen, nimmt die Stiftung an – sowie weitere 800 Megawatt kleinerer Anlagen mit jeweils bis zu 600 Kilowatt Nennleistung. Bei ihnen reiche der aktuelle Strompreis für den Weiterbetrieb nicht aus. Alles in allem sind für die Stiftung dann um 1.200 Megawatt vom zu erwartenden Ausbau abzuziehen. Das sähe dann eher nach Ausbauflaute aus.

Leitmarkt für Repowering?

Auch 2022 und 2023 wird sich das aus Sicht der Stiftung kaum ändern. Zum einen sind die ausgeschriebenen Mengen nicht so groß, zum anderen werden in der Regel nur drei von vier Projekten, die sich in den Ausschreibungen durchsetzen, dann auch tatsächlich gebaut. Und zum Dritten werden weiter Altanlagen abgeschaltet. Für 2022 kommt die Stiftung Klimaneutralität so auf ein reales Plus von 1.300 Megawatt und für 2023 von nur noch 500 Megawatt.

BWE-Geschäftsführer Axthelm überspielt diese Probleme eher und schaut lieber zeitlich weiter. Er verweist darauf, dass derzeit 55.000 Megawatt Wind an Land Strom liefern und für 2030 bisher ein Ausbauziel von 71.000 Megawatt festgeschrieben ist – um dieses reale Plus von 16.000 Megawatt zu erreichen, würden zurzeit im EEG 2021 aber insgesamt 31.300 Megawatt ausgeschrieben, es sei also gewissermaßen eine "Reserve" eingebaut.

Der Stiftung Klimaneutralität ist die "Reserve" zu klein. Sie hält es in ihrer Analyse für nötig, von 2023 bis 2030 insgesamt 38.000 bis 45.000 Megawatt Wind an Land auszuschreiben – um die absehbar schwachen nächsten drei Jahre auszugleichen und einen genügend großen "Puffer" zu schaffen, damit am Ende des Jahrzehnts auch eine klimapolitisch einigermaßen akzeptable Windkraft-Kapazität von 80.000 Megawatt steht.

Diese Zielmarke würde sicher auch Axthelm gefallen. Von den 16 Punkten des Entschließungsantrags interessiere die Branche derzeit noch am meisten der Punkt zum Repowering, erklärte er und erinnerte daran, dass die damit verbundenen Aufgaben seit dem "Windgipfel" vom Oktober 2019 auf dem Tisch liegen.

Eine Repowering-Strategie dürfe aber nicht nur im Blick haben, auf Bestandsflächen die Anlagen zu erneuern. Vielmehr müsse, wenn auf einer Fläche nicht repowert werden kann, zwingend an anderer Stelle eine entsprechende Fläche neu ausgewiesen werden, forderte Axthelm. Dann könne Deutschland zu einem "Leitmarkt" für Repowering werden.

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