"Für Bürgerenergie ist noch viel Platz am Markt"

Der Ampel-Regierung fehlt noch der strategische Blick auf die Bürgerenergie, kritisiert Harald Uphoff, neugewählter Vorsitzender des Aufsichtsrats beim Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Er fordert, die Bedingungen für Energy Sharing deutlich zu verbessern, gerade für eigenerzeugten Solarstrom in Mehrfamilienhäusern.


Zwei sanierte Mehrfamilienhäuser des sozialen Wohnungsbaus in Bielefeld mit Solarpaneelen auf dem Dach.
Selbst Wohnungsbaugenossenschaften haben es mit Solarstromprojekten nicht leicht. (Foto: Finecki/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Uphoff, neben Ihnen als Vorsitzendem sind im Aufsichtsrat des Bündnisses Bürgerenergie wie auch im Vorstand viele neue Aktivist:innen und Expert:innen zu finden. Hat sich das Bündnis personell neu aufgestellt?

Harald Uphoff: Unser Bündnis hat sich im Juni nach einem einjährigen Debattenprozess eine neue Satzung gegeben – mit dem Ziel, die Arbeit weiter zu professionalisieren.

So haben wir einen hauptamtlichen Vorstand eingeführt und die jeweiligen Aufgaben für den Rat der Bürgerenergie und den Aufsichtsrat klarer gefasst. Der Aufsichtsrat ist für die strategische Weiterentwicklung zuständig, die Ratsmitglieder beraten die Gremien mit ihrer fachlichen Expertise.

Außerdem haben wir die bisherige Trennung von Förder- und Vollmitgliedern aufgehoben. Gestrichen wurden auch bisher mögliche Doppelmitgliedschaften in Gremien des Bündnisses. Schon deshalb mussten viele Sitze im Aufsichtsrat neu besetzt werden.

Ich bin sehr froh, dass wir jetzt eine gelungene Mischung aus langjährigen und neuen Mitgliedern haben, die die künftigen Themen der Bürgerenergie sehr gut abbilden, wie Digitalisierung, Stromhandel, Energy Sharing und anderes.

Aus meiner Sicht hat sich das Bündnis Bürgerenergie für die kommenden Herausforderungen professionell aufgestellt. Als Aufsichtsrat werden wir den Vorstand mit vielfältiger Expertise und Erfahrung unterstützen, wo wir nur können.

Nach Jahren der Euphorie ist der Anteil der Bürgerenergie am Energiemarkt seit einiger Zeit rückläufig. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Ich sehe zwei politische Ursachen. Zum einen wurde das wirtschaftliche Risiko bei den Projekten so weit erhöht, dass es für Bürgerenergiegemeinschaften nicht mehr tragbar war. Das geschah zum Beispiel mit der Umstellung der EEG-Förderung für Solar- und Windkraftprojekte auf das Ausschreibungssystem.

Zum anderen wurden so komplizierte und unnötige Regelungen geschaffen, dass sich Bürgerenergieprojekte nur mit einem sehr hohen Aufwand umsetzen lassen oder gänzlich verhindert werden, wie beispielsweise bei der Strombelieferung von Nachbarn oder beim Mieterstrom.

Die neue Bundesregierung hat zwar einiges Gute und Richtige getan – sie ließ für Bürgerenergiegemeinschaften wieder ausschreibungsfreie Projekte zu und erhöhte auch die Vergütungen für Dach-Photovoltaik – trotzdem scheitern viele Projekte immer noch an einer unnötigen Komplexität.

Inzwischen gibt es keinen ernsthaften Energiekonzern mehr in Deutschland, der seine Zukunft nicht erneuerbar und klimaneutral sieht. Auch der Energiewende-Markt scheint aufgeteilt. Geschichten wie die der Stromrebellen aus dem Schwarzwald, wo sich aus einer Bürgerinitiative die Genossenschaft EWS Schönau mit rund 250 Millionen Euro Umsatz entwickelte, sind heute doch nicht mehr möglich?

Da bin ich mir nicht sicher. Für eine klimaneutrale Energieversorgung müssen wir die Leistung der erneuerbaren Energien vervielfachen. Das wird nur gelingen, wenn sich ein beträchtlicher Anteil dieser Anlagen im Besitz der Bürger:innen befindet.

Das kann zum einen durch spezielle Bürgerenergie-Projektierungsgesellschaften erfolgen. Mit dem erzeugten Strom wird wiederum ein großer Teil der direkten Nachbarschaft versorgt.

Ein großer Teil wird aber auch anders vermarktet werden, vor allem in Zeiten, in denen die Stromproduktion hoch ist. Nicht jede Bürgerenergiegemeinschaft wird dann ihren Strom allein vermarkten können oder wollen. Dafür braucht es größere Akteure, die das für viele Gemeinschaften organisieren. Deshalb sehe ich sowohl Potenzial für ein Wachstum der bestehenden Unternehmen als auch Platz für neue Akteure.

Neuerdings bietet das Bündnis Bürgerenergie auch Workshops zum Solarselbstbau an. Ist Bürgerenergie inzwischen eher eine Art Netzwerk zur Selbsthilfe?

Das Bündnis war immer auch ein Netzwerk zur Selbsthilfe. Das war und ist gut so. Aber wir sind zugleich deutlich mehr, und das ist wichtig. So bietet das Bündnis auch Beratung für Kommunen an, wie sie mithilfe der Bürgerenergie mehr Wertschöpfung in der Region erzeugen können.

Zudem wirkt das Bündnis als starker Partner in zahlreichen Projekten auf europäischer und auf Bundesebene mit und bringt hier sein Wissen und seine jahrelange Erfahrung mit der Bürgerenergie in Deutschland ein.

Wir wollen Vordenker einer partizipativen und dezentralen Energiewende sein. Dazu veröffentlicht das Bündnis regelmäßig Konzeptpapiere, die in die politische Debatte in Berlin einfließen.

Natürlich organisieren wir auch regelmäßig Workshops und Webinare, zum Beispiel eben zum Thema Solarselbstbau. Wir schaffen aber auch schon Beratungskapazitäten zum Energy Sharing, ohne genau zu wissen, wann und wie der Bereich letztendlich geregelt werden wird.

Alles zusammen zeigt, wie beweglich und zukunftsorientiert die in der Bürgerenergie engagierten Menschen agieren.

Stichwort Energy Sharing: Ihr Bündnis kritisiert seit Monaten, dass die Erneuerbaren-Richtlinie der EU in Bezug auf die Bürgerenergie auch von der Ampel-Regierung nicht vollständig umgesetzt wird. Was fehlt da noch?

Die Ampel-Regierung hat den Zwang zu Ausschreibungen für Bürgerenergie abgeschafft und Photovoltaik-Eigenversorgung für Einzelhaushalte noch einfacher gemacht. Das ist gut. Beides steht so auch in der erwähnten RED‑II-Richtlinie der EU.

Zwei Dinge müssen jetzt aber noch kommen: erstens ein Mechanismus, mit dem Bürgerenergie-Gemeinschaften ihren erzeugten Strom auch vor Ort selbst und kostengünstig nutzen können – wir nennen das Energy Sharing.

Zweitens muss die Nutzung von Solarstrom in Mehrfamilien-Gebäuden auch so einfach werden, wie das für Besitzer von Einfamilienhäusern ist, die nicht den Umweg über das öffentliche Netz nehmen müssen. "Gemeinsame Eigenversorgung" nennen wir solche Lösungen.

In beiden Ansätzen sehen wir riesiges Potenzial für einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren und einen Weg für eine sichere und kostengünstige Energieversorgung

Zur Ampel-Regierung pflegt die Ökoenergiebranche nach meinem Eindruck ein ambivalentes Verhältnis. Zum einen ist sie froh, dass die Zeiten der Blockade à la Altmaier vorbei sind. Zum anderen ist es bisher nicht gelungen, den Energiewende-Booster so richtig zu starten. Wie ist das Verhältnis des Bündnisses Bürgerenergie zur Regierungskoalition?

Was die Regierung, vor allem das Bundeswirtschaftsministerium, beim Ausbau der Erneuerbaren auf den Weg gebracht hat, ist ein Quantensprung, verglichen mit den letzten zehn Jahren. Und das gelang während eines dauerhaften Krisenzustandes aufgrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Ehrlich gesagt, möchte ich nicht mit Minister Habeck tauschen.

Das Verhältnis unseres Bündnisses zur Regierung ist nach meinem Empfinden ein gutes. Wir werden als kompetenter Ansprechpartner von den Ministerien und den Abgeordneten gehört. Unsere Vorschläge werden zum Teil sogar beherzigt. Eine ganz neue Erfahrung.

Auch wenn die Richtung stimmt, sind wir nicht mit allem zufrieden. Mir fehlt der strategische Blick der Ampel-Regierung auf die Bürgerenergie. Sie wird – allen Sonntagsreden zum Trotz – noch als etwas betrachtet, mit dem man sich am Schluss beschäftigt, wenn alle anderen Dinge geregelt sind.

Mich wundert es zum Beispiel sehr, dass die FDP das wirtschaftliche Engagement der Bürger:innen und die sich daraus ergebenden Vorteile für die Bürger:innen selbst wie auch für die Kommunen nicht als Beispiel einer liberalen Politik erkennt. Mehr Eigenverantwortung geht doch kaum.

Vorbehalte dieser Art werden der tatsächlichen Bedeutung der Bürgerenergie in keiner Weise gerecht. Wie gesagt, wir werden die hohen Erneuerbaren-Ausbauzahlen nur erreichen, wenn ein großer Anteil der Anlagen durch die Bürger:innen realisiert wird. Und dabei geht es nicht nur um Photovoltaik auf dem Dach, sondern auch um Windkraft und Freiflächen-Photovoltaik.

Sie sagen, dass für die Zukunft der Bürgerenergie viel davon abhängt, dass Eigenerzeugung und Selbstnutzung von Strom entbürokratisiert und vereinfacht werden. Die größten Bremser scheinen hier aber nicht in der Regierung, sondern bei den Netzbetreibern zu sitzen, die wie eh und je jede Kilowattstunde kontrollieren wollen. Haben Sie mit denen auch gesprochen?

Selbstverständlich sprechen wir auch mit den Netzbetreibern, zuletzt in einem Workshop in Berlin zum Energy Sharing und den möglichen Folgen für den Netzbetrieb. Nach meinem Eindruck besteht hier noch weiterer Gesprächsbedarf.

Ich verstehe sehr gut die Sorgen der Netzbetreiber, wenn sie auf die steigende Zahl privater Ladesäulen für E-Autos verweisen. Mit elf Kilowatt Leistung, die dabei je Ladepunkt anfallen, kann sich dabei in einer Straße schon ein ordentlicher gleichzeitiger Leistungsbedarf ergeben.

Nicht verstehen kann ich dagegen, dass die gleichen Befürchtungen bestehen bei Balkonmodulen mit 600 Watt. Jeder Wasserkocher hat dreimal mehr Leistung als so ein Solarmodul auf dem Balkon.

Bei mir zu Hause steht auch ein Wasserkocher mit eigentlich absurden 2.000 Watt. Die Hersteller denken, die Leute könnten nicht ein bisschen warten, bis das Wasser kocht.

Ich kenne bisher auch keine Aufforderung der Netzbetreiber, den Betrieb von Wasserkochern zu koordinieren.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier