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Bürgerstrom übers Netz aus bis zu 25 Kilometern

Gut 90 Prozent aller Haushalte könnten Mitglied in Energiegemeinschaften sein und dann auch von günstigeren Strompreisen profitieren, zeigt eine Analyse für das Bündnis Bürgerenergie. Ob die Ampel-Koalition dafür die rechtlichen Voraussetzungen schafft, ist aber noch unklar.


Blick über die Dächer einer Kleinstadt, im Hintergrund einige Windräder.
Auch mit einem grün geführten Wirtschaftsministerium ist Bürgerenergie kein Selbstläufer. (Foto: Martin Schlecht/​Shutterstock)

Ostern ist vorbei und ab nächster Woche wird das vom Wirtschaftsminister gelieferte "Osterpaket" vom Bundestag aufgeschnürt. Was darin für die Bürgerenergie verpackt ist, ist eher enttäuschend. Bisher sollen Wind- und Solarprojekte von Bürgerenergiegesellschaften lediglich von Ausschreibungen ausgenommen werden.

Den für Bürgerprojekte wichtigsten Punkt hat auch die Ampel-Regierung bisher nicht voll umgesetzt, und zwar die Erneuerbaren-Richtlinie RED II der EU. Diese verlangt seit 2019 von den EU-Staaten, einen regulatorischen Rahmen zu schaffen, damit Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften sich bilden und wirtschaftlich arbeiten können. Für ihren Strom sollen diese auch das Stromnetz nutzen können und einen finanziellen Vorteil davon haben, Energie aus "ihrer" Anlage zeitgleich und regional zu verbrauchen.

Was mit einem so gedachten Energy Sharing bundesweit möglich wäre, zeigt eine am Dienstag veröffentlichte und auf den Berliner Energietagen präsentierte Analyse des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Energy Sharing könnte danach etwa ein Drittel vom Ausbauziel des "Osterpakets" – 80 Prozent Ökostrom – erbringen.

Laut der Studie entspricht das einer Leistung von 75.000 Megawatt, die bis 2030 durch direkte Beteiligung von Bürger:innen geschaffen werden könne. Der eigene Strom, so eine Hauptannahme, soll dabei aus einer Entfernung von bis zu 25 Kilometern von dort installierter Windkraft oder Photovoltaik bezogen werden können. Das Energy Sharing erlaube auch Haushalten mit geringen finanziellen Mitteln, an der Energiewende teilzunehmen, betonen die Autor:innen und der Auftraggeber, das Bündnis Bürgerenergie.

5.900 neue Energiegemeinschaften

Die Studie untersucht ein Energy Sharing, bei dem Wind- und Solaranlagen, meist in Kombination, betrieben und der erzeugte Strom bis in eine Entfernung von maximal 25 Kilometern geliefert wird. Dafür könnten bundesweit rund 5.900 neue Energiegemeinschaften geschaffen werden, die rund 66.000 Megawatt Windkraft an Land und 9.000 Megawatt Photovoltaik neu installieren würden.

 

Finanzieren ließe sich das, wenn sich jede erwachsene Bürger:in mit 100 bis 200 Euro an den Investitionen beteiligte. Das würde etwa ein Achtel des gesamten Investitionskosten abdecken, der "Rest" soll von Unternehmen, privaten Investoren, öffentlichen Kassen und mit Krediten aufgebracht werden. Als Beteiligte an einer Energy-Sharing-Gemeinschaft hätte die Bürger:in dann auch das Recht zu einem verbilligten Strombezug.

 

Die Studie betrachtet dabei nur Anlagen über 100 Kilowatt Nennleistung. Um Solaranlagen bis zu dieser Grenze gemeinschaftlich nutzen zu können, plädiert die Studie für eine eigene Regulatorik.

Bei den Ergebnissen der Studie sind ihnen allerdings weniger die Ausbauzahlen wichtig, sondern vor allem, dass die Grundidee, den erzeugten Strom teilen zu können, endlich gesetzgeberisch umgesetzt wird. Damit sich Bürger:innen aus ihren eigenen Anlagen übers Verteilnetz selbst versorgen können, sei aber auch ein genügend großes Beteiligungsgebiet nötig, das einen wirtschaftlichen Betrieb ermögliche, betonte Viola Theesfeld vom Bündnis Bürgerenergie bei einer Diskussionsveranstaltung zur Studie auf den Energietagen.

Das Mitmachen beim Sharing müsse ähnlich einfach sein wie der Wechsel eines Stromtarifs, sagte Theesfeld. "Ich werde einfach Mitglied in dieser Gemeinschaft und dann habe ich das Recht auf einen günstigeren Stromtarif. Es muss einfach, machbar und händelbar sein." Aus "anonymen" Windparks würden dann Projekte, mit denen sich die Leute identifizieren können.

Bessere Regelungen zum Energy Sharing würden aber auch der Energiewende generell helfen, erklärte Carolin Dähling vom Ökostromanbieter Green Planet Energy in der Debatte. Strom zu teilen sei derzeit gar nicht möglich, sagte sie. Bisher könne der Bürgerstrom, sofern EEG-gefördert, übers Energy Sharing auch nicht als Ökostrom vermarktet werden, weil er den Weg über die Strombörse nehmen müsse und so seine "grüne" Eigenschaft verliere.

Grüner Staatssekretär dämpft Erwartungen

Dass sich in dieser Richtung am "Osterpaket" noch etwas ändert, konnte Wirtschaftsstaatssekretär Oliver Krischer (Grüne) in der Diskussion nicht zusichern. Er verwies auf ein geplantes Förderprogramm, um Bürgergesellschaften bei den Projekt-Vorlaufkosten zu unterstützen. Auch sei im neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine Regionalkennzeichnung für Strom vorgesehen.

Standards abzusenken, um Bürgergesellschaften leichter gründen zu können, sei aber auch nicht der Königsweg, warnte Krischer. In der Vergangenheit habe man erleben müssen, dass bürgerenergiefreundliche Regelungen für den schnelleren Windenergie-Ausbau missbräuchlich genutzt wurden, sagte er in Anspielung auf die Fake-Bürgergesellschaften, die 2017 einen Großteil der Windkraft-Ausschreibungen abräumten.

 

"Am Ende führte das dazu, dass Erneuerbare nicht gebaut wurden", sagte Krischer. Das habe der Energiewende nicht geholfen. Theesfeld entgegnete, nach den Vorstellungen des Bündnisses sollten mindestens 60 Prozent der Mitglieder einer Sharing-Gemeinschaft natürliche Personen sein.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels machte in der Debatte Hoffnung, dass es im "Osterpaket" noch zu substanziellen Änderungen zugunsten der Bürgerenergie kommen könnte. Was Europa ermögliche, müsse man "voll nutzbar machen", sagte der Energiepolitiker. So sollten sich beispielsweise auch Bürger:innen aus dem Umland an einer städtischen Energiegemeinschaft beteiligen können, ohne dass gleich der Verdacht einer Fake-Genossenschaft aufkomme.

Der Frage, wann die Erneuerbaren-Richtlinie der EU vollständig umgesetzt sein wird, wich Krischer am Ende aus. An der Ressortabstimmung zum Regierungsentwurf des neuen EEG seien auch Leute beteiligt gewesen, die Energy Sharing kritisch sehen, ließ Krischer durchblicken. Im Wirtschaftsministerium hätte aber niemand etwas dagegen, wenn der Bundestag noch den einen oder anderen zusätzlichen Punkt ins "Osterpaket" hineinbringe.

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