Einäugige EU, blinde Bundesregierung und der Kampf für Mieterstrom

Kalenderwoche 10: Noch immer wird so getan, als sei Eigenversorgung mit Solarstrom eine vollkommene Randerscheinung, sagt Matthias Willenbacher, Geschäftsführer der nachhaltigen Investing-Plattform Wiwin und Mitglied im Klimareporter°-Herausgeberrat. Für den Durchbruch der Energiewende in den Städten braucht es einfache rechtliche und technische Regeln für Mieterstrom.


Matthias Willenbacher
Matthias Willenbacher. (Foto: Wiwin)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Geschäftsführer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.

Klimareporter°: Herr Willenbacher, die EU-Kommission hat diese Woche ein Klimagesetz vorgelegt, mit dem die EU bis 2050 klimaneutral werden soll. Kommissionschefin von der Leyen sieht die EU damit an der Spitze beim Klimaschutz. Wie sehen Sie das?

Matthias Willenbacher: Das Gesetz hat einen positiven Aspekt und viele negative. Positiv ist, dass das Ziel der Klimaneutralität Gesetzesrang bekommt. Damit ist das Ziel so einfach nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Und manche Kommentatoren haben recht: Die Brüsseler Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen fein. Ist die Verordnung erstmal in Kraft, wird die Kommission alles dafür tun, dass das Ziel auch erreicht wird.

Negativ ist vor allem die zeitliche Zielmarke: 2050 ist für Klimaneutralität viel zu spät, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Selbst wenn wir es bis 2040 schaffen sollten, wäre das nicht rechtzeitig genug. 2035 ist die richtige Zeitmarke.

Zweitens ist überhaupt nicht zu verstehen, warum die Kommission nicht jetzt schon eine Erhöhung des Ziels für 2030 vorschlägt, sondern auf Zeit spielt.

Drittens reichen Langfrist-Ziele nicht aus. Es muss dringend konkret gehandelt werden, gerade in der Energie- und Verkehrspolitik. Beispielsweise gibt die erst letztes Jahr in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Richtlinie für 2030 einen Erneuerbaren-Anteil von 32 Prozent am Endenergieverbrauch vor. Das ist lächerlich wenig, die Kommission muss hier Anpassungen vornehmen.

Vor allem muss sie sich eingestehen: Ernsthafter Klimaschutz muss heute beginnen, wir haben ihn viel zu lange immer nur auf morgen verschoben.

Die technischen Möglichkeiten sind da. Ein modernes Windrad erzeugt 20- bis 30-mal so viel wie Windräder aus den 1990er Jahren und sechsmal so viel wie der Durchschnitt aller Windenergie-Anlagen, die momentan in Deutschland Strom produzieren.

Auch Solarmodule sind heute viel effektiver und produzieren zudem günstiger Strom als moderne Kohlekraftwerke. Im Zusammenspiel können wir viel günstiger als heute unsere Energieversorgung sicherstellen, regionale Wertschöpfung und Hunderttausende neue Arbeitsplätze schaffen.

Als die Bundesregierung im vergangenen Jahr ihr Klimapaket vorstellte, gab es sofort Kritik. Nun bestätigen zwei Regierungsgutachten: Das Gesetzespaket reicht nicht, um das selbst gesteckte Klimaschutzziel für 2030 zu erreichen. Eine Überraschung für Sie?

Leider nicht. Für alle, die sich auskennen, war das absehbar, und viele hatten sich ja auch schon so geäußert. In der Verkehrs-, Energie- und Klimapolitik macht sich die Bundesregierung komplett unglaubwürdig, weil sie überhaupt nicht mehr ernsthaft versucht, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Und das, obwohl diese Ziele dem klimapolitisch Notwendigen noch weit hinterherhinken.

Wir sehen das auch bei den erneuerbaren Energien. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat gerade vorgerechnet, dass wir akut Gefahr laufen, das Ziel von 65 Prozent Erneuerbaren an der Stromproduktion bis 2030 zu verfehlen. Und was tut die Bundesregierung dagegen? Nichts!

Stattdessen legt sie der Windenergie weiter Fesseln an und schafft den Solardeckel trotz vielfacher Ankündigungen einfach nicht ab. Das ist nichts weniger als ein Angriff auf unsere Zukunft.

Die Bundesnetzagentur schlägt für Solaranlagen ein Prosumer-Modell vor. Dafür müssen die gesetzlichen Regeln – auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz – angepasst werden. Das Modell enthält drei Optionen, zwischen denen die Eigenverbraucher wählen und wechseln können. Was halten Sie von dem Vorschlag? 

Im Kern trifft die Bundesnetzagentur ein sehr wichtiges Problem: Die heute im Strommarkt vorherrschenden Marktregeln kennen keine Prosumer – also Konsumenten, die gleichzeitig Produzenten sind.

Es wird noch immer so getan, als sei Eigenversorgung eine vollkommene Randerscheinung. Tatsächlich ist sie ein Massenphänomen, und würde die Bundesregierung endlich die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU in eigenes Recht umsetzen, würde sie für noch viel mehr Menschen attraktiv werden.

Heute denken noch zu viele, dass Eigenversorgung nur etwas für Eigenheimbesitzer ist. Mieterstrom wird zu wenig gewürdigt. Das liegt auch daran, dass sich viele von der Komplexität abschrecken lassen.

Hilfe können die softwarebasierten Lösungen von Start-ups bieten. Beispielsweise betreibt der Kölner Mieterstromdienstleister Einhundert Energie Photovoltaik-Mieterstromanlagen weitgehend automatisiert, auf Basis einer Stromdatenverarbeitung in Echtzeit mit Smart Metern. So werden die komplexe Abrechnung und die vielschichtigen Umlagemeldepflichten beim Mieterstrom durch Software übernommen.

Auch die Projektplanung vor der Installation erfolgt mithilfe standardisierter Computermodelle. Im Ergebnis können viele Projekte gleichzeitig laufen und auch Mieterstromanlagen auf kleineren Bestandsobjekten wirtschaftlich realisiert werden. Mieterstrom wird so ein Massenprodukt.

Je mehr sich aber Mieterstrom und andere dezentrale Versorgungskonzepte verbreiten, umso notwendiger wird die Berücksichtigung dieser Konzepte in den Bilanzkreisen. Insofern ist die Position der Bundesnetzagentur im Grundsatz richtig.

Sie verkennt allerdings, was das Einfachste wäre, um das Problem auch kurzfristig zu lösen, nämlich ein spezifisches Prosumenten-Standardlastprofil einzuführen. Damit ließen sich Prosumer auch ohne Zweirichtungszähler oder Smart Meter in den Bilanzkreisen berücksichtigen. Das wäre zumindest kurzfristig eine gute Lösung, die vor allem vermeidet, dass für den Prosumenten oder die Prosumentin zusätzliche Kosten anfallen.

So ist der Kostenaufwand bei der Umsetzung digitaler Messkonzepte eine große Herausforderung, da die Netzbetreiber bei der Installation von Smart Metern heute meist teure Sanierungen der Gebäudeelektrik einfordern – zum Beispiel Wandlerschränke für Zweirichtungszähler in der Größenordnung von 5.000 Euro.

Wichtig wären hier bundesweite Standards und die Verschlankung der technischen Anschlussbedingungen für Mieterstrom-Solaranlagen, damit die Prosumer nicht mehr schikaniert werden.

Und genau an diesem Punkt sehe ich die Bundesnetzagentur gefordet. Wenn sie sich für eine Vereinheitlichung und Vereinfachung der technischen Standards einsetzen würde, würde sie konkret die Sitiation der Menschen, die Prosumenten werden wollen, verbessern.

Eine anderer Ansatzpunkt bestünde darin, den Netzbetreibern Lastprofile vorzugeben, die das spezifische Profil des Prosums berücksichtigen. DIe Bundesnetzagentur muss also nicht nur auf das Morgen verweisen, sie kann schon heute etwas für eine bessere Integration von Prosum in die Energiewirtschaft sorgen.

Das Bundeskabinett hat diese Woche eine Vorschrift verabschiedet, nach der bei Renovierungen von Wohngebäuden mit mehr als zehn Auto-Stellplätzen künftig Elektrokabel-Schutzrohre für spätere E-Ladepunkte eingebaut werden müssen. Ab 2025 muss zudem jedes nicht zum Wohnen genutzte Gebäude mit mehr als 20 Stellplätzen mindestens einen Ladepunkt haben. Bringt das die E-Mobilität voran?

Es ist ein kleiner Tropfen auf dem durch die Klimakrise überhitzten Stein – und im Übrigen auch nur die Umsetzung einer EU-Vorgabe. Die Verkehrswende gelingt nur, wenn wir systemisch, also ganzheitlich etwas verändern. Dafür müssen mehrere Dinge aufeinander abgestimmt werden.

Zu allererst brauchen wir einen Umbau der Verkehrsinfrastruktur, sodass alle, die nachhaltig unterwegs sind, Vorteile haben, statt benachteiligt zu werden. Ein vernünftiges Radwegenetz gehört ebenso dazu wie gesonderte Spuren für emissionsfreie Fahrzeuge.

Zweitens müssen wir die Digitalisierung und damit einhergehend die Flexibilisierung des ÖPNV endlich entschieden angehen.

Und natürlich braucht es auch Ladesäulen, die regelmäßig da stehen müssen, wo Autos längere Zeit parken, also zu Hause, am Arbeitsplatz – aber beispielsweise auch vor dem Supermarkt. Hier wäre eine Verpflichtung der Supermarktbetreiber hilfreich, die Infrastruktur schnell, einfach und kostenfrei für die Verbraucher und Steuerzahler zu etablieren.

Diese Verpflichtung könnte so aussehen, dass jeder Supermarkt innerhalb der nächsten fünf Jahre jeweils fünf Prozent der Parkplätze jährlich mit einer Ladeinfrastruktur mit geringer Ladeleistung ausrüsten muss. Dann wäre das Problem Ladeinfrastruktur gelöst.

Übrigens sollten diese Ladesäulen mit einer offenen IT-Schnittstelle ausgestattet sein, damit alle den erneuerbaren Strom aus ihren Anlagen vor Ort an die Ladesäule liefern können.

Natürlich sind auch weitere monetäre oder steuerliche Anreize für die Anschaffung von Lastenfahrrädern oder Elektroautos notwendig, ebenso wie eine faire Bepreisung der knappen Infrastruktur Straße – und, und, und. Was wir brauchen, ist eine Verkehrswendepolitik aus einem Guss – davon sind wir weit entfernt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Der extrem gute Gesetzentwurf der Grünen, der diese Woche im Bundestag behandelt wurde. Er trägt den Titel: "Ausbau der Solarenergie beschleunigen, dezentrale Bürgerenergie und Mieterstrom unterstützen". Der Gesetzentwurf enthält genau die Punkte, die es braucht, um die Energiewende endlich in die Städte zu bringen.

Hier müssen wir insbesondere jede verfügbare Dachfläche für die Erzeugung von Solarstrom nutzen. Mit klassischem Eigenverbrauch kommen wir da nicht weiter: In den 77 Großstädten Deutschlands wohnen drei von vier Menschen zur Miete. Mieterstrom ist deshalb die Lösung und braucht endlich eine sinnvolle Förderung. Der 100-Kilowatt-Deckel muss weg, auch die Versorgung ganzer Quartiere muss möglich sein.

Außerdem sollte auch der kollektive Eigenverbrauch möglich werden, das heißt, mehrere Personen sollten sich zusammenschließen und gemeinsam eine Anlage zur Eigenversorgung betreiben können. Schließlich sind Nachbarschaftsstromhandel und Energy Sharing interessante Konzepte. Hierzu wird das Bündnis Bürgerenergie nächste Woche ein Konzeptpapier vorstellen.

All dies ist im Gesetzentwurf der Grünen mindestens ansatzweise enthalten. Dass die Bundesregierung dem nicht folgt, war absehbar. Überraschend ist aber das Verhalten der SPD-Fraktion.

Deren energiepolitischer Sprecher Johann Saathoff lobte den Gesetzentwurf. Er enthalte die "absolut richtigen Impulse". Trotzdem lehnte die SPD-Fraktion den Antrag geschlossen ab. Selbst für eine Enthaltung fehlte der politische Mut. Glaubwürdige und verantwortliche Politik sieht anders aus. ​

Fragen: Jörg Staude, Sandra Kirchner

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