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Rekordzahlen bei Klimastreiks sind Geschichte – und nun?

Während sich die Katastrophenmeldungen zur Klimakrise überschlagen, scheinen die Teilnahmerekorde bei den globalen Klimastreiks der Vergangenheit anzugehören. Doch bräuchte es nicht gerade jetzt die Massen auf der Straße, um den Druck auf die Politik hochzuhalten? Eine Analyse.


Demozug zum 11. Globalen Klimastreik im September 2022 in Berlin
Globaler Klimastreik am vergangenen Freitag, hier in Berlin. (Foto: Stefan Müller/​Wikimedia Commons)

Damit hatte Fridays for Future Berlin nicht gerechnet: Gut 30.000 Menschen zogen am vergangenen Freitag für mehr Klimaschutz durch die Hauptstadt. Angemeldet waren gerade einmal 8.000.

Auf Social Media zeigt sich die Bewegung euphorisiert. "Heute war Klimastreik. Ist das 2022 überhaupt noch ein Ding?" fragt sie in einem Video auf Instagram. Als Antwort erscheinen Eindrücke vom Streiktag: übervolle Straßen, tausende Menschen mit Demoschildern, emotionale Reden, applaudierende Menschenmassen bei der Kundgebung. Bilder, die an die Rekordstreiks von 2019 erinnern.

Aber eben nur erinnern. Vor drei Jahren zogen 1,4 Millionen Menschen durch die Straßen von über 500 Orten in ganz Deutschland und standen mit lauten Sprechchören und ihrer schieren Masse für etwas ein, was schon längst hätte passieren müssen: dass die Politik den Klimawandel endlich ernst nimmt, sich an das 1,5-Grad-Ziel hält und für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft sorgt. Das sind Zahlen, von denen Fridays for Future und die gesamte Klimabewegung seither nur noch träumen darf.

Bereits an der Großdemo im November 2019 nahmen schon deutlich weniger Menschen teil. Dann kam die Coronapandemie und mit ihr das vorläufige Ende von Großdemos.

Doch auch jetzt, da die Zusammenkünfte wieder erlaubt sind, bleiben die Teilnahmezahlen bei den großen Klimastreiks weiter hinter den Rekorden zurück. Abgesehen von einzelnen Überraschungen wie etwa in Berlin gaben die Zahlen vom vergangenen Freitag keinen Anlass zu besonderer Euphorie. Nach Angaben von Fridays for Future waren in ganz Deutschland 280.000 Menschen auf der Straße. Beim Rekordstreik 2019 waren es allein in Berlin 270.000 gewesen.

Die Zeiten, in denen Millionen für das Klima auf die Straße gehen, scheinen also vorbei zu sein. Und das, während die Folgen der Klimakrise auch in Deutschland immer krasser zu spüren sind. Das ist ein Problem und ein fatales Signal für die nötige Transformation hin zur Klimaneutralität. Oder?

"Soziale Bewegungen verlaufen in Phasen"

Zunächst mal ist es vor allem eines: völlig normal. "Menschen gehen zum Beispiel dann auf die Straße, wenn sie spüren, dass das ein besonderes Momentum ist", erklärt Klima-Psychologin Katharina van Bronswijk. "Man ist vielleicht begeistert, will Teil dieser Welle sein, die so viele mitreißt, oder die Gelegenheit nutzen, dem eigenen Unmut einmal Ausdruck zu verleihen."

So wie beim globalen Klimastreik im Herbst 2019. Die richtige Stimmung für diese Demo hatte sich bereits über einen längeren Zeitraum aufgebaut. Ihr vorangegangen waren die beiden extremen Hitzesommer 2018 und 2019 und der medienwirksame Streit um den Hambacher Forst. Eine gute Basis für die damals neue Fridays-for-Future-Bewegung, um viele Menschen mitzureißen.

Aber wie das mit großer Begeisterung nun mal so ist: Sie hält nicht ewig. Dafür ist unsere Psyche einfach nicht gemacht. Zudem könne sich Enttäuschung und Resignation einstellen, wenn auf ein solches Ereignis nicht die erwünschten Reaktionen folgen, erklärt van Bronswijk. Dann fehle die Motivation, auch zum nächsten Streik zu gehen. Und spätestens seit 2020 überlagern auch noch andere Krisen und Sorgen die Klimakrise.

Die sinkende Beteiligung bei den Großdemos ist so gesehen nicht nur normal, sie lässt auch keine Rückschlüsse auf einen Misserfolg oder gar ein Scheitern der Klimabewegung zu.

"Dauerhaft große Zahlen auf die Straßen zu bringen, ist nicht die einzige Logik, nach der der Druck von sozialen Bewegungen funktioniert", erklärt der Protest- und Bewegungsforscher Simon Teune. "Soziale Bewegungen verlaufen in Phasen und jede Phase bringt andere Aufgaben mit."

In der ersten Phase – und hier waren eindrucksvolle Zahlen bei den Großdemos durchaus wichtig – ging es darum, ein Problembewusstsein in der breiten Bevölkerung zu etablieren. Nicht nur durch sich ständig wiederholende Massendemos, sondern auch durch ebendieses Bewusstsein entstehe der Druck auf die Politik, so Teune. Und das habe die Bewegung bereits erreicht.

Ein Forschungsteam, das die Wirkung von Fridays for Future untersucht hat, stellte 2020 einen Zusammenhang zwischen den Demos und der Zahl der Google-Suchanfragen für "Klimawandel" fest. Der absolute Höchstwert war am 20. September 2019 erreicht – der Tag der bisher erfolgreichsten Fridays-Großdemo.

Und auch eine langfristige Bewusstseinsänderung ist in Zahlen ablesbar: 2021 zeigte das Eurobarometer der EU, dass 93 Prozent der Befragten den Klimawandel für ein ernstes Problem hielten.

"Jetzt kommt es auf die Verbindung zwischen den Krisen an"

Doch auch, wenn sich inzwischen keine Partei mehr leisten kann, die Klimakrise zu ignorieren, reichen die politischen Maßnahmen längst nicht aus, um eine ausreichende ökologische Transformation herbeizuführen. Wäre es da nicht hilfreich, wenn jetzt noch einmal Rekorde auf der Straße gebrochen würden, um an die Brisanz des Themas zu erinnern?

"Eine Transformation ist ein Prozess, bei dem an keinem Punkt sicher ist, dass er gelingt. Es kann immer sein, dass man irgendwo scheitert", sagt Kora Kristof, Transformationsforscherin und Abteilungsleiterin im Umweltbundesamt. Deshalb sei es auch wichtig, dass die Klimabewegung weiter präsent ist und Menschen mobilisiert.

"Demos sind gut für die Sichtbarkeit", so Kristof. Solange das Engagement der Bewegung auch durch verschiedene andere Aktionen und konkretes Tun sichtbar bleibt und medial begleitet wird, sei es aber nicht entscheidend, ob bei den Demos immer wieder Maximalzahlen erreicht werden.

Und diese "anderen Aktionen" gibt es: Mitglieder von Fridays for Future und anderen Gruppen sitzen in Talkshows, arbeiten mit der Wissenschaft zusammen an Lösungsvorschlägen, sprechen mit Politiker:innen, starten Petitionen, organisieren oder begleiten Klimaschutzprojekte in Gemeinden und vieles mehr.

Andere Teile der Bewegung suchen nach neuen Protestformen und leisten etwa zivilen Ungehorsam, um möglichst viel Aufmerksamkeit für ihr Thema zu bekommen. All das passiert auch, während Rekordzahlen bei Großdemos nicht mehr gebrochen werden.

Wie viele Menschen zu den Streiks gehen, sei zwar nicht egal, meint Protestforscher Teune, wichtiger sei für die Bewegung in der aktuellen Phase aber eine neue inhaltliche Ausrichtung. "In der aktuellen Situation ist es die Aufgabe der Klimabewegung, die Krisen, die wir erleben, in Verbindung zu bringen", so Teune.

Als Fridays for Future auf den Plan trat, waren die Forderungen auf den Klimaschutz begrenzt: Im Zentrum standen Kohleausstieg und Energiewende. In Anbetracht der neuen Krisen reicht das nicht mehr, findet der Protestforscher: "Die Bewegung muss jetzt vor allem darauf hinweisen, dass wir nicht nur Lösungen brauchen, die dem Klima nutzen, sondern solche, die gleichzeitig auch sozial gerecht sind." Die Klimabewegung habe das auf dem Schirm, könnte es aber aus Sicht von Teune noch viel präsenter machen.

"Die soziale Zuspitzung, die wir momentan erleben, könnte als Chance begriffen werden, um mehr Menschen anzusprechen", sagt Teune. Und je mehr Menschen ein Bewusstsein für die Klimakrise und sinnvolle Lösungen haben, desto besser. Auch wenn sie es eben nicht unbedingt auf der Straße kundtun müssen. "Das Engagement muss sichtbar bleiben. Große Zahlen auf Demos sind dafür aber nicht der einzige Gradmesser."

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