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"Hitzetage nehmen massiv zu"

Erstmals wurde in Deutschland die Temperatur-Marke von 42 Grad geknackt. Bis weitere Rekorde folgen, ist es nur eine Frage der Zeit, sagt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif im Klimareporter°-Interview. Ohne ambitionierten Klimaschutz werden Hitzesommer zur Normalität.


Roter Sonnenschirm  vor strahlend blauem Himmel
Als Schutz vor steigenden Temperaturen und zunehmenden Hitzewellen wird ein schöner roter Sonnenschirm nicht genügen. (Foto: Gerd Altmann/​Pixabay)

Klimareporter°: Herr Professor Latif, in Deutschland ist mit 42,6 Grad in Lingen im Emsland ein neuer Temperaturrekord gemessen worden. Nicht überraschend für Sie, oder?

Mojib Latif: Nein, ganz und gar nicht. Die Temperaturen steigen seit Jahrzehnten weltweit. Auch in Deutschland zeigt der Trend klar nach oben. Vor allem die Hitzetage mit Temperaturen von 30 Grad und darüber nehmen massiv zu.

Aber dass nun schon der zweite Sommer in Folge so heiß und trocken ist und man sich ans Mittelmeer versetzt fühlt, empfindet man schon als ungewöhnlich.

Auch das passt genau ins Bild der globalen Erwärmung. Die Wahrscheinlichkeit für Wetterextreme nimmt zu. Das System bleibt aber chaotisch. Wann die Extreme eintreten, kann man nicht vorhersehen.

Was ist die meteorologische Erklärung für die Serie von inzwischen vier Hitzewellen, die wir in diesem Jahr in einigen Regionen Deutschlands hatten?

Man braucht einerseits ein stabiles Hoch mit viel Sonnenschein und andererseits südliche Winde, die warme Luft nach Norden bringen. Eigentlich sind Hitzewellen nicht außergewöhnlich, heute fallen sie nur wegen der Erderwärmung sehr viel stärker aus.

Der nächste Sommer kann aber wieder ein klassischer deutscher Sommer werden – kühl und feucht, mit Aufheiterungen?

Ja! Aber der nächste Temperaturrekord wird kommen. Wann, das weiß ich nicht. Ich fürchte, dass dies in den kommenden zehn Jahren der Fall sein wird.

Porträt von Mojib Latif

Mojib Latif

ist Klimaforscher an der Universität Kiel und am dortigen Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung, außerdem Vorstands­vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums und Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Er hat Meteorologie und Betriebswirtschafts­­lehre studiert. (Foto: GEOMAR)

Wie häufig werden "Jahrhundertsommer" wie die von 2003, 2018 und eventuell 2019 künftig sein?

Im Moment sind sie schon zwei- bis dreimal häufiger als noch vor einigen Jahrzehnten. Ohne einen ambitionierten Klimaschutz werden Hitzesommer gegen Ende des Jahrhunderts zur Normalität.

Eigentlich könnten sich die Urlauber ihre Flüge nach Mallorca doch sparen, wenn es hier genauso heiß ist. Tun sie aber nicht. Die Flughäfen haben gerade neue Passagierrekorde gemeldet.

Um dramatische Klimaänderungen noch zu vermeiden, muss die Politik schnell handeln, aber die Menschen müssen auch ihr Verhalten ändern. Wir sind gegenüber anderen Ländern nicht glaubwürdig. Unser CO2-Abdruck zum Beispiel ist ungefähr fünfmal höher als der der Inder.

Von "Flugscham" ist, Greta Thunberg und Fridays for Future zum Trotz, nichts zu merken. Warum wohl?

Die Menschen sind bequem und handeln meistens nur, wenn sie direkt betroffen sind. Viele innerdeutsche und innereuropäische Flüge könnte man außerdem vermeiden, wenn die Bahn eine echte Alternative wäre.

Glauben Sie, dass die Bundesregierung in diesem Jahr endlich die Wende zu einer wirkungsvollen Klimapolitik schafft?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es bedarf eines vorausschauenden Handelns, wenn wir eine Klimakatastrophe vermeiden wollen.

Wenn sich erst einmal die Lebensbedingungen auf der Erde dramatisch verschlechtert haben, kann man das Rad nicht mehr zurückdrehen. Das Denken in Wahlperioden ist hier wenig hilfreich.

Was wären die drei wichtigsten Punkte, die beschlossen werden müssten?

Es muss endlich eine CO2-Bepreisung geben. Die schmutzigsten Kohlekraftwerke müssten sofort abgeschaltet werden. Und die erneuerbaren Energien und die Netze müssten viel schneller ausgebaut und stärker dezentral ausgerichtet werden.

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