"Wir laufen in eine Versorgungslücke"

Wie es mit den erneuerbaren Energien und speziell der Windkraft weitergeht, wollen heute Abend Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder besprechen. Wenn sich nicht bald Entscheidendes bewegt, droht beim Ökostrom eine Versorgungslücke, warnt Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW im Klimareporter°-Interview.


Ein Windpark, eine Solar-Freiflächenanlage und Stromleitungen auf einem Feld.
Die Energiewende entwickelt sich weg von ihren dezentralen Anfängen. (Foto: Jens Ickler/​Elxeneize/​Shutterstock)

Klimareporter°: Frau Kemfert, die Sorge vor einer Versorgungslücke beim Strom wächst, weil durch Atom- und Kohleausstieg bis 2022 große Kapazitäten wegfallen. Droht der Blackout? Oder importieren wir dann Atomstrom aus Frankreich und Kohlestrom aus Polen?

Claudia Kemfert: Wenn der Arzt sagt: "Sie sollten weniger Alkohol trinken", dann verdurstet man nur, wenn man sich zugleich das Wasser abdreht. So absurd verhält sich aber gerade die Bundesregierung bei der Energiewende.

Statt den erfolgreichen Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, wird er ausgebremst. Die Windenergie ist qua Gesetz nahezu gestoppt. Dabei müsste das Ausbautempo mindestens verdreifacht werden, um Atomkraft und Kohle zu ersetzen. So laufen wir sehenden Auges in eine Versorgungslücke.

Im Kanzleramt findet heute ein Bund-Länder-Treffen zu der ins Stocken geratenen Energiewende statt. Was muss geschehen, um das Ausbauziel der Bundesregierung von 65 Prozent Ökostrom bis 2030 zu erreichen? Derzeit liegt der Anteil erst bei 45 Prozent.

Es ist seit Jahren dieselbe Aufgabe: Erneuerbare Energien müssen konsequent ausgebaut werden, alle Arten und überall.

Drei dringende Maßnahmen: Erstens, die absurden Gesetze zur Beschränkung von Windanlagen durch Windabstandsregeln müssen weg. Zweitens, der widersinnige Solardeckel, der die Förderung von Neuanlagen bald beendet, muss weg. Drittens, die Bereitstellung von Speichern muss belohnt werden.

Danach geht es grundsätzlich darum, das Energiesystem insgesamt auf Flexibilität, Dynamik, Effizienz und Digitalisierung auszurichten. Wenn man wollte, wäre das leicht zu erledigen.

Stichwort Windkraft-Zubau. Kann er gegen den Protest, der sich vielerorts regt, denn überhaupt erreicht werden? Und wie?

Die Erfahrung zeigt: Finanzielle Beteiligungsmodelle für Kommunen und Bürger erhöhen die Akzeptanz. Sie sind leider nicht überall erlaubt. Nach dem Vorbild Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs sollte man das bundeseinheitlich ermöglichen.

Claudia Kemfert
Foto: Daniel Morsey

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umwelt­bereich am Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW) in Berlin. Seit 2016 ist sie Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen, der die Bundes­regierung berät. Sie ist im Herausgeberrat von Klimareporter°.

Außerdem wird zu wenig über die wertvollen Industriearbeitsplätze in der Windbranche geredet, die derzeit fatalerweise verloren gehen – angeblich, um Kohle-Jobs zu retten. In Wahrheit rettet man nur die Rendite fossiler Investoren.

Thema Solardeckel: Kann die Photovoltaik nach 20 Jahren EEG-Förderung denn nicht langsam auch ohne Förderung funktionieren?

Solange die Regeln der Vergangenheit gelten und fossile Energien privilegiert sind, braucht es die Solarförderung. Diese kann wegfallen, sobald die Rahmenbedingungen zulassen, dass alle erneuerbare Energien wachsen und klug miteinander verzahnt werden können.

Ein Problem bei immer höheren Ökostrom-Anteilen ist die Speicherung der Energie für Zeiten ohne Sonne und Wind. Geschieht da genug?

Eindeutig nein. Statt überflüssige Stromtrassen zu bauen, sollten wir besser in Stromspeicher investieren. Sobald wir überschüssigen Strom speichern können, sind Netzengpässe nicht schädlich, sondern beleben den Markt.

Doch derzeit ist die Speicherung gar nicht möglich: Es fehlen juristische und finanzielle Rahmenbedingungen. Das muss sich dringend ändern.

Aber auch der Stromnetzausbau hinkt den Zielen hinterher, der die Lieferung von Strom von Nord- nach Süddeutschland ermöglichen soll. Ein Argument, die Atomkraftwerke doch länger laufen zu lassen?

Das Netz-Argument stammt aus der Mythen-Kiste. Nicht der angeblich fehlende Stromnetzausbau ist das Problem, sondern dass im Süden zu wenig erneuerbare Energien ausgebaut werden. Die sind billiger als Atomkraft, verursachen keinen Nuklearmüll für Tausende von Jahren und können bedarfsgerecht und dezentral Versorgungssicherheit gewährleisten. Alles andere ist Lobbyisten-Legende.

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