Anzeige
Entscheide was dein Geld macht.

Preisschlacht um Flächen, Energie-Tohuwabohu und Klima auf Seite eins

Kalenderwoche 39: Beim Run auf Flächen für Windkraft und Solarparks droht die Bürgerenergie hinten runterzufallen, warnt Sebastian Sladek, Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Kommunale Eigner sollten verpflichtet werden, einen Teil ihrer Flächen der Bürgerenergie zur Verfügung zu stellen.


Porträtaufnahme von Sebastian Sladek.
Sebastian Sladek. (Foto: Bernd Schumacher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Klimareporter°: Herr Sladek, am Freitag verabschiedete der Bundestag ein geändertes Energiesicherungsgesetz. Das schafft auch für die erneuerbaren Energien Verbesserungen, vor allem für Windkraft, Solarstrom und Biogas. Was meinen Sie – hat die Regierung hier das Mögliche für den Winter herausgeholt?

Sebastian Sladek: Ich muss einmal sagen, mit Robert Habeck möchte ich nicht tauschen und ich wünsche ihm von Herzen, dass er die Nerven und die nötige Standhaftigkeit aufbringt, diesen Job, den er sich wahrscheinlich auch anders vorgestellt hat, weiter durchzuhalten.

Natürlich finden wir es gut, dass die Regierung beim Ausbau der Erneuerbaren jetzt noch mal eine Schippe draufgelegt hat. Es sind weitere absurde Hürden gefallen.

Uns freut, dass Windenergieanlagen nachts häufiger laufen können, dass das heimische Biogas besser ausgenutzt werden kann und dass die Regierung auf den letzten Metern das Repowering-Verbot für Solarparks gestrichen hat. So kann mit bestehenden Solarparks bald mehr erneuerbarer Strom erzeugt werden.

Aber wir würden unserem Ruf ja nicht gerecht, wenn wir nicht auch einiges zu kritisieren hätten, denn wesentliche Hemmnisse für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien bestehen weiter.

Ganz vorne steht hier die Flächenbereitstellung, vor allem für Solar- und Windparks. Beim aktuellen Run auf verfügbare Flächen ist eine Pachtpreisschlacht im Gange, die ihresgleichen sucht. Eigentümer halten ihre Flächen zurück, weil sie auf noch höhere Pachtzahlungen hoffen, und auch Kommunen beteiligen sich an der Zockerei.

Den Schnitt machen hier natürlich die großen Akteure mit dem nötigen Kleingeld, die Bürgerenergie fällt hinten runter. Da nützt es auch nichts, dass Bürgerenergiegesellschaften im jetzigen "Sommerpaket" von den Ausschreibungen ausgenommen wurden, denn Flächen bekommen sie trotzdem keine, weil sie es sich nicht leisten können.

Die Bürgerenergie ist aber ein nach wie vor stark unterschätztes Rückgrat der dezentralen Energiewende. Die Bundesregierung sollte hier Maßnahmen ergreifen, damit auch kleine Akteure die Chance auf Flächen für ihre Projekte erhalten, indem sie zum Beispiel durchsetzt, dass kommunale Flächeneigentümer verpflichtet werden, einen Teil ihrer Flächen für Bürgerenergie zur Verfügung zu stellen.

Weil in Frankreich die Atomkraft in der Krise steckt, sollen in Deutschland trotz Atomausstieg zwei AKW im Süden noch drei Monate länger laufen. Was halten Sie von dem temporären Aufschub?

Unabhängig davon, dass Deutschland keinen Strommangel hat und bereits im September mehr Überschuss-Strom exportiert hat als im gesamten letzten Jahr, wäre es ein fatales Signal, das Datum des Atomausstiegs zu verschieben und damit das Vertrauen in politische Berechenbarkeit zu zerstören.

Egal ob man es "Streckbetrieb" oder "Laufzeitverlängerung" nennt, mit dieser Volte wird die Fähigkeit der Zivilgesellschaft ausgehebelt, Ausstiegsdaten für schmutzige Technologien zu erstreiten. Die Fehler im Atomausstiegs-Fahrplan wurden bereits 2011 vorsätzlich eingebaut, um die Basis für eine Laufzeitverlängerung zu schaffen.

Ein Blick auf den Kohleausstiegs-Plan zeigt, dass dieser mit exakt demselben Webfehler geplant ist, genauso unstetig, mit großen Klippen am dicken Ende. Jedem, der "nur ein bisschen Streckbetrieb" durchwinken will, muss klar sein, dass damit die Büchse der Pandora geöffnet wird.

Die Kampagne der Atomlobby, die seit 2019 gegen den Atomausstieg Deutschlands und gegen die Energiewende gefahren wird, hat zum Ziel, mit Kampfbegriffen wie "Streckbetrieb" den Fuß in die Tür zu bekommen, um den Atomausstieg rückgängig zu machen. Schon jetzt werden Rufe nach Kernbrennstoff-Bestellungen immer lauter.

Und das, während Atomtransporte permanent zwischen Russland und den europäischen Seehäfen hin und her pendeln und die Dominanz des staatlichen russischen Konzern-Konglomerats Rosatom aufrechterhalten. Es kann doch nicht sein, dass mit Hilfe der europäischen Atomländer die russische Kriegskasse gefüllt und die russische Geopolitik gestützt wird, während Bundesländer oder Nachbarstaaten Solidarität einfordern, die weder Effizienz- noch Einsparpotenziale heben wollen und obendrein die Energiewende torpedieren, die also ihre eigene Stromlücke seit Jahren aktiv provozieren.

Die Debatte ist unehrlich, denn in Frankreich hat man Schäden erkannt – weil man regelmäßig alle zehn Jahre nachschaut –, die das technische und wirtschaftliche Ende der Betriebszeit der Reaktoren offenbaren. Für Materialwissenschaftler keine Überraschung, dass jahrzehntelanger Neutronenbeschuss, Hitze- und Druckwechsel sicherheitsrelevante Komponenten unwiederbringlich verschleißen. 

Hierzulande lässt man die gleich alten Reaktoren seit mehr als 13 Jahren ohne periodische Sicherheitsüberprüfungen laufen, zaubert Gefälligkeitsgutachten aus dem Hut und penetriert den Mythos von den besseren AKW – die je nach Land sowieso immer die eigenen sind. Der Preis und das Risiko sind enorm, der Nutzen für die Netzstabilität ist marginal.

Während sich die Katastrophenmeldungen zur Klimakrise überschlagen, scheinen die Beteiligungsrekorde bei den globalen Streiktagen von Fridays for Future Vergangenheit zu sein. Was kann die Klimabewegung angesichts der vielfachen und zum Teil existenziellen Krisen im Moment erreichen?

Ich halte es nicht für zielführend, in der jetzigen Situation auf ein moralisches Ross zu steigen und an den sinkenden Teilnahmezahlen auf den Klimademonstrationen herumzukritteln. Es gibt dafür zahlreiche Gründe, die multiple Krisensituation ist sicher einer davon.

Es nützt aber auch nichts, Gründe zu finden und daraus Rechtfertigungen abzuleiten. Die junge Klimabewegung bleibt aktiv und sichtbar, das hat sich am Klimastreiktag letzte Woche gezeigt. Ich kann nur hoffen, dass Menschen, die sich der existenziellen Bedeutung der Klimarettung bewusst sind, auch in Zukunft den Hintern hochkriegen und für die Einhaltung der Klimaziele und sofortige wirksame Maßnahmen auf die Straße gehen, denn es passiert ja nicht annähernd genug.

Ich richte den kritischen Blick eher auf unsere Medien, bei denen die Klimakrise nach wie vor als eine unter vielen Krisen läuft und jetzt, wo es auf der Welt an vielen Enden kracht, immer mehr aus dem Fokus gerät.

Bilder von Krieg und humanitären Katastrophen, zerstörten Häusern und verzweifelten Menschen ziehen mehr News-Konsumenten an als die irrsinnigen Gefahren, die von der Klimakrise ausgehen. Die Klimaberichterstattung liefert einfach nicht in dem Maße emotional aufgeladene Bilder, und wenn es so ist, wie jetzt in Pakistan, dann läuft diese Verknüpfung unter ferner liefen.

Aus meiner Sicht müsste die Klimakrise in den Medien ein festes, vorrangiges und stets präsentes Ressort sein, damit das Problem endlich in den Köpfen der Mehrheit ankommt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die entzündet sich am Aus für die Gasumlage. Dabei ist es nicht der Sachverhalt selbst, der überrascht – die Umlage war spätestens nach der Verstaatlichung von Uniper nicht mehr haltbar. Aber es überrascht mich mittlerweile doch sehr, was in diesen Tagen alles möglich ist.

Denn es werden nicht nur milliardenschwere Vorhaben wie eben die Gasumlage kurz vor knapp gekippt, nachdem man wochenlang Verbraucher und Energieversorger verrückt gemacht hat. Es werden auch LNG-Terminals aus dem Boden gestampft beziehungsweise aufs Wasser gesetzt, ohne sich lange mit Verfahrensfragen aufzuhalten.

Plötzlich kann weltweit Fracking-Gas – egal von wem – eingekauft und über die Atomkraft-Verlängerung nachgedacht werden, ohne dass die Leute das kalte Grauen überkommt. Ist ja nur für zwischendurch. Gleichzeitig werden für systemrelevante Player der Energiebranche Rettungsschirme aufgespannt, die Bürger bekommen Tankrabatte und dürfen weiteren hektischen Gießkanneneinsätzen entgegensehen.

Ein hektisches Vor und Zurück, Durcheinander und Aktionismus – Tohuwabohu. Ist das die Panik, von der Greta Thunberg sprach? Oder ist es nicht vielmehr die Art von Kopflosigkeit, die man damals ihrem Ansinnen unterstellte?

Ihr ging es darum, den Handlungsdruck angesichts der drohenden Klimakatastrophe zu erkennen. Davon sind wir aber immer noch weit entfernt. Es überrascht mich tatsächlich sehr, dass wir inmitten all der Krisen offenbar lieber in kopflose Panik verfallen, als endlich und mit allen Konsequenzen den Rettungsweg zu gehen, den es gibt: erneuerbare Energien und Klimaschutz.

Fragen: Jörg Staude

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier