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Den Erneuerbaren werden ein paar Fesseln gelockert

Mehr Ökostrom schon im Winter soll das gestern verabschiedete Energiesicherungsgesetz bringen. Wie viel zusätzliche Energie mit der teilweisen Entfesselung von Wind, Sonne und Biogas ins Netz gelangen wird, ist aber schwer abzuschätzen.


Das Atomkraftwerk Doel in Belgien, vom Deichweg aus betrachtet, hinter einer alten Windmühle stehend.
Inzwischen ist die Windkraft so leistungsfähig, dass sie mit ein paar Maßnahmen locker ein halbes oder ganzes AKW ersetzen kann. (Foto: George Monet/​Flickr)

Als sozialdemokratischer Entfesselungskünstler betätigte sich Timon Gremmels am Freitag im Bundestag. Mit der Novelle des Energiesicherungsgesetzes (Ensig) würden bei Biogas und Windkraft "Fesseln gelöst", lobte der SPD-Abgeordnete im Bundestagsplenum das am selben Tag beschlossene Gesetzeswerk seiner Koalition.

Besonders vorteilhaft aus Gremmels' Sicht: Man hebe Potenziale derjenigen erneuerbaren Energien, die bereits installiert sind. Allein die "Entfesselung" bei der Windkraft werde dazu führen, dass vorhandene Windanlagen "in Größenordnung eines Kernkraftwerks" stärker genutzt werden.

Auf Nachfrage, wie er zu dem Vergleich komme, teilte Gremmels mit, das Wirtschaftsministerium habe die "Booster"-Maßnahmen zur Windkraft im Ensig konservativ auf ein Potenzial von 800 Millionen Kilowattstunden geschätzt.

Zugleich legten Berechnungen des Tüv Süd nahe, dass bei einem möglichen 80-tägigen "Streckbetrieb" im bayerischen Atomkraftwerk Isar 2 etwa zwei Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt werden.

Insofern könne man annehmen, so der SPD-Abgeordnete, dass – abhängig vom tatsächlich anfallenden Wind – das Ensig durch die zusätzliche Windenergie einen 30- bis 40-tägigen Streckbetrieb eines AKW "obsolet" mache.

Der "Booster" besteht vor allem darin, dass für Windanlagen kurzfristig Betriebsauflagen erleichtert werden. Ein längerer und intensiverer Betrieb, der zu mehr Lärm und Schattenwurf führt, muss nur noch angemeldet und nicht mehr genehmigt werden.

Zusätzlicher Windstrom statt AKW-Streckbetrieb

Die Windbranche selbst schätzt, dass durch das "Boostern" etwa vier Prozent mehr Windstrom erzeugt werden können. Zuletzt erzeugte Windkraft an Land um 90 bis 100 Milliarden Kilowattstunden jährlich.

Die Erleichterungen brächten also maximal vier Milliarden Kilowattstunden zusätzlich – aufs ganze Jahr gerechnet. Der Anteil für die 80 Tage Streckbetrieb – weniger als ein Vierteljahr – wäre dann nicht mehr besonders hoch.

Gremmels' Fraktionskollege Bengt Bergt bezifferte in seiner Rede die Windstrom-Mehrproduktion am Freitag übrigens nur auf ein halbes Kernkraftwerk. Das liegt vermutlich näher an der Realität.

Helfen wird im kommenden Winter auch, dass für Biogas die geltende Kapazitätsgrenze von 2,3 Millionen Kubikmetern pro Jahr ausgesetzt wird. Die Betreiber klagen schon seit Monaten, dass ihre Biomasse-Lager voll sind und sie aus dem Stand deutlich mehr Strom erzeugen könnten, aber nicht dürften.

Allerdings wurden nicht alle Wünsche der Branche erfüllt. Im Vorfeld hatte sie angegeben, mit Biogas und Biomethan die jährliche Stromerzeugung um etwa 20 Milliarden Kilowattstunden steigern zu können. Das wäre dann schon deutlich mehr, als jeder Streckbetrieb brächte. Diese Strommenge wird aber nicht erreicht werden.

Solarparks können jetzt repowert werden

Eher längerfristig als im kommenden Winter wirken die "Booster"-Maßnahmen für die Photovoltaik. Am Freitag freute sich die Solarbranche besonders darüber, dass die Koalition für das kommende Jahr die maximale Grenze für Solarpark-Ausschreibungen von 20 auf 100 Megawatt anhob.

Das kommt einem Quantensprung gleich. Die Anlagen erreichen jetzt langsam die Größe kleinerer fossiler Stromerzeuger.

Das Energiesicherungsgesetz erleichtert auch das Repowering von Solaranlagen. Das entsprechende Verbot aus dem geltenden Erneuerbare-Energien-Gesetz soll noch kurzfristig gestrichen werden. Vorhandene Solarparks könnten so ihre Leistung schon in wenigen Monaten erhöhen, erwartet der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE).

Nach seinen Angaben ist seit Errichtung der ersten Photovoltaik-Freiflächenanlagen im Jahr 2004 die Leistungsfähigkeit deutlich gestiegen. Seien in den Anfangsjahren noch etwa 2,5 Hektar Fläche pro Megawatt Nennleistung nötig gewesen, benötige man jetzt nur noch etwa 0,9 Hektar.

Moderne Module würden also deutlich mehr Stromertrag auf derselben Fläche bringen – wobei die ausgetauschten alten Module sogar weitergenutzt werden könnten, etwa für Balkon-Photovoltaik.

Weitere "Entfesselungen" bis Jahresende

Eher unzufrieden mit den "Booster"-Maßnahmen zeigt sich dagegen der Solarwirtschaftsverband BSW. Er hatte gefordert, vor allem an den bekannten Netzengpässen den Bau von Speichern voranzutreiben, die dann überschüssigen Solarstrom nutzen, der zurzeit häufig noch abgeregelt wird. 

Die Speicher sollten dann vor allem die Erzeugung solarer Fernwärme vorantreiben. Das wäre angesichts des Gasmangels nicht ohne Sinn gewesen.

Wieder seien keine Maßnahmen ergriffen worden, um die Solarenergie zur Wärmeerzeugung schneller auszubauen, kritisierte denn auch BSW-Chef Carsten Körnig. Die bisherigen Maßnahmen könnten nur einen Bruchteil des brachliegenden Potenzials heben. Man hoffe, dass die Ampel-Koalition noch in diesem Jahr zügig nachbessert.

Tatsächlich hat Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen Mitte September angekündigt, dass bis zum Jahresende noch ein "Entbürokratisierungspaket" auf den Weg gebracht werden soll. Dabei soll es um Netzanschlüsse, Digitalisierung und einen Schub für die Erneuerbaren gehen.

Mit weiteren "Entfesselungen" darf also gerechnet werden.

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