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Fossiler Dammbruch befürchtet

Ende des Jahres sollen an deutschen Küsten erste schwimmende Flüssigerdgas-Terminals den Betrieb aufnehmen – gleichzeitig unterstützt Deutschland den Aufbau neuer fossiler Export-Infrastrukturen besonders in Afrika. Umweltorganisationen warnen vor einem "fossilen Dammbruch".


Bohrplattform
Statt in den aufstrebenden Staaten Afrikas die Energiewende zu unterstützen, fördern Länder wie Deutschland weiter fossile Entwicklungsprojekte. (Foto: Dragon Oil/​Wikimedia Commons)

Jedes Gasmolekül, das durch die Leitung Nord Stream I jetzt nach Deutschland kommt oder auch nicht, sorgt für Aufregung. Eher weniger beachtet, legt die Bundesregierung gleichzeitig viel Tempo an den Tag, um die Infrastruktur zum Import von nichtrussischem Flüssigerdgas (LNG) an den deutschen Küsten hochzuziehen.

Von den vier schwimmenden LNG-Terminals, die die Bundesregierung bestellt hat, sollen bereits zum Jahreswechsel die beiden in Wilhelmshaven und Brunsbüttel einsatzbereit sein. Zwei weitere sollen Ende 2023 verfügbar sein und in Stade und Lubmin vor Anker gehen. In Lubmin plant darüber hinaus ein privates Konsortium ein fünftes schwimmendes LNG-Terminal.

Diese Erdgasimporte könne es nur geben, wenn auch ein nichtrussischer Exporteur den Brennstoff liefert, sagt Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) am Donnerstag bei einem Pressetermin. "Überall dort, wo jetzt in Deutschland ein LNG-Terminal geplant wird, gibt es irgendwo auf der Welt neue Exportinfrastrukturen, steht anderswo eine Verflüssigung – und die hängt dann auch an einem Gasfeld, womöglich einem neuen", betont er.

Für Müller-Kraenner ist dabei klar, dass diese neue Infrastruktur nicht nur für die nächsten zwei Winter gedacht ist, in denen es vielleicht an Gas aus Russland mangelt. Vielmehr sollen die Anlagen dann mindestens über die nächsten 30 Jahre laufen.

Zu den Exportländern, die neu ins deutsche Erdgas-Portfolio kamen, gehört Senegal. Der Ölkonzern BP will zusammen mit weiteren Investoren ein großes Gasfeld vor der Küste des westafrikanischen Landes und auch des nördlichen Nachbarlandes Mauretanien ausbeuten und als Flüssigerdgas exportieren.

Geplant ist der Bau eines schwimmenden Terminals zur Gasverflüssigung an der Seegrenze beider Länder. Das neue Terminal ist Teil des LNG-Projekts "Greater Tortue Ahmeyim" und soll nach den Angaben Ende 2023 mit einer Kapazität von jährlich ungefähr 3,4 Milliarden Kubikmetern an den Start gehen. Das ist etwa ein Achtel der Kapazität von Nord Stream I.

Vorgesehen ist noch eine zweite Ausbauphase, die dann, verglichen mit der ersten Stufe, die dreifache Menge an Gas fördern soll.

"Senegals Energiewende wird verhindert"

Klima- und Umweltschützer frustriert dabei besonders, dass Bundeskanzler Olaf Scholz dem senegalesischen Präsidenten Sall eine Zusammenarbeit bei der Nutzung der Erdgasressourcen angeboten hat. Um das, was da konkret vereinbart wurde, sei viel Geheimniskrämerei betrieben worden, erinnert sich Müller-Kraenner am Donnerstag.

Eine Folge der Senegal-Zusage sei auch, dass in die kürzliche G7-Erklärung von Elmau auf Betreiben Deutschlands eine Öffnungsklausel eingefügt wurde, um weiter die internationale Finanzierung von Gasprojekten zu ermöglichen. Für diese Klausel habe sich Scholz ausdrücklich eingesetzt, betont Müller-Kraenner. Das eröffne nicht nur ein "kleines fossiles Schlupfloch", sondern ein "fossiler Dammbruch" drohe.

Das Erdgasprojekt vor den Küsten Senegals und Mauretaniens beeinträchtigt auch die biologische Vielfalt vor Ort. Das geplante Fördergebiet liege mitten in einem Nationalpark, in dem viele von Aussterben bedrohte Arten beheimatet sind, schildert Yero Sarr, Physikstudent und Fridays-for-Future-Aktivist in Senegal, gestern.

Die Menschen an der dortigen Küste lebten vom Fischfang. Sie würden es künftig sehr schwer haben, wenn das Gasprojekt umgesetzt werde, warnt Sarr. Er fordert wie auch die Umweltorganisationen, dass sich Deutschland aus dem Projekt zurückzieht.

Aus Sicht des Klimaaktivisten macht das Erdgasprojekt auch Senegals Anstrengungen zur Energiewende zunichte. Das Land verfüge in einem Maße über Potenziale für Solarenergie und Windkraft, wie man sie in Deutschland oder auch in Frankreich nicht kenne, betont Sarr. Dafür und nicht für die Gasförderung brauche Senegal Mittel.

Viele ähnliche Projekte in Afrika

Das westafrikanische Land ist nicht das einzige, in dem eine Exportinfrastruktur für Gas neu entstehen soll. Regine Richter von der Umweltorganisation Urgewald kennt allein in Afrika ähnliche Projekte in Kamerun, Dschibuti, Mosambik, Nigeria, Kongo und Tansania. Dort seien LNG-Terminals für den Export geplant – und das seien "größtenteils auch neue Projekte", betont Richter.

Neben BP sind dort laut der Umweltexpertin weitere große Öl- und Gaskonzerne aktiv, wie Eni, Total oder Equinor sowie auch chinesische und senegalesische Unternehmen. Nötige Zulieferungen wie Rohre, Turbinen oder Kompressoren kämen oft aus Industrieländern. Die Projektentwickler wie auch die westlichen Exporteure, so Richter, suchten bei ihren Regierungen Unterstützung für öffentliche Kredite oder Investitionsgarantien.

Die Urgewald-Expertin weist auch die jüngst beim Petersberger Klimadialog von Kanzler Scholz bekräftigte Haltung zurück, es seien zwar vorübergehende Investitionen in die Erdgasinfrastruktur nötig, eine globale Renaissance der fossilen Energien gebe es aber nicht.

Die neue fossile Infrastruktur koste Milliarden, wendet Richter ein. Werde sie wirklich nur für eine kurze Zeit genutzt, sei das nichts anderes als ein "Rezept für Investitionsruinen".

Sie erinnert auch daran, dass sich beim letzten Klimagipfel in Glasgow Regierungen und öffentliche Banken verpflichteten, ab 2023 keine neuen Kohle-, Öl- und Gasprojekte mehr mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Das dürfe jetzt nicht für kurzsichtige Energieinteressen der Bundesregierung geopfert werden, fordert Richter.

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