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Journalismus im Wandel der Klimakrise

Wie im Journalismus über die Klimakrise angemessen zu berichten ist, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Oft ist immer noch vom Versagen der Medien die Rede. Oder es heißt, der Journalismus müsse sich von Grund auf ändern. Ausschlaggebend ist das nur bedingt.


Eine Journalistin wird gefilmt, während sie in einer Demonstration von Extinction Rebellion in Berlin steht und in ein großes Mikro spricht.
Medienschaffende, aber auch ihr Publikum haben mit einem komplexen Problem wie der Klimakrise große Schwierigkeiten. (Foto: Michael Bußmann/​Pixabay)

Die bisherigen Debatten zur Rolle des Journalismus in der Klimakommunikation sind vielschichtig. Dennoch lassen sich Schwerpunkte feststellen. Stark vereinfacht lauteten die Hauptkritikpunkte, dass zu wenig oder nicht richtig über die Klimakrise berichtet werde.

Es geht also um Quantität und Qualität der Klimaberichterstattung. Die erste Kritik findet sich nur noch selten, ist aber noch nicht ganz verstummt. Die zweite Kritik ist hochaktuell.

Um den Journalismus für die Berichterstattung über die Klimakrise fit zu machen, gibt es zahlreiche Ideen und Vorschläge. Im kürzlich erschienenen Sammelband "Medien in der Klima-Krise" sind viele dieser Ideen vertreten. Ausgangspunkt sind oft bisherige Versäumnisse des Journalismus.

So kommen zahlreiche Texte auf die "False Balance" zu sprechen. Mit falscher Ausgewogenheit sei über wissenschaftliche Erkenntnisse, die den Klimawandel als menschengemacht diagnostizieren, sowie über Positionen berichtet worden, die mehr oder weniger explizit den Klimawandel leugnen.

Es herrscht weitestgehend Konsens, dass dieses Problem heute nicht mehr im Zentrum steht. Hingegen ist die Frage, ob objektiv und neutral über den Klimawandel zu berichten sei oder für den Klimaaktivismus "Partei ergreifend", eine wichtige aktuelle Debatte und zieht sich durch die Texte. Auch das Erkennen von Klimaschutzlobbyismus wird als wesentliche Aufgabe des Journalismus gesehen.

Im Zentrum des Bandes steht indes die Wandlung des Klimajournalismus: weg von einer allzu negativen Berichterstattung, die das Augenmerk auf die schlimmen Auswirkungen des Klimawandels legt, hin zu einem Journalismus, der Lösungen anbietet, Best-Practice-Beispiele in den Blick nimmt oder den Menschen zumindest hilft, sich im stattfindenden Wandel zurechtzufinden.

Suche nach neuen journalistischen Strategien

Gesucht wird dabei nach neuen journalistischen Strategien – Beispiele sind konstruktiver und transformativer Journalismus – und nach neuen Kooperationen und Vernetzungen. Zu letzteren gehört die Initiative "Klima vor acht", aus der das Buch hervorgegangen ist.

Um Journalismus in der Klimakrise ging es auch in einem Artikel des medienpolitischen Magazins "Menschen machen Medien", herausgegeben von der Gewerkschaft Verdi. Anlass war ein Workshop bei den "Darmstädter Tagen der Transformation", die im März von der Schader-Stiftung und der Universität Leipzig veranstaltet wurden.

Der Online-Workshop befasste sich damit, was das Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts für den Journalismus bedeutet. Schon die Überschrift des Artikels von Uwe Krüger von der Uni Leipzig zeigt die Stoßrichtung: "Ohne 'Moralkeule' sachlich berichten".

Im Workshop ging es vor allem um die Frage, ob mit dem Karlsruher Beschluss, der das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung von 2019 für teilweise verfassungswidrig erklärte, eine objektive, neutrale Berichterstattung obsolet geworden ist. Die Debatte war kontrovers, schreibt Krüger.

Auf breite Zustimmung traf offenbar der Vorschlag, dem wegweisenden Urteil in den Medien gerecht zu werden, indem etwa der Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen um "Nachhaltigkeitsaspekte" ergänzt wird.

Auf dem Klimakulturfestival Carbonale, das Anfang Juli in Berlin stattfand, gab es einen Programmpunkt "Krieg oder Klima?". Hier diskutierten die freie Journalistin Alexandra Endres und Bernhard Pötter von der Taz darüber, was getan werden kann und muss, damit die Berichterstattung nicht zu problematischen Prioritätensetzungen in unserer von Krisen geschüttelten Gegenwart führt. Pötter machte unter anderem den Vorschlag, die Krisen in ihren Wechselwirkungen zu behandeln.

"Die Medien" – das kann vieles sein

Die Argumente und Ansätze in diesen Diskussionen sind weitestgehend nachvollziehbar und sinnvoll. Doch erscheint es mir angebracht, auf ein paar Leerstellen oder zumindest unterrepräsentierte Punkte einzugehen.

Porträtaufnahme von Thomas Klein.
Foto: privat

Thomas Klein

ist Co-Sprecher des Partner­netzwerks Medien im Unesco-Welt­aktions­programm Bildung für nachhaltige Entwicklung. Der promovierte Film­wissen­schaftler und habilitierte Medien­wissen­schaftler ist Buchautor, freier Journalist und "Green Consultant" für Film und TV. 

Das deutsche Mediensystem bildet soziale und politische Strukturen des Landes ab. Bei all den Veränderungen der letzten Jahre im Detail noch den Überblick zu behalten, ist eine enorme Herausforderung.

In dieses Mediensystem sind auch die Medien eingebettet, die gemeint sind, wenn in der Debatte um Klimajournalismus von Medien die Rede ist. Und eingebettet in dieses System sind auch die Journalist:innen, die allzu oft für die genannten Probleme des Klimajournalismus verantwortlich gemacht werden.

Wenn schon von "den Medien" die Rede ist, dann müssen diese auch in ihren systemischen Strukturen in den Blick genommen werden. Dabei ist es wichtig, genauer als bisher – und auch genauer als im Buch "Medien in der Klima-Krise" – darzulegen, welche Medien in welchen Verfasstheiten eigentlich gemeint sind.

Der Medienstaatsvertrag, der 2020 den Rundfunkstaatsvertrag von 1987 und 1991 ablöste, enthält viele neue Regelungen in Reaktion auf die starken Veränderungen der Medienlandschaft durch das Internet. Soziale Online-Netzwerke, Suchmaschinen und Videoportale, wo viele Inhalte abgerufen werden können, werden hier als "Medienintermediäre" bezeichnet.

Für die Meinungsbildung spielen diese medialen Formen eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks weiterhin Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung.

Wo sind die "klugen Seifenopern"?

Aus dem Konkurrenzkampf mit den privaten Rundfunkanbietern im "dualen System" seit 1984 sind Begriffe wie Infotainment und Edutainment hervorgegangen. Information und Bildung benötigten Entertainment-Zutaten, um das Publikum zu erreichen. Davon sind nahezu alle aktuellen politischen Talkshow-Formate geprägt.

Deshalb handelt es sich nicht ausschließlich um journalistische Formate. Ebenso dringen Umweltthemen in Spiel-Shows vor, wie Die große Terra-X-Show beweist, die von Johannes B. Kerner moderiert wird und mit Harald Lesch und Mai Thi Nguyen-Kim als Expert:innen bestückt ist.

Medien liefern also nicht nur auf eindeutig journalistische Weise eindeutig journalistischen Content. Journalismus ist zudem nicht nur Nachrichten-Journalismus. Auch die zahlreichen Dokumentarfilme, die sich um die Thematisierung des Klimawandels und wichtiger Umweltaspekte wie Biodiversität seit vielen Jahren verdient machen, arbeiten mit journalistischen Darstellungsformen und Strategien.

Was hier geleistet wird, bleibt häufig – auch in dem Buch "Medien in der Klima-Krise" – außen vor. Ebenfalls übergangen wird, dass in anderen medialen Darstellungsformen nahezu völlige Ratlosigkeit herrscht, wie vom Klimawandel erzählt werden kann.

Im Vorwort der Buchherausgeber ist zu lesen, ob es "nicht an der Zeit" sei, dass "auch kluge Seifenopern" den Zusammenhang zur Klimakrise miterzählen. Das spielt dann im Buch allerdings keine Rolle mehr.

Merkwürdig und heute vermutlich weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dass bereits seit 2002 ein Handlungskonzept zur Umweltmotivation durch TV-Serien und Soap-Operas vorliegt, das von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung in Kooperation mit dem Berlin-Institut publiziert wurde. Eine nachhaltige Wirkung im TV hatte dieses Handlungskonzept nicht.

Journalismus muss auch verstanden werden 

Einen weiteren Knackpunkt in der Diskussion um Klimakrise und Journalismus sehe ich in der Frage, wer eigentlich was liest. Komplexe Zusammenhänge wie der Klimawandel können nicht so weit verständlich gemacht werden, dass in einer Gesellschaft, die nachweislich immer weniger liest und immer mehr Textverständnisprobleme hat, ein Bewusstsein für ein derart komplexes Problem entstehen kann.

Das Buch

Michael E. Mann, Sara Schurmann, Michael Brüggemann, Maren Urner, John Cook, Tanja Busse, Annika Joeres, Susanne Götze, Ellen Heinrichs, Özden Terli, Maik Meuser u.a.: Medien in der Klima-Krise. Oekom, München 2022. 272 Seiten, 19 Euro

Oder man muss sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob die Rede von der Komplexität des Klimawandels das richtige Narrativ ist. Auch Artikel werden nicht verständlicher, wenn immer wieder mit der Komplexität "geframt" wird. Darüber lohnt es sich nachzudenken.

Texte sind immer interpretationsbedürftig, was beispielhaft in den Reaktionen auf die beiden offenen Briefe von Prominenten zum Krieg in der Ukraine deutlich wird. Manchmal wollen Texte auch in einer bestimmten Art und Weise verstanden werden.

Hinzu kommt aber, dass es hierzulande um Medienbildung schlecht bestellt ist. Das gilt nicht nur für junge Zielgruppen. Es betrifft Jung und Alt. Das deutsche Mediensystem und die Funktionen und Strukturen der unglaublichen Vielfalt von Medien, die uns heute umgeben und prägen, müssen schlichtweg in den Grundzügen bekannt sein, damit man sich ein Urteil darüber bilden kann, wie Klimajournalismus aussehen könnte.

Die außerschulische Medienbildung und – bezüglich des Klimawandels und weiterer Nachhaltigkeitsziele – die Bildung für nachhaltige Entwicklung leisten dafür wertvolle Arbeit. Diese Arbeit findet unter ähnlich prekären Bedingungen wie ein großer Teil des Journalismus statt.

Im Band "Medien in der Klima-Krise" gibt es wenigstens einen Text, in dem sich die Autorin mit Bildung beschäftigt. Dazu würde ich mir noch mehr Diskussion und auch bald Lösungen wünschen. Journalismus muss auch verstanden werden, damit er die Effekte hat, die wir uns wünschen.

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