Energiewende am Point of no Return

Die Windkraft braucht keine weiteren Eckpunktepapiere oder Beschlüsse, sondern eine mutige EEG-Novelle, die mindestens den versprochenen 65-Prozent-Anteil der Erneuerbaren für 2030 sichert. Dafür macht die Branche Druck, dafür braucht es aber auch weiter die Klimabewegung mit kreativen Aktionen und guten Argumenten.


Ein Windrotorblatt hängt an einem Kran, dieser steht auf einem kleinen Plateau in einer Spitzkurve im Mittelgebirge.
Damit der Ausbau der Windkraft hierzulande wieder in Gang kommt, ist mehr nötig als eine flexible Abstandsregel. (Foto: Nordex)

Letzten Donnerstag hat der Bundestag – neben der Aufhebung des Solardeckels – die neue Länderöffnungsklausel für die Windkraft auf den Weg gebracht. Es wird keinen bundeseinheitlichen Abstand von Windrädern zur Wohnbebauung geben, jedes Bundesland kann weiter selbst entscheiden.

Die 18-monatige Debatte um die Mindestabstände hat die Branche dennoch schwer belastet und dem Ansehen der Windkraft geschadet. Aber nun schauen wir nach vorn. Die Bundesländer wollen den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Windenergie ist das Rückgrat der Energiewende – und sie wird gebraucht.

Das sehen inzwischen sogar Bayern und Sachsen so. Während der bayerische Ministerpräsident schnell mindestens 100 Windenergieanlagen auf den Flächen der Bayerischen Staatsforsten sehen will, hat Sachsen im Koalitionsvertrag festgelegt, bis 2024 zusätzlich so viel erneuerbare Energien – vor allem Windenergie – zu installieren, dass damit jährlich vier Milliarden Kilowattstunden erzeugt werden können.

Die Windenergiebranche steht dabei vor der Herausforderung, nicht wieder in eine Situation zu geraten wie zu Anfang der 2010er Jahre. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima und dem Atomausstieg wurden in den Bundesländern neue energiepolitische Ziele festgelegt, Flächen ausgewiesen und Genehmigungsverfahren zügig bearbeitet.

Das fiel zusammen mit einem Innovationssprung der Technik. Dadurch war auch im Süden und im Mittelgebirge, also an windschwächeren Standorten, Windenergie nutzbar. All dies kam zusammen und führte von 2014 bis 2017 zu einem Boom. Allein in diesen vier Jahren wurden 6.550 neue Windkraftanlagen errichtet. Im Nachhinein betrachtet hat dies, zusammen mit nicht ausreichender Kommunikation, vielleicht manchen überfordert.

Im Kern war diese Entwicklung aber auch ein wichtiger Teil der Energiewende. Die Menschen vor Ort in den Dörfern sagten sich: Wir wollen unsere Energie selbst erzeugen. Mit Bioenergie, mit Wasserkraft, aus Wind und Sonne. Es ging zu Beginn auch um Klima und Umwelt, aber vor allem um dezentral und eigenständig.

Hier muss die Branche wieder anknüpfen. In den Boomjahren ist das leider etwas vergessen worden, aber Teilhabe und echte Beteiligung sind die Schlüssel und die Notwendigkeit für den Erfolg erneuerbarer Energien.

Energiesystem ruft nach mehr Erneuerbaren

Das wird nicht von heute auf morgen gelingen. 2020 wird ein weiteres Jahr mit deutlich geringem Zubau. Die Ursachen liegen in verschleppten Genehmigungsverfahren, anschließend langen Klagewegen und insgesamt an fehlenden Flächen.

Inzwischen hat sich eine gewisse "Projektarmut" verfestigt. Von 2017 bis 2019 wurden insgesamt 9.185 Megawatt Wind an Land ausgeschrieben, aber nur 7.000 Megawatt davon erhielten einen Zuschlag. Und von diesen Ausschreibungs-Projekten gingen bis zum Mai dieses Jahres überhaupt erst 519 Anlagen mit einer Kapazität von zusammen 1.700 Megawatt am Netz – also gerade mal ein Viertel der bezuschlagten Projekte.

Wer noch immer glaubt, Ausschreibungen würden die Ausbauziele der Bundesregierung sichern, irrt. Man sieht, dass das System schwächelt. Die drei vorgegebenen Ziele – verlässlicher Zubau, Preisdegression und Akteursvielfalt – werden nicht wirklich erreicht.

Porträtaufnahme von Hermann Albers.
Foto: Silke Reents/​BWE

Hermann Albers

ist seit 2007 Präsident des Bundes­verbandes Windenergie (BWE). Er ist außerdem Landwirt sowie Geschäfts­führer des nord­friesischen Bürger­wind­parks Simons­berg und anderer Bürger­wind­gesellschaften.

Aber für eine Umkehr fehlt der politische Wille. Das müssen wir uns selbst eingestehen und uns deswegen darauf konzentrieren, wie und wo sich das System verbessern und anpassen lässt.

Denn klar ist auch: Die Energiewende ist an einem Point of no Return angekommen. Unser Energiesystem braucht deshalb mehr Erneuerbare. Sehr viel und sehr schnell.

Den Kritikern, die uns als Branche vorwerfen, dass schon die derzeit laufenden 30.000 Windenergieanlagen zu viel sind, antworte ich: Unser Verband möchte im Jahr 2050 auf bundesweit 200.000 Megawatt installierte Leistung blicken – auf gut zwei Prozent der Fläche in jedem Bundesland. Mehr Platz wird nicht gebraucht – angesichts dessen, dass die heute genehmigten Anlagen im Durchschnitt vier Megawatt Spitzenleistung haben, während es im Bestand nur 1,8 Megawatt sind. Und die technische Entwicklung geht weiter voran.

Wir wollen moderne und leistungsfähige Anlagen. Deshalb braucht es Erleichterungen im Repowering. Dann werden 2050 nur wenig mehr Windenergieanlagen als heute im Land stehen. Mit diesen lassen sich aus heutiger Sicht 770 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugen.

Die Offshore-Windkraft hat ein Potenzial von 54.000 bis 57.000 Megawatt und kann dank höherer Volllaststunden sogar 246 Milliarden Kilowattstunden liefern. Die Windenergie ist das Rückgrat der Energiewende.

Geburtshelfer für grünen Wasserstoff

Und sie ist auch der Geburtshelfer für grünen Wasserstoff. Es ist gut, dass sich die Bundesregierung in ihrer Wasserstoffstrategie nun deutlich zu einem Heimatmarkt für dessen Erzeugung bekennt. Bislang hatte man vor allem von internationalen Partnerschaften gehört.

Wir müssen die Potenziale für grünen Wasserstoff bei uns heben, die Technik weiter vorantreiben, um dann gleich doppelt Beispiel geben zu können. Zum einen industriepolitisch, indem wir die Technik für den Export vorbereiten. Und zum anderen energiepolitisch, weil sich mit Wasserstoff auch hohe Erzeugungsspitzen innerhalb des erneuerbaren Strommixes nutzen lassen, wie sie regelmäßig um die Mittagszeit oder bei längeren Starkwindlagen entstehen.

Die Bundesregierung betont bisher zu sehr die Frage der Importe, statt die Chancen heimischer Erzeugung in den Blick zu nehmen. Aber Wasserstoff, der beispielsweise im Nahen Osten erzeugt wird, zu uns nach Deutschland via Schiff geliefert und dann per Pipelines etwa ins Chemiedreieck Halle-Leipzig oder zu den Stahlkochern ins Saarland geliefert wird, hat einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck als Wasserstoff aus Brandenburg oder Niedersachsen. Das gilt es sichtbar zu machen, zum Beispiel mit dem in der EU diskutierten CO2-Grenzausgleich, also einer Art Klimazoll.

Zudem kommt bei manchen Partnerschaften zumindest die Sorge über einen neuen Kolonialismus auf. Marokko zum Beispiel leidet unter Energiearmut und die dortige Wasserversorgung ist oft auch kritisch. Was bedeutet es, wenn wir unseren Wasserstoff künftig in diesem nordafrikanischen Land einkaufen?

Dramatische Ausbaulücke

Aber das sind noch Zukunftsträume. In Deutschland verzeichnen wir derzeit einen leichten Anstieg der Genehmigungen. In den ersten fünf Monaten wurden 220 Windenergieanlagen mit etwa 880 Megawatt Nennleistung genehmigt. Bis Jahresende könnten es 2.200 Megawatt werden – für den energie- und klimapolitischen notwendigen Zubau von mindestens 4.500 Megawatt jedes Jahr ist das noch deutlich zu wenig.

Bei den Anlagen, die ans Netz gehen, ergibt sich ein ähnliches Bild. Bislang sind in diesem Jahr laut Marktstammdatenregister – eine Art zentrales Anlagenregister für die Windenergie – 163 Anlagen mit 513 Megawatt Leistung in Betrieb gegangen. Es deutet sich an, dass wir so bis Ende des Jahres etwa 1.300 Megawatt an Zubau erreichen können – bei einem Zielkorridor der Bundesregierung von 2.800 Megawatt. Das ist eine dramatische Lücke.

Was wäre zu tun? Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Oktober 2019 alle Probleme in einer Aufgabenliste zusammengefasst. Sie muss jetzt endlich abgearbeitet werden.

Die gerade beschlossene Klarstellung zu den Windrad-Abständen, die nun weiterhin von den Ländern geregelt werden, war genauso richtig wie die jüngsten Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz – etwa das Bekenntnis zum schnellen Ausbau von Windenergie und Photovoltaik, zur Sektorenkopplung, zur Beteiligung von Bürgern und Kommunen oder zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Allerdings: Wir brauchen keine weiteren Eckpunktepapiere oder Beschlüsse, sondern eine mutige EEG-Novelle, die mindestens den 65-Prozent-Anteil der Erneuerbaren für 2030 mit einem verlässlichen Zeit- und Mengengerüst unterlegt.

Dafür machen wir als Windenergieverband Druck. Dafür braucht es aber auch weiter die Jugendlichen von Fridays for Future mit ihren kreativen Aktionen und die Umweltverbände, die daran erinnern, dass wir uns jetzt und sofort für einen besseren Klimaschutz einsetzen müssen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier