Umweltministerin kündigt Power-to-X-Sekretariat an

Die Bundesregierung will die globale Produktion von Öko-Gas koordinieren, um dieses künftig aus südlichen Ländern zu importieren. Umweltschützer kritisieren, dass Deutschland seine eigene Energiewende ausbremst.


Umweltministerin Svenja Schulze auf der COP25
Umweltministerin Schulze wirbt auf dem Klimagipfel in Madrid für die Erneuerbaren-Globalisierung. (Foto: Sascha Hilgers/​BMU)

Berlin bekommt ein Power-to-X-Sekretariat, wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze am heutigen Dienstag auf der Weltklimakonferenz in Madrid ankündigte. Das neue Büro in der deutschen Hauptstadt soll die globale Produktion von "grünem" Wasserstoff koordinieren, der mithilfe von erneuerbarem Strom hergestellt wurde.

Die Herstellung von Wasserstoff mit Ökostrom und dessen Verarbeitung zu anderen synthetischen Brenn-, Kraft- und Grundstoffen läuft unter dem Kürzel "Power-to-X" und ist aus Sicht von Schulze eine "Zukunftsindustrie".

Nur produziert Deutschland selbst nicht genug Ökostrom. Deshalb soll das Öko-Gas lieber aus anderen Ländern kommen. Das soll das neue Sekretariat organisieren.

Aus Sicht von Schulze wird die Herstellung von grünem Wasserstoff ohnehin "global erfolgen, vor allem in Ländern, die besonders viel Sonnen- und Windstrompotenzial haben".

Das Sekretariat gründet das Umweltministerium zusammen mit der bundeseigenen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Berlin. Es soll an bestehende Pilotprojekte in Marokko, Südafrika und Chile anknüpfen und Zentrum eines internationalen Netzwerks werden.

Für den marokkanischen Energie- und Umweltminister Aziz Rebah bietet sich damit ein attraktiver Exportmarkt. "Die armen Länder haben nicht von der Agrarrevolution profitiert, nicht von der industriellen Revolution und nicht von der digitalen Revolution", sagte er.

"Ich hoffe, dass die ärmeren Länder von dieser Energierevolution profitieren werden", so Rebah bei der Vorstellung des Power-to-X-Sekretariats in Madrid. Sein Land habe schließlich großes Potenzial bei Solar- und Windstrom.

"Grünen Wasserstoff in Deutschland produzieren"

Deutsche Umweltschützer kritisierten den Ansatz. "Anstatt auf den Import zu setzen, muss grüner Wasserstoff in Deutschland produziert werden", sagte der BUND-Energieexperte Oliver Powalla.

"Es kann nicht sein, dass der Ausbau der Windenergie bei uns abgebremst wird und dass wir nun Wasserstoff aus afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern importieren wollen."

Große Buchstaben, grün angestrahlt:
Foto: Susanne Schwarz

Live von der COP 25

Die 25. UN-Klimakonferenz findet vom 2. bis zum 13. Dezember in Madrid statt. Klimareporter° ist vor Ort und berichtet direkt vom Konferenzparkett.

Die Bundesregierung dürfe nicht Fläche und Wasserressourcen der Partnerländer für ihre Wasserstoffpläne nutzen, während die Ressourcen dann dort fehlen, meint Powalla. Besonders stört er sich an der gegenläufigen Energiepolitik in Deutschland, die "den Ausbau der Erneuerbaren zum Stillstand bringt".

Innerhalb Deutschlands ist vor allem die Nutzung von "Überschussstrom" im Gespräch. Wenn der Wind weht und die Rotoren sich drehen, aber das Stromnetz ausgelastet ist, müsste man Windräder nicht mehr abregeln. Stattdessen könnte mit dem Strom Wasser in seine Bestandteile zerlegt und der gasförmige Wasserstoff als Energieträger genutzt werden.

Das allein geht aber wohl nicht auf – zumindest wenn man Öko-Gas im großen Stil einplant. Im August hatten deutsche Wissenschaftler verschiedener Institute in einer gemeinsamen Studie davor gewarnt, zu viel Hoffnung in dieses Projekt zu stecken.

Überschussstrom? Fehlanzeige

Das Problem: Die Technologie ist ineffizient, sie erfordert Wahnsinnsmengen Ökostrom. Und der wird ein rares Gut, wenn künftig auch Heizungen und Autos im großen Stil zu den Elektrogeräten gehören. Überschussstrom? Fehlanzeige.

Das Fazit der Wissenschaftler: Öko-Gas wird Teil der erneuerbaren Zukunft – aber das heutige Verkehrs- und Heizsystem lässt sich damit nicht versorgen. Ohne Energiesparen durch effizientere oder auch geringere Nutzung werde es nicht gehen.

Auch Umweltministerin Schulze meint, dass "grüner" Wasserstoff noch eine Weile knapp sein dürfte. In Autotanks will sie ihn deshalb nicht fließen lassen, dafür gebe es bessere Lösungen, sagte sie in Madrid.

Anders sehe es bei Flugzeugen aus oder bei der Herstellung von Wärme. "Ich bin nicht die Industrieministerin", sagte Umweltministerin Schulze. Trotzdem wolle sie aber natürlich, dass Deutschland beim "grünen Wasserstoff" vorne dabei sei und zum Beispiel "das erste klimaneutrale Stahlwerk" baue.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz in Madrid finden Sie in unserem COP-25-Dossier.

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