"Deutschland müsste Ende 2026 klimaneutral sein"

Es ist nicht leicht zu prüfen, ob die Klimapolitik einer Regierung konform mit dem Paris-Abkommen ist. Denn bislang gibt es keine Einigkeit, welches CO2-Budget global gilt und wie es aufgeteilt wird. Unser Autor Christian Mihatsch will mit seinem datenjournalistischen Projekt #showyourbudgets Abhilfe schaffen. Klimareporter° ist Medienpartner. Ein Gespräch unter Kolleg:innen.


Eine Frau hält einen sehr großen schwarzen Ballon mit der Aufschrift
Anti-Kohle-Protest vor RWE-Kraftwerk: Wie groß ist eigentlich Deutschlands CO2-Budget? (Foto: Jörg Farys/​BUND/​Flickr)

Klimareporter°: Christian, auf der Website #showyourbudgets kann man nachsehen, wann jedes einzelne Land auf der Welt klimaneutral werden muss. Eigentlich erstaunlich, dass es so etwas nicht längst gibt, oder?

Christian Mihatsch: Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht nur globale Budgets, die sagen, wie viel CO2 die Menschheit noch emittieren darf, wenn sie die Erwärmung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bei 1,5 oder 1,8 Grad stoppen will.

Das sind ja die zwei Ziele aus dem Paris-Abkommen: Begrenzung der Erderhitzung bei "deutlich unter zwei Grad" gegenüber vorindustriellem Niveau – und möglichst sogar bei 1,5 Grad. Die Staaten haben sich aber nie darauf geeinigt, wie das globale Budget auf die einzelnen Länder verteilt wird.

Das Paris-Abkommen trifft entsprechend nur sehr vage Aussagen dazu.

Ja, dort steht nur, dass die Länder eine "gemeinsame, aber jeweils unterschiedliche Verantwortung" tragen. Und dass Länder, die beispielsweise mit Armut und Hunger zu kämpfen haben, etwas mehr Zeit für den Klimaschutz bekommen sollen. Das ist natürlich nicht sehr konkret.

Viele Länder haben auch kein Interesse daran, dass es offizielle Länderbudgets gibt. Denn dann könnten die Öffentlichkeit und die Medien nachprüfen, ob die Klimapolitik eines Landes ausreicht, um die Versprechen des Paris-Abkommens zu erfüllen.

Eine kurze Anekdote: Letztes Jahr bei der Klimakonferenz in Madrid kamst du einmal ganz entgeistert zurück in unsere Klimareporter°-WG. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze habe gerade im Pressebriefing erklärt, durch die Flexibilität des Paris-Abkommens müsse Deutschland gar nicht genau auf dem Pfad liegen, den das UN-Umweltprogramm Unep gerade vorgerechnet hatte.

Das fand ich empörend. Dieses Pressebriefing war tatsächlich einer der Auslöser dafür, dass es diese Website nun gibt. Ich hatte Schulze gefragt, wie sie rechtfertigt, dass Deutschlands Emissionen wohl nicht um 7,6 Prozent sinken werden. Das hat das Unep ja für die Zeit ab 2020 jährlich für nötig befunden – wieder nicht auf Deutschland konkret bezogen, sondern auf die Welt insgesamt.

In ihrer Antwort hat Schulze dann die Tatsache ausgenutzt, dass es eben kein "offizielles" CO2-Budget für Deutschland oder irgendeinen anderen Staat gibt. Aber das ist ein Taschenspielertrick. Der hilft vielleicht, unangenehme Fragen abzuwimmeln, aber das Klima beeindruckt das nicht.

Auch bei der klimapolitischen Läuterung, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gerade zu durchlaufen scheint, ist die entscheidende Frage: Ist er bereit, die Klimapolitik an einem deutschen CO2-Budget auszurichten, und wie groß ist dieses?

Die Grafik zeigt vier verschiedene Optionen für das deutsche CO2-Budget - je nachdem, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Welt welches Klimaziel des Paris-Abkommens erreichen will. Nach der ambitioniertesten Option müsste Deutschland 2026 klimaneutral sein
Deutsches CO2-Budget nach #showyourbudgets.

Ja, wie groß ist es denn?

Wir folgen einem naheliegenden Ansatz: Jeder Mensch bekommt denselben Anteil am globalen CO2-Budget. Das Budget eines Landes entspricht dann seinem Anteil an der Weltbevölkerung.

Für Deutschland heißt das: Das Budget ist erschreckend klein. Um die Erwärmung mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad zu stoppen, müsste Deutschland bei linearer Reduktion der Emissionen Ende 2026 klimaneutral sein. Für 1,8 Grad mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit reicht das Budget noch bis 2046.

Mit letzterem Pfad wäre die Erfüllung des Paris-Abkommens so wahrscheinlich wie das Gewinnen beim Werfen einer Münze.

Genau. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent übersteigt die Erwärmung auf diesem Pfad schon die 1,8 Grad. Aus der viel rezipierten "Heißzeit-Studie" wissen wir, dass die Kipppunkte des Klimasystems schon zwischen 1,5 und zwei Grad Erwärmung eintreten könnten. Erreicht man einen dieser Punkte, verstärkt sich die Erwärmung selbst und lässt sich nicht mehr stoppen.

Einen Vorgeschmack bekommen wir dieses Jahr mit den großen Feuern in Sibirien, Australien und in den USA. Das Ziel der Bundesregierung – Klimaneutralität 2050 – ist also in jedem Fall ungenügend.

Ihr beginnt eure Budget-Rechnung mit dem Jahr 2016. Warum?

Das Paris-Abkommen wurde im Dezember 2015 verabschiedet. Seither sind fast alle Länder der Welt zumindest moralisch dazu verpflichtet, ihre Emissionen zu senken, um die Ziele des Abkommens zu erreichen. Darum haben wir den 1. Januar 2016 als Stichtag genommen.

Ist es nicht unfair, die historischen Emissionen auszulassen, die nun mal größtenteils bei den Industriestaaten angefallen sind?

Unser Ansatz wird sicher kritisiert werden, weil er die Emissionen vor 2016 ignoriert. Der Hintergrund für unsere Entscheidung: Wenn man alle Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution berücksichtigen würde, dann hätten manche Industriestaaten überhaupt kein Budget mehr.

Darum können sich die Länder auch nicht auf die Aufteilung des Budgets einigen. Das kann man mit Recht unfair finden, wir haben aber nach einer pragmatischen Lösung gesucht.

Es gibt auch das Argument, dass reiche Länder mehr tun müssten, weil sie mehr finanzielle und technologische Möglichkeiten haben. Berücksichtigt ihr das?

Ja, indirekt. Bei unserem Ansatz müssen Länder, deren Pro-Kopf-Emissionen über dem globalen Durchschnitt liegen, schneller klimaneutral sein. Das sind meist auch die Länder mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen.

Der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf hat den Ansatz letztes Jahr vorgeschlagen und ist nun auch der wissenschaftliche Berater von #showyourbudgets. Der Ansatz wird außerdem vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung benutzt.

In eurer Darstellung sinken die Emissionen jedes Jahr um den gleichen Betrag. Die Reduktion muss aber nicht unbedingt linear erfolgen, oder?

Nein, natürlich nicht. Entscheidend ist die Fläche unter der Kurve. Die repräsentiert das Budget. Wenn man ein deutlich späteres Endjahr für Klimaneutralität will, könnte man auch sagen: Wir machen am Anfang ganz viel und lassen die Emissionen dann langsam auslaufen. Das ergibt eine Kurve mit einem Bauch nach unten.

In der Praxis sehen wir aber das Gegenteil. Beim deutschen Kohleausstieg passiert am Anfang ganz wenig und um 2035 sollen dann plötzlich viele Kohlemeiler vom Netz. Das ergibt aber eine Emissionskurve mit einem Bauch nach oben. Damit ist die Fläche unter der Kurve viel größer. Eine lineare Reduktion ist da ein Mittelweg, der außerdem leicht verständlich ist.

Kohlekraftwerke sind nicht die einzige Quelle für Treibhausgase. Welche Emissionen berücksichtigt ihr?

Porträt Christian Mihatsch
Foto: privat

Christian Mihatsch

wurde 1971 geboren, ist Autor bei Klima­reporter° und freier Journalist. Zuvor war der studierte Ökonom schon Unternehmens­berater in Zürich, Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und Leiter einer kleinen Importfirma in Thailand, wo er auch heute noch lebt.

Alle. Das sind als Erstes die Emissionen aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas sowie die aus der Zementproduktion. Zusätzlich berücksichtigen wir die Emissionen aus der Änderung der Bodennutzung, etwa durch Rodungen oder die Urbanisierung. Das macht besonders für Länder wie Brasilien oder Indonesien einen Unterschied, wo es viel Regenwald gibt – und wo viel Regenwald gerodet wird.

Und dann legen wir die Emissionen aus der internationalen Luft- und Schifffahrt auf die Länder um, gemäß ihrem Anteil an der Weltwirtschaft. Große und reiche Länder haben so einen größeren Anteil an diesen Emissionen.

Neuere Studien zeigen, dass der Weltklimarat das globale CO2-Budget bisher überschätzt. Warum stützt ihr euch trotzdem auf seine Berechnung?

Ja, der Weltklimarat bezieht die Emissionen aus Rückkopplungseffekten des Erdsystems wie dem Tauen des Permafrosts nicht mit ein. Er schätzt selbst, dass dadurch 100 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre gelangen. Die müsste man eigentlich von den Budgets abziehen.

Aber der Weltklimarat ist die anerkannte wissenschaftliche Instanz zum Thema. In seinen nächsten Sachstandsbericht werden sicher auch die neuen Ergebnisse einfließen. Dann passen wir unsere Budgets entsprechend an.

Verbindlich sind die nationalen Budgets, die ihr ermittelt habt, ja nicht ...

Aber sie werden relevanter. In Deutschland hat zum Beispiel Greenpeace in einer Klimaklage mit CO2-Budgets argumentiert. Die Klage wurde zwar abgewiesen, aber das Verwaltungsgericht Berlin schrieb in seiner Urteilsbegründung: "Es spricht viel dafür, das weltweit verbleibende CO2-Restbudget zumindest gleichmäßig pro Kopf der Weltbevölkerung aufzuteilen." Das Gericht hat sich dann aber nicht getraut, die Bundesregierung zur Nutzung eines CO2-Budgets zu zwingen.

Wirkungsvoller als einzelne Gerichtsurteile in einzelnen Ländern wäre natürlich eine internationale Einigung, an die sich auch alle halten – aber das haben die Klimaverhandlungen eben bisher nicht hervorgebracht.

Was war die dramatischste Erkenntnis, die du durch #showyourbudgets gewonnen hast?

Erschreckend finde ich – vielleicht wenig überraschend – das Ergebnis für die USA. Um innerhalb des anspruchsvollsten Budgets zu bleiben, müsste das Land Ende dieses Jahres klimaneutral sein. Und selbst bei dem Budget, bei dem die Erwärmung mit Münzwurf-Wahrscheinlichkeit auf 1,8 Grad begrenzt wird, bleiben den USA nur noch zwölf Jahre. Das zeigt, wie dramatisch die Situation mittlerweile ist.

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