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Deutschland geht auf den 1,5-Grad-Overshoot zu

Deutschland droht sein 1,5‑Grad-Klimaziel deutlich zu verfehlen. Das legen Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen nahe. Will Deutschland das Ziel aus dem Paris-Vertrag einigermaßen sicher einhalten, reicht das dafür verfügbare CO2-Budget höchstens noch bis Ende 2027.


Doppelauspuff eines Diesel-Pkw von Nahem.
Im Verkehr wurden seit 1990 kaum CO2-Emissionen eingespart – einer der Gründe für die heutige Situation. (Foto: Andreas Lischka/​Pixabay)

Nicht nur für Klimaschützer ist der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) eine erstklassige Adresse. Bei seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz bezog sich das Bundesverfassungsgericht letztes Jahr ausdrücklich auf die CO2-Budget-Analyse des SRU von 2020.

Das Gericht bescheinigte dem Beratergremium der Bundesregierung ein "nachvollziehbares Zahlenwerk" und "schlüssige Rechenschritte". Deswegen können die heute vom Umweltrat veröffentlichten aktualisierten Berechnungen zum CO2-Budget auf starkes Interesse hoffen.

Gründe für die Aktualisierung sehen die Sachverständigen vor allem in den Erkenntnissen des Weltklimarates IPCC. Dieser habe in seinem neuen Sachstandsbericht die bisherige Erderwärmung präziser bestimmt. Auch habe der Weltklimarat genauer die weitere Entwicklung bewertet, bis netto null Emissionen erreicht sind.

Beim SRU-Budget ist zu beachten, dass es für den Zeitraum ab Anfang 2022 gilt und sich allein auf den Ausstoß von Kohlendioxid bezieht. Andere Treibhausgase wie Methan und Lachgas bleiben unberücksichtigt.

Dies sei zulässig, heißt es im Papier, weil die globale Erwärmung "nahezu linear" mit der Gesamtmenge der seit Beginn der Industrialisierung verursachten CO2-Emissionen wächst. CO2 sei zudem anerkanntermaßen das wichtigste und langlebigste Treibhausgas.

In Deutschland haben die "reinen" CO2-Emissionen einen Anteil von etwa 90 Prozent am gesamten Treibhausgasausstoß.

Der Umweltrat rechnet noch eher freundlich

Weiter nimmt der SRU das Jahr 2016 als das Jahr an, in dem erstmals aus dem globalen ein nationales CO2-Budget abgeleitet werden kann. 2016 trat das Pariser Klimaabkommen in Kraft, begründen die Autor:innen die Wahl des Startjahres.

Von dem 2016 für Deutschland noch vorhandenen Anteil am globalen CO2-Budget werden dann alle folgenden CO2-Emissionen der Bundesrepublik abgezogen. Der jeweilige Anteil bemisst sich für den Umweltrat dabei pro Kopf der Bevölkerung: Jeder Mensch auf der Erde hat dasselbe Recht auf CO2-Emissionen.

Ethisch begründbar wäre nach Ansicht des Umweltrats auch, die historische Verantwortung Deutschlands stärker zu berücksichtigen und zum Beispiel 1990, das Veröffentlichungsjahr des ersten IPCC-Berichts, oder die UN-Konferenz von Rio 1992 als Startpunkt des Budgets zu verwenden.

Rechnet man ab 1990, wäre nach Angaben des SRU das deutsche CO2-Budget für das 1,5‑Grad-Limit bereits aufgebraucht, das Budget fürs Zwei-Grad-Limit voraussichtlich Anfang 2023.

So gesehen gewährt das Startjahr 2016 Deutschland noch eine Art Gnadenfrist und vermutlich letzte Chance.

Damit Deutschland einen, wie der Umweltrat schreibt, "fairen" und "angemessenen" Beitrag zu den internationalen Klimazielen leistet, liegt das hiesige CO2-Budget fürs 1,5‑Grad-Limit bei nur noch zwei Milliarden Tonnen. Und das reicht dann noch bis Ende 2027. 

Voraussetzung ist allerdings, dass die CO2-Emissionen jedes Jahr um 17 Prozent sinken. Die 1,5‑Grad-Grenze wird dabei mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit eingehalten.

Es reicht nur für das schwächere Paris-Ziel

Soll das 1,5‑Grad-Limit mit nur 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit eingehalten werden, hat Deutschland noch ein maximales CO2-Budget von 3,1 Milliarden Tonnen. Das würde bis 2031 reichen, sofern die Emissionen jedes Jahr um knapp elf Prozent zurückgehen.

Um die Erderhitzung schließlich mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit bei 1,75 Grad begrenzen zu wollen, verbleibt aus Sicht des Umweltrats noch ein deutsches CO2-Budget von 6,1 Milliarden Tonnen. Das würde bis 2040 reichen, sofern die Emissionen jährlich um 5,4 Prozent sinken.

Die 1,75 Grad gelten als Übersetzung des schwächeren und eigentlich überholten Ziels aus dem Paris-Abkommen, die Erderwärmung bei "deutlich unter zwei Grad" zu stoppen. Die Werte des SRU fürs 1,75-Grad-Limit bewegen sich sichtlich in der Nähe des geltenden Klimaziels der Bundesregierung, das für 2045 netto null Emissionen vorsieht.

Der Umweltrat bescheinigt denn auch dem aktuellen Bundes-Klimaschutzgesetz, dass seine Reduktionsziele aufs 1,75-Grad-Limit zulaufen. Nach unterschiedlichen Angaben beansprucht Deutschland mit dem Klimagesetz noch ein CO2-Budget von 6,4 bis 7,4 Milliarden Tonnen.

Das sei schon ein erheblicher Fortschritt gegenüber früheren Klimazielen, lobt der Umweltrat – um gleich wieder zu warnen: Zwar sei dies ein deutscher Klimabeitrag zur Begrenzung der Erderwärmung bei unter zwei Grad, die Ziele des Klimagesetzes genügten aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dem offiziell erklärten und im Paris-Vertrag vereinbarten 1,5-Grad-Ziel.

Erst mal das Budget überziehen und dann weitersehen?

Deutschland droht damit eine Situation, die klimapolitisch als Overshoot bezeichnet wird. Gemeint ist damit: Die 1,5‑Grad-Grenze wird zunächst überschritten. Später soll dann durch sogenannte "negative Emissionen" so viel CO2 aus der Atmosphäre wieder entfernt werden, dass der 1,5‑Grad-Pfad doch noch erreicht wird.

"Das noch verbleibende CO2-Budget schmilzt rapide", fasste SRU-Mitglied und Klimaforscher Wolfgang Lucht zusammen und nannte auch den Grund: "Dies ist vor allem eine Folge der zuletzt verschleppten Energiewende in Deutschland."

Von der Bundesregierung erwartet der Wissenschaftler, zügig und mit Nachdruck Maßnahmen für den industriellen und privaten Bereich zu beschließen, die das Land auf einen Pfad bringen, der nachweisbar den Paris-Zielen entspricht. Lucht: "Deutschland muss von allen fossilen Energieträgern unabhängig werden, nicht nur von denen aus Russland."

Der Möglichkeit, einen Overshoot zu riskieren und später durch negative Emissionen auszugleichen, steht der Umweltrat eindeutig skeptisch gegenüber.

CO2-Senken sollten dem Ausgleich nicht vermeidbarer Restemissionen vorbehalten bleiben, schreibt das Gremium. Sie dürften nicht dazu dienen, das CO2-Budget von vornherein zu vergrößern und die CO2-Reduktion zu verlangsamen.

"Weitgehend spekulativ" seien zum heutigen Zeitpunkt Aussagen, ob Technologien zur CO2-Rückholung zu akzeptablen Kosten verfügbar und im notwendigen Ausmaß umweltverträglich sein werden.

Interview mit Wolfgang Lucht: "Wir befinden uns an einem gesellschaftlichen Kipppunkt" 

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