"Greta Thunberg sollte den Nobelpreis bekommen"

Die Zivilisation wird geopfert, damit einige wenige sehr viel Geld verdienen – für Ernst Ulrich von Weizsäcker trifft die Initiatorin der Schülerstreiks mit dieser Analyse ins Schwarze. Weil die Klimakrise jetzt für viele Menschen spürbar wird, gibt es auch die Chance zum Wandel, sagt der Umweltforscher. Teil 1 des Interviews.


Große Masse an demonstrierenden jungen Menschen mit Schildern und Transparenten
Die neue Jugendklimabewegung kam überraschend, es gibt aber Gründe, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker. (Foto: Jörg Farys/​Fridays for Future/​Flickr)

Klimareporter°: Herr von Weizsäcker, Sie werden 80 Jahre alt und sind seit fast 50 Jahren in Umweltforschung und -politik aktiv. Sie wohnen zusammen mit Ehefrau, Tochter, Schwiegersohn und Enkeln in einem Drei-Generationen-Haus. Möchten Sie mit den Jüngeren tauschen – mit Blick auf die Ökologie der Erde?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ehrlich gesagt: Nein. Wir hatten es als junge Menschen in der Aufbauzeit nach dem Krieg noch wahnsinnig gut. Damals lebten wir in einer "leeren Welt" mit nur rund 2,5 Milliarden Menschen, nicht in einer vollen, so wie heute – mit dreimal so vielen.

Die Welt war, gemessen an dem, was wie heute erleben, noch ökologisch stabil. Man hatte beliebig viel Platz, man hatte viel Natur. Umweltverschmutzung, galoppierender Klimawandel, Artensterben – alles kein Thema. Heute beherrscht das alles. Wenn das keine Zweifel an der Zukunft für die nächsten Generationen auslöst, was dann?

Wie wird es im Jahr 2100 auf dem Globus aussehen?

Es kann in 80 Jahren wunderbar auf der Welt sein, wenn die Menschheit umlernt im Sinne der Fridays-for-Future-Schülerstreiks. Tut sie das nicht, wird es die reine Katastrophe. Große Teile der Erde werden unbewohnbar sein. Es kommt also ganz darauf an, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten geschieht – vor allem in der Klimapolitik.

Sollte man Greta Thunberg den Friedensnobelpreis geben?

Ich finde, ja. Sie ist eine Symbolfigur geworden. Was sie an Orten wie dem Weltklimagipfel in Katowice sagte, ist goldrichtig: "Unsere Zivilisation wird dafür geopfert, dass wenige Menschen weiterhin sehr viel Geld verdienen." Ich weiß zwar nicht, ob es ihr guttun würde, auf einen Schlag über eine Million Dollar verfügen zu können. Aber dieses Risiko kann man eingehen.

Praktisch aus dem Nichts ist weltweit eine Öko-Jugendbewegung entstanden. So etwas gab es vorher nicht. Hat Sie das überrascht?

Das hat mich sehr überrascht. Allerdings ist es plausibel, dass die Bewegung von Schweden ausging, und dass es 2018 passiert ist. In diesem Jahr hat Europa erstmals in der neueren Geschichte eine so starke klimaverursachte Schädigung erlebt.

Porträtaufnahme von Ernst Ulrich von Weizsäcker.
Foto: IFP

Zur Person

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Ehren­präsident des Thinktanks Club of Rome, der mit seiner Studie "Die Grenzen des Wachstums" weltweit bekannt wurde. Weizsäcker hat Biologie und Physik studiert und wurde 1972 Biologie­professor in Essen.

 

Von 1975 bis 1980 war er Präsident der Universität Kassel, 1981 wechselte er als Direktor an das UN-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York. 1984 bis 1991 leitete er das Institut für Europäische Umweltpolitik in Bonn. 1991 wurde er Gründungs­präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

 

1998 bis 2005 war er SPD-Bundestags­abgeordneter, danach bis 2008 Dekan an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Co-Präsident des Club of Rome war er 2012 bis 2018. Weizsäcker wird morgen 80 Jahre alt.

Greta Thunberg lebt in Schweden, wo es damals 28 große Waldbrände gab – vorher undenkbar. Das war die Folie, vor der ihr Aufruf zum Klimastreik so erfolgreich wurde. Hätte sie ihre Aktion ein Jahr vorher gestartet, kaum jemand hätte zugehört.

2018 sind in vielen Ländern einschneidende Dinge passiert. Die deutschen Bauern hatten millionenfache Ernteverluste durch die Trockenheit, und plötzlich konnte man auf dem Rhein kein Öl mehr transportieren, sodass in Süddeutschland der Spritpreis stieg.

Auch in Kalifornien, in Japan, in Mittelamerika, teilweise auch in Afrika gab es Riesen-Klimaveränderungen. In diesem Jahr trifft es bisher Australien und Indien. Die junge Generation denkt: Wenn das so weitergeht, bis wir so alt sind wie die Alten, dann sind wir kaputt.

Können die jungen Leute mit ihren Streiks denn eine Trendwende beim Klimaschutz einleiten? Die SUV-Verkäufe steigen weiter, geflogen wird wie eh und je ...

Da gibt es zwei Antworten: Einerseits hat die Klimabewegung durchaus Einfluss auf die Politik. Beispiel: Als Bundesumweltministerin Svenja Schulze von der SPD vor einem halben Jahr eine CO2-Steuerreform forderte, ließ die Union sie voll auflaufen. Jetzt merken CDU und CSU plötzlich: Um Gottes Willen, wir verlieren die Jugend.

Die Union wird mit der SPD in dieser Frage kooperieren müssen. Andererseits wird sich das Konsumverhalten der Menschen so lange nicht oder nicht hinreichend verändern, bis es ein entsprechendes Preissignal gibt. Die Leute reagieren, wenn der Sprit teurer wird. Sie reagieren nicht auf Ermahnungen.

Die AfD sagt es offen, andere hinter vorgehaltener Hand: Der "Klimahype" ist bald wieder vorüber. Dann geht alles so weiter wie bisher ...

Denkbar, dass es so läuft. Aber es wäre ein sehr schlechtes Zeichen für unsere politische Kultur. Die wissenschaftlichen Fakten sprechen zu 100 Prozent gegen die Klimaleugner.

Was passiert konkret, wenn es schlecht läuft?

Es können Kippelemente im Klimasystem angestoßen werden, die nur als katastrophal zu bezeichnen wären. Das Auftauen der Permafrostböden in Sibirien, das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes, das Abschmelzen des Grönland-Eispanzers. Es geht hin bis zu der Möglichkeit, dass in den Polargebieten auf einen Schlag gigantische Eismassen abbrechen.

So etwas ist erdhistorisch schon einmal passiert, vor etwa 7.700 Jahren. Damals lag über Labrador und der Hudson-Bay eine Eisfläche so groß wie der Grönland-Eisschild, binnen kurzer Zeit brach sie ab. Das war möglicherweise das Ereignis, das wir aus der Bibel als die Sintflut kennen. Der Meeresspiegel stieg damals um sieben Meter an.

Man stelle sich vor, was dann heute mit den vielen Mega-Küstenstädten auf der ganzen Welt passieren würde – dann haben wir nicht eine Million Flüchtlinge, sondern eine Milliarde. Ich möchte mal sehen, wie unsere Gesellschaft damit umgeht.

Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit dafür?

Zum Glück gering. Aber das Szenario zeigt, wie stark der Mensch in die Ökologie des Planeten Erde eingreift. Wenn wir Klimaschutz so betreiben, wie es das 1,5-Grad-Erwärmungslimit erfordert, können wir die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, fast auf null bringen.

In Ihrem ersten Öko-Bestseller "Erdpolitik" von 1989 haben Sie geschrieben: Das 21. Jahrhundert wird das "Jahrhundert der Umwelt". Jetzt haben wir fast 20 Jahre darin verbracht ...

Es ist ein Jahrhundert der Umwelt geworden, aber nur in den reichen Industriestaaten – in Europa, USA, Kanada, Japan, und nur in Bezug auf die klassischen Umweltprobleme. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, die Flüsse sind sauber, das durch Schwefel- und Stickstoff-Frachten ausgelöste Waldsterben ist im Wesentlichen überwunden. Auch die Luft in den Städten ist viel besser geworden. Wenn es heute um die Feinstaub-Werte in der Luft geht, sagt kaum jemand dazu, dass die Belastung vor 50 Jahren überall viel größer war als heute selbst in der Innenstadt von Stuttgart.

Was die großen Megatrends angeht – Klima, Ressourcenverbrauch, Artenschwund – sind wir aber schändlicherweise noch im Jahrhundert der Ökonomie.

Was hat denn dazu geführt, dass dieses Jahrhundert der Ökonomie eine Verlängerung bekam – mit Donald Trump als Ikone?

Das ist auch eine Folge des Zusammenbruchs des Kommunismus 1990. Davor waren die Wirtschaft und die Aktienmärkte im Westen ja fast handzahm gegenüber den Regierungen. Der Grund: Man brauchte die Regierungen als Bollwerk gegen den Kommunismus im Osten.

Aber der war plötzlich weg, und die Finanzmärkte wurden arrogant gegenüber der Politik. Was vor 1990 undenkbar war, wurde plötzlich salonfähig: Finanzgaunerei vom Schlimmsten. Das hat das Jahrhundert der Ökonomie um mindestens 30 Jahre verlängert und Phänomene wie Trump vorbereitet.

Inzwischen sind wir aber an einem Wendepunkt angelangt. Die Erkenntnisse über die Klimaveränderungen sind so eindeutig, dass die Bereitschaft deutlich gestiegen ist, das Problem anzugehen. Das heißt: Das reale Jahrhundert der Umwelt kann nun beginnen.

Tatsächlich spitzt sich die Lage aber doch rasant zu, alle Umwelt-Parameter entwickeln sich negativ, CO2-Ausstoß, Ressourcenverbrauch, Artenschwund, Bodenerosion, Überdüngung der Ozeane. Haben Sie tatsächlich die Hoffnung, dass die Menschheit noch schnell genug umsteuern kann?

Ich bin Optimist. Die meisten dieser Themen waren vor 50 Jahren noch gar nicht auf der Tagesordnung. Das heute beherrschende Thema Klima zum Beispiel kommt im ersten Club-of-Rome-Bericht "Die Grenzen des Wachstums" nicht vor, dort ging es um die Ressourcenvergeudung. Die klassischen Umweltprobleme wie Luft- oder Gewässerverschmutzung konnte man binnen zehn bis 30 Jahren lösen.

Die jetzt akuten Probleme aber sind so groß, dass sie 50 bis 100 Jahre erfordern. Oder sogar noch viel länger. Um das Klima zurück in die goldenen Zeiten des Holozäns zu bringen, in dem der Homo sapiens sich entwickelt hat, braucht es 1.000 Jahre oder mehr. Und um die Artenvielfalt, sagen wir, von 1950 wiederherzustellen, braucht es noch viel länger. Das ist eine ganz andere Größenordnung.

Und wo kommt da die Hoffnung her?

Siehe Greta Thunberg. Sobald die Menschen es an der eigenen Haut spüren, sind sie bereit, etwas zu tun. Solange es sich nur um Prognosen irgendwelcher Wissenschaftler handelt, kommt es in der Politik nicht an. Das ist nun anders.

"Wir sind dran" haben Sie 2018 das Buch zum 50-jährigen Bestehen des Club of Rome betitelt, dessen Co-Präsident Sie damals waren ...

Der Titel ist schillernd. Erstens heißt es: Wir sind an der Reihe. Zweitens: Wenn wir es blöd anstellen, dann sind wir dran. Dazu braucht es nichts weniger als eine "neue Aufklärung".

Was bedeutet das konkret?

Eine Beispiel: Im Jahr 2015 wurde der Weltklimavertrag von Paris geschlossen. Die Klimadiplomaten kamen in ihre Hauptstadt zurück, und wie reagierten dort die Politiker? Sie sagten: Okay, wir müssen mehr fürs Klima tun, aber das kostet wahnsinnig viel Geld, und um das zu finanzieren, brauchen wir viel mehr Wachstum.

Ob in Deutschland, ob in den USA, ob auf den Philippinen, ob in Ghana, wo immer man hinkommt, überall heißt die Antwort "Wachstum", wenn ein Problem gelöst werden soll. Das heißt: Man schlägt systematisch Therapien vor, die die Krankheit schlimmer machen – bei heutigen Bedingungen nämlich durch höhere CO2-Emissionen. Wenn das nicht nach einer neuen Aufklärung schreit, dann wüsste ich nicht, was.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews: "So kommt die SPD wieder auf 25 Prozent"

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