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UN-Artenbericht: "Das Leben auf der Erde verfällt"

Eine globale Bestandsaufnahme über den Zustand der Biosphäre liefert ein erschreckendes Bild: In rasanter Geschwindigkeit arbeitet der Mensch an der Dezimierung der Arten auf der Welt. Der Klimawandel spielt zwar noch nicht die Hauptrolle, hat aber schon heute das Leben von Tieren und Pflanzen gehörig durcheinandergewirbelt.


Hawksbill Turtles floats underwater
99 Prozent aller Korallenriffe könnten verschwinden, wenn sich die Welt um zwei Grad erwärmt, warnen Forscher. Damit würden auch andere Tiere wie Fische und Schildkröten wie hier im Indischen Ozean verschwinden, die von ihnen abhängen. (Foto: Andrej Armjagow/​Shutterstock)

Um drei Uhr am frühen Samstagmorgen stand der Report über den Zustand der Biosphäre – eine gigantische Bestandsaufnahme über das Leben auf der Welt. 45 Stunden hatten Politiker und Wissenschaftler in Paris um den finalen Textinhalt gerungen, an dem in drei Jahren knapp 500 Forscher aus 51 Ländern gearbeitet hatten. Kein Wunder, birgt der Bericht doch gehörigen Sprengstoff.

"Das Leben auf der Erde verfällt schnell auf der ganzen Welt", erklärte Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, einer der Leitautoren des Berichts, während der Vorstellung am Montagnachmittag in Paris. "So viele Arten sind auf der Welt bedroht wie noch nie in der Menschheitsgeschichte."

"Wir gehen weltweit davon aus, dass sich die Artendichte an Land durch direkten menschlichen Einfluss bereits um mindestens 20 Prozent verringert hat, was ein Indiz für Lebensraumverlust ist", so die Klimaforscherin Almut Arneth vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), eine koordinierende Leitautorin des Berichts.

Eine tragende Rolle beim Artensterben spielt laut dem Bericht schon heute der Klimawandel, aber noch nicht die zentrale. Hinter den Hauptursachen Landnutzungsänderungen und der direkten Verwertung von Organismen – also etwa der Ausbeutung von Fischbeständen oder der Abholzung der Regenwälder – rangiert der Klimawandel auf Platz drei.

"Artenverlust und Klimawandel zusammen betrachten"

"Der Klimawandel ist heute noch nicht der Haupttreiber des Biodiversitätsverlusts in vielen Teilen der Welt", sagte Robert Watson, bis gestern Chef des Weltbiodiversitätsrats IPBES. "Aber die Prognosen sagen, dass er genauso wichtig oder noch wichtiger wird als die anderen Treiber des Wandels."

Deshalb sei es "entscheidend", Artenschwund und Klimawandel zusammen zu denken und "unsere Art Energie zu erzeugen" komplett zu verändern.

"Der Klimawandel wirkt sich bereits auf die Natur aus, von den Genen bis zu Ökosystemen", heißt es in dem Bericht, der 15.000 der wichtigsten wissenschaftlichen Studien zur Biodiversität bewertet und zusammenfasst. "Er stellt ein wachsendes Risiko dar angesichts der Beschleunigung des Wandels und des Zusammenwirkens mit anderen Ursachen."

Die Bandbreite der Klimafolgen umfasst Veränderungen der Artenverteilung auf der Welt, der Phänologie, also der jahreszeitlichen Entwicklungen, sowie der Zusammensetzung der Arten. All das beeinflusse die Struktur und die Funktionsweise vieler Ökosysteme. Schon heute wirke sich der Klimawandel auf knapp die Hälfte aller gefährdeten Säugetierarten an Land negativ aus, zumindest in einem Teil ihres Verbreitungsgebiets. Bei Vogelarten sei es fast ein Viertel.

"Starke Rückgänge und lokales Aussterben von Populationen sind weit verbreitet", heißt es in dem Bericht. "Das deutet darauf hin, dass viele Arten nicht in der Lage sind, das schnelle Tempo des Klimawandels zu bewältigen, sei es durch Evolutions- oder Verhaltensprozesse."

So dürfte ihr Fortbestand auch davon abhängen, inwieweit sie sich fortbewegen können, um ihren geeigneten Klimabedingungen zu folgen. So oder so wird der Anteil des Klimawandels am Artensterben wohl immer mehr zunehmen. "Selbst bei einer Erwärmung von 1,5 oder zwei Grad dürfte die Mehrheit der landbevölkernden Arten stark schrumpfen", so der Bericht. Bei zwei Grad seien fünf Prozent aller Arten vom Aussterben bedroht, bei 4,3 Grad sogar 16 Prozent.

Korallenriffe könnten fast ganz verschwinden

Wahrscheinlich nirgendwo lässt sich der Niedergang der Arten aufgrund des Klimawandels deutlicher ablesen als bei den Korallen. Laut dem Bericht hat sich die Korallenbedeckung in den Riffen seit den 1870er Jahren in etwa halbiert. Die größten Verluste habe es in den letzten Jahrzehnten gegeben, bei denen der Klimawandel andere Ursachen noch verstärkt habe – vor allem durch Hitzewellen.

Und je nach Temperaturentwicklung könnten Korallenriffe schon bald ganz verschwinden: Würde es gelingen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnten zumindest noch zehn bis 30 Prozent gegenüber der vormaligen Bedeckung gerettet werden. Bei zwei Grad Erwärmung allerdings weniger als ein Prozent.

"Szenarien zeigen deshalb auch, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad eine entscheidende Rolle spielt, um nachteilige Einflüsse auf die Natur und den daran beteiligten Menschen zu vermeiden."

So wichtig die Autoren auch den Klimaschutz bewerten, so nachdrücklich fordern sie, negative Begleiterscheinungen dabei zu vermeiden. "Der großflächige Einsatz von Bioenergieplantagen und die Aufforstung auf nicht bewaldeten Ökosystemen können negative Nebenwirkungen für die Biodiversität und die Ökosystemfunktionen mit sich bringen", so der Bericht. Dazu zähle auch die Zerstörung von Feuchtgebieten.

Stattdessen fordern die Autoren, erst einmal die Entwaldung zu stoppen und alte Ökosysteme wiederherzustellen, was sowohl der Biodiversität als auch dem Klimaschutz nutzt.

Die beste Strategie ist oft, nicht einzugreifen

Damit sich aber die Arten auf den Klimawandel einstellen können, soweit er nicht verhindert werden kann, sollen sie in die Lage versetzt werden, reagieren zu können. "In vielen Fällen könnte die beste Strategie darin bestehen, einfach die Fähigkeit der natürlichen Populationen aufrechtzuerhalten, evolutionär selbst zu reagieren – und nicht in der direkten menschlichen Manipulation der Evolution."

Derzeit vergrößert die Mehrzahl der Arten ihre Reichweite auf dem Planeten und viele profitieren noch von der Erwärmung – in Zukunft aber dürfte die Anzahl der Arten größer sein, deren Reichweite eingeschränkt werde und die Nachteile durch den Klimawandel erfahren würden. Der Naturschutz sei momentan noch völlig unvorbereitet auf die Herausforderungen des Klimawandels. Die Organisation der wenigsten Schutzgebiete beziehe heute schon den Klimawandel ein.

Am Schluss der Pressekonferenz der Wissenschaftler hatte Watson noch eine drängende Botschaft. Er hob seine grüne Krawatte hoch und zeigte auf das abgebildete Tier. "Wenn wir heute nicht handeln, wird es vielen der Millionen bedrohten Arten genauso gehen wie diesem Dodo auf der Krawatte. Sie werden aussterben."

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