Leere Schiffe, tote Fische

Die extreme Trockenheit macht nicht nur der Schifffahrt und den Kohle- und Atomkraftwerken zu schaffen, die ihr Kühlwasser aus den Flüssen holen und es erwärmt wieder einleiten. Sie setzt zudem die Ökosysteme aller Gewässer unter Stress. Das birgt auch für den Menschen Risiken.


Hier ist ein toter Fisch im Wasser zu sehen
Je wärmer es wird, umso weniger Sauerstoff kann das Wasser aufnehmen. Ab 28 Grad wird es kritisch für Wassertiere. (Foto: Jolene Faber/​Flickr)

Mindestens zwanzig Zentimeter Wasser müssen unter dem Kiel sein. Sonst kann sich die Schiffsschraube im Schlamm festsetzen, oder es droht sogar Grundberührung. Das ist die Regel, die Deutschlands Binnenschiffer einhalten müssen. Und das macht zunehmend Probleme – die Flüsse haben wegen des trockenen Frühjahrs und Sommers "Kleinwasser", wie die Schiffer sagen.

An der Mittel- und Oberelbe sind die Pegel bereits so stark zurückgegangen, dass gar keine Transportschiffe mehr fahren können. Am Rhein sowie seinen Nebenflüssen wie Main, Mosel und Neckar ist die Lage noch nicht ganz so dramatisch – der Fluss wird auch im Sommer unter anderem aus den Alpengletschern gespeist.

Doch auch hier gibt es Einschränkungen. Die Rheinschiffer beladen ihre Pötte teilweise nur noch zu einem Viertel, um sicher durchzukommen. "Die Schiffe können aktuell nur noch in der Fahrrinne mitten im Rhein fahren", sagt Jan Böhme vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Duisburg-Rhein.

Folgen hat das für die Schwergüter, die gerade auf Deutschlands größtem Fluss normalerweise mit den Binnenschiffen transportiert werden – Importkohle für Kraftwerke, Baustoffe wie Kies und Sand, Erz für die Stahlöfen. Die Transportunternehmen weichen derzeit, soweit Kapazitäten da sind, auf die Bahn aus.

Bei der Binnenschiffer-Genossenschaft DTG gibt man sich durchhaltewillig: "Wir fahren bis zur nautischen und technischen Unmöglichkeit", heißt es. Bisher habe es noch keine Engpässe bei den Kunden gegeben.

Das aber könnte noch kommen. Vom historischen Niedrigwasser im Rhein, gemessen am 30. September 2003, am Ende des "Jahrhundertsommers", ist man zwar noch rund einen halben Meter entfernt. Damals war der mächtige Fluss auf ein klägliches Rinnsal geschrumpft, der Pegel betrug nur noch 40 Zentimeter.

Doch die Wasserstände sollen nach den Prognosen weiter fallen, und langanhaltende Regenfälle, die die Lage entspannen könnten, sind zurzeit nicht in Sicht.

Das "Kleinwasser" ist freilich nicht nur ein ökonomischer Faktor. Die extreme Trockenheit macht nicht nur der Schifffahrt und den Kohle- und Atomkraftwerken zu schaffen, die ihr Kühlwasser aus den Flüssen holen und es erwärmt wieder einleiten.

Fischsterben in Bächen und kleineren Seen

Sie setzt auch die Ökosysteme aller Gewässer – vom Bach über den See bis zum Fluss – unter Stress. Die Wassertemperaturen steigen, der Sauerstoffgehalt sinkt, teilweise trocknen Gewässer sogar aus. All das kann dramatische Folgen vor allem für die Tierwelt haben.

Praktisch in allen Bundesländern befürchten Umweltexperten und Naturschützer, dass es zumindest in Bächen und kleineren Seen zum Fischsterben kommen kann. In Schleswig-Holstein, berichtete das dortige Umweltministerium, seien Fischsterben in Binnengewässern bereits vereinzelt aufgetreten. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es entsprechende offizielle Warnungen.

Laut dem NRW-Fischereiverband hat das Fischsterben in "Stillgewässern und kleineren Fließgewässern" begonnen. "Je wärmer es wird, umso weniger Sauerstoff kann das Wasser aufnehmen", erläutert Fischereibiologe Olaf Niepagenkämper.

Ideal seien Werte ab sechs Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser. Sinken sie unter zwei Milligramm, dann werde es kritisch, und solche Werte würden inzwischen teilweise schon erreicht.

Das erste größere Fischsterben gab es jetzt in Hamburg. Die Umweltbehörde schöpfte allein am Dienstag eine Tonne toter Fische aus der Fuhlsbütteler Schleuse ab. Zuvor waren es an drei Stellen fünf Tonnen gewesen.

Wie gravierend die Situation auch in den großen Flüssen werden kann, ist umstritten. Die dramatischste Warnung kam vom Schweizerischen Fischereiverband, der im Rhein ein tausendfaches Fischsterben erwartet. Er rechne mit einer "Tragödie", sagte Verbandsgeschäftsführer Philipp Sicher.

Andere Experten wie Christian Wolter von Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin halten die Lage für weniger gefährlich. Viele Fische könnten auch noch höhere Wassertemperaturen aushalten, als sie jetzt gemessen werden.

Dass Hitze und Wassermangel große Fisch- und Muschelsterben auslösen können, ist jedoch unbestritten. Beim Jahrhundertsommer 2003 war das der Fall. Vor allem Äschen, Aale und Körbchenmuscheln wurden in großem Umfang dahingerafft. Damals wurden Wassertemperaturen von bis zu 30 Grad erreicht.

Als Schwelle, ab der der Sauerstoffgehalt bedenklich sinkt, gilt eine Wassertemperatur von 28 Grad. Im Rhein zum Beispiel ist man bereits nahe an dieser Grenze. Inzwischen würden Werte zwischen 27 und 28 Grad erreicht, meldete jetzt der Umweltverband BUND. Punktuell werde die 28-Grad-Grenze bereits überschritten.

BASF und Co sollen Kühlwassereinleitung beenden

Daher müssten die Behörden den Druck auf Industriebetriebe wie BASF in Ludwigshafen erhöhen, damit diese die Einleitung erwärmten Kühlwassers beenden, was auch ohne Produktionsstopp möglich sei. Die meisten Kühlkreisläufe seien darauf ausgelegt, die Unternehmen scheuten aber den dadurch ansteigenden Stromverbrauch.

Vor den langfristigen ökologischen Folgen der infolge des Klimawandels häufiger werdenden Trockenheitsperioden warnt Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Magdeburg. "Empfindliche Arten können verschwinden und die Artenvielfalt in den Gewässern droht zurückzugehen", sagte er.

Es dauere oft viele Jahre, bis sich die Populationen betroffener Spezies wieder erholt haben. "Wenn aber 'Jahrhundert-Trockenheiten' dreimal in 15 Jahren auftreten, klappt die Regeneration nicht mehr".

Borchardt nennt das Beispiel Elbe. Hier hat es 2003 und 2015 solche Extremlagen gegeben – und nun erneut 2018. Im Rhein wiederum hätten sich die Bestände einzelner Tierarten sogar bis heute vom Sommer 2003 nicht erholt – also in 15 Jahren.

Wie wichtig eine intakte Wasserwelt ist, wüssten die meisten nicht, sagt Borchardt. Sie sorge unter anderem dafür, dass die Selbstreinigung der Gewässer funktioniert und vom Menschen eingeleiteten Nähr- und Schadstoffe und die sich daraus bildenden Algenblüten abgebaut werden. "Wenn wir Menschen zulassen, dass diese Funktion nicht mehr erfüllt wird", meint der Biologe, "dann schlägt das irgendwann auf uns selbst zurück."

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