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Die Re-Naturierung des Planeten

Der größte Irrtum des Klimaschutzes ist die Annahme, das Problem ließe sich allein mit technischen Mitteln lösen, ohne Lebensstil-Änderung und ohne Respekt vor der Natur. Klimapolitik auf allen Ebenen sollte naturbasierte Lösungen stärker in den Fokus nehmen. Teil 1 des Gastbeitrages.


Afrika Benin
Baumschule in Benin: Laut einer Studie ließe sich die globale Waldfläche um ein Viertel vergrößern. (Foto: Susanne Götze)

Zum Schutz des Klimas gibt es nicht nur die technische Option, die "De-Karbonisierung" von Wirtschaft und Gesellschaft – es gibt auch die natürliche Option, die vielseitige "Re-Naturierung" des Planeten.

Doch in Theorie und Praxis der Klimapolitik dominieren weit überwiegend technikbasierte Strategien, besonders in Form des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien. Dabei müsste es auch und vor allem darum gehen, drastisch Energie einzusparen und die Energieeffizienz zu erhöhen.

Bei den bisher diskutierten naturbasierten Strategien erfreut sich die Wald-Option – wie Waldumbau, Aufforstung, Wiederaufforstung – einer gewissen Aufmerksamkeit. Andere große CO2-Speicherpotenziale wie Meere, Moore, Ökolandbau, Agroforst oder Stadtnatur werden bisher arg vernachlässigt.

Dieses strategische Politik-Dilemma, eine Art von Denkblockade, hat eine lange Vorgeschichte. Die besonders von Fridays for Future in jüngster Zeit eingeforderte Suche nach einer grundlegenden Neuausrichtung der Klimapolitik bekräftigt diese Denkblockade.

Dass diese Blockade weiter existiert, zeigen viele neuere politische Entscheidungen. Hierzu nur vier Beispiele.

  • Obwohl der Klimawandel ein globales Problem ist, rief die deutsche Regierung im März 2019 ein "Klimakabinett" ins Leben, dem aber der Außenminister und der Entwicklungsminister nicht angehörten.
  • Im Juli 2019 nahm das Bundesumweltministerium drei umfängliche Gutachten zur Reform der Klimapolitik entgegen – die natürliche Option wurde darin nicht explizit behandelt.
  • Im Oktober 2021 wurde ein zwölfseitiges Sondierungspapier der drei Parteien, die nunmehr die aktuelle Bundesregierung tragen, vorgestellt, das auch einen Abschnitt zur Klimapolitik enthielt, in dem aber der Begriff Renaturierung oder ein Bezug zur Natur nicht auftauchte.
  • Vor einigen Tagen erdreistete sich die EU-Kommission, Atomenergie und Erdgasnutzung im Rahmen ihrer sogenannten Taxonomie für umweltverträglich und nachhaltig zu erklären, statt deren europaweite Beendigung zu propagieren.

Eindimensionaler Klimaschutz

Alles dies sind Beispiele einer planetar bedrohlichen Naturvergessenheit in Wissenschaft und Politik, wie sie schon vor mehr als 30 Jahren Günter Altner in seinem Bioethik-Werk "Naturvergessenheit" beschrieb.

Ein Grund für die partielle Blindheit von Theorie und Praxis besteht darin, dass der bisherige Klimadiskurs primär auf CO2-Minderung fokussiert ist. Die ist zwar äußerst wichtig – in Zukunft muss es ja um netto null CO2-Emissionen gehen – doch in dieser Sicht bleibt das große Potenzial der "CO2-Absorptionserhöhung" durch die Natur unerkannt und ungenutzt.

Als "naturbasierte Lösungen" können alle Aktionen gelten, die natürliche wie auch modifizierte Ökosysteme schützen, wiederherstellen und besser managen können. Wie weit das Politikfeld reicht, ist jedoch nicht eindeutig definiert.

In der internationalen Fachliteratur werden den nature-based solutions sechs Aktionsfelder zugeordnet: Wälder, Ackerland, Grünland, terrestrische und küstennahe Feuchtgebiete sowie Siedlungen.

Im deutschsprachigen Raum diskutiert man bisher die Aktionsfelder Wälder, Meere, Steppen, Park- und Weideflächen, Moore und andere Feuchtgebiete sowie die Stadtnatur.

Diese Naturelemente können große Mengen an CO2 und anderen Treibhausgasen absorbieren und durch Photosynthese in Sauerstoff und gebundenen Kohlenstoff umwandeln. Neben der technikbasierten CO2-Emissionsminderung muss es bei einer grundlegenden Neuausrichtung der praktischen Klimapolitik auch um die naturbasierte CO2-Absorptionserhöhung gehen.

Kohle, Öl, Stahl und Zement durch Holz ersetzen

Was die Wälder angeht, muss es sowohl um die quantitative Erhaltung vorhandener Wälder als auch um qualitativen Waldumbau gehen. Darüber hinaus ist aber auch eine große quantitative Waldmehrung – Aufforstung und Wiederaufforstung – erforderlich.

Porträtaufnahme von Udo Simonis.
Foto: privat

Udo Ernst Simonis

ist Professor emeritus für Umwelt­politik am Wissen­schafts­zentrum Berlin (WZB). Der Volk­swirt war Mitglied des Wissen­schaft­lichen Beirats der Bundes­regierung für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Von 1991 bis 2016 war er Chef­redakteur und Mit­heraus­geber des Jahr­buchs Ökologie.

Das ist grundsätzlich möglich, hat das Crowther Lab der ETH Zürich mit einer globalen Computersimulation gezeigt. Der weltweite Waldbestand könnte ohne größere Flächenkonflikte mit Ernährung oder Siedlungen um 900 Millionen Hektar auf insgesamt 4,4 Milliarden Hektar aufgestockt werden. Das hieße, den Planeten mit mehr als 500 Milliarden Bäumen zu renaturieren.

Bei dem Vorschlag handelt es sich im Grunde um eine Wiederentdeckung und zugleich Neudefinition der Wald-Option der Klimapolitik. Bereits 1999, also vor gut 20 Jahren, hatten 80 deutschsprachige Professoren, Wissenschaftler und Praktiker ein Manifest zur "Wald- und Holzoption" veröffentlicht, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu reduzieren. Das sollte Wirtschaft und Gesellschaft Zeit verschaffen, um emissionsfreie Produktion und emissionsarme Lebensweisen zu etablieren.

Das Manifest zielte auf mehrere Komponenten: auf Kohlenstoffbindung durch besseren Waldschutz und neu zu schaffenden Wald sowie auf CO2-Minderung, indem sowohl fossile Energieträger als auch energieaufwändig produzierte Materialien wie Zement und Stahl durch Holz ersetzt werden.

Doppelstrategie gut begründen 

Wie lässt sich die künftig erforderliche Doppelstrategie – Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und Renaturierung des Planeten – gut begründen? Drei Argumente dürften hierfür besonders wichtig sein.

Machbarkeit und Realisierungschancen: Mit technischen Maßnahmen allein lässt sich das Ziel des Paris-Abkommens – das Einbiegen auf den 1,5-Grad-Pfad – nicht erreichen, zumal die vollständige Dekarbonisierung einiger Sektoren wie Zement, Stahl oder Düngemittel äußerst schwierig bis unmöglich ist.

Außerdem müssen die laufenden CO2-Emissionen und die zu hohe CO2-Konzentration in der Atmosphäre gleichzeitig reduziert werden. Dies gilt vor allem, weil es in Zukunft gar nicht mehr nur um "Klimaneutralität", sondern um eine klimapositive, eine emissionsnegative und eine grundsätzlich regenerative Welt gehen muss. Denn auch eine Erderwärmung um 1,5 Grad verursacht schon sehr hohe Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft.

Gerechtigkeit und internationale Kooperation: Der Großteil der historischen und der laufenden CO2-Emissionen stammt aus den Industrieländern. Diese haben deshalb die größten Minderungs- und Absorptionspflichten. Der Großteil der zu erhaltenden und zu mehrenden CO2-Speicher befindet sich dagegen in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Deshalb verspricht nur aktive internationale Kooperation ausreichende Beiträge zum Klimaschutz.

Multiple Effekte und intersektorale Synergien: Die Dekarbonisierung zielt vor allem auf eine Steigerung der betriebswirtschaftlichen Effizienz, führt aber nur bei einem "Ressourcenwechsel" auf erneuerbare Energien zu wichtigen multiplen Effekten, etwa auf dem Arbeitsmarkt, in der regionalen Ökonomie oder bei der Armutsreduzierung.

Die Renaturierung dagegen hat in jedem Fall multiple Effekte und führt zu vielfältigen intersektoralen Synergien. Beispiele sind Wasserschutz, Ernährungssicherung, Erhöhung der Holzquote im Bauwesen oder Arbeitsplätze im ländlichen Raum.

Es folgt Teil 2: Klimapolitik mit Konstruktionsfehler

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