Aus für die "Holzfabrik"

Kritische Forstexperten fordern eine andere Form des Waldbaus. Dass es den Forsten hierzulande so schlecht gehe, sei hausgemacht und nicht nur eine Folge des Klimawandels. Damit sich Wälder besser an den Klimawandel anpassen und auf Umweltveränderungen reagieren können, brauche es mehr naturnahe Wälder.


Ein Forstmitarbeiter fällt einen Baum mit einer Kettensäge
Bäume fällen, Bäume pflanzen, Bäume fällen – zeitgemäße Waldbewirtschaftung sieht anders aus. (Foto: Hagenstaadt/​Pixabay)

Der Borkenkäfer rafft die Fichten dahin, Buchen und Kiefern vertrocknen, die Rußrindenkrankheit macht dem Ahorn den Garaus. Es ist unübersehbar. Der Wald ist in einer schweren Krise. Die Waldbesitzer sprechen von einer "Jahrhundertkatastrophe", und der Bund der Forstleute hat den "Klima-Notstand" ausgerufen.

Angesichts dieser dramatischen Lage fordert eine Gruppe von Waldexperten, Forstpraktikern, Waldbesitzern und Verbändevertretern in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Abkehr von der konventionellen Forstwirtschaft: Der Wald dürfe nicht mehr als "Holzfabrik" betrachtet werden.

Klöckner hat den Ernst der Situation in den hiesigen Forsten durchaus erkannt. Sie hat für den 25. September zu einem nationalen "Waldgipfel" eingeladen, auf dem Waldeigentümer, Forst- und Umweltexperten Strategien zur Stabilisierung der Wälder beraten sollen. "Wir müssen jetzt tätig werden, denn der Wald ist unser Klimaschützer Nummer eins, unsere grüne Lunge", sagte sie in einem Interview.

Die Beseitigung der jüngsten Sturm- und Waldbrandschäden werde eine halbe Milliarde Euro kosten, und zur verstärkten Anpassung an den Klimawandel sei in den nächsten zusätzlich mehr als eine Milliarde nötig. Einen Teil des Geldes will Klöckner beim Klimakabinett am 20. September locker machen.

Bei dem Treffen soll die Strategie der Bundesregierung mit Blick auf das deutsche CO2-Reduktionsziel 2030 beschlossen werden, das minus 55 Prozent gegenüber 1990 beträgt. Erreicht sind erst rund 32 Prozent. Die Wälder spielen hierbei eine wichtige Rolle, da ihre CO2-Speicherfähigkeit in die Bilanz eingeht.

Der Waldgipfel soll ein "Ergebnis- und Tatengipfel" werden, kündigte Klöckner vollmundig an. Die dort vereinbarten Maßnahmen sollen dann von den zuständigen Behörden in den Bundesländern umgesetzt werden. Darüber allerdings, was die richtigen Maßnahmen zur Anpassung des Waldes an das sich verändernde Klima sind, gibt es durchaus kontroverse Ansichten.

Natürliche Verjüngung statt schnelle Aufforstung

Die Expertengruppe, die sich nun zu Wort meldet, fordert jedenfalls die staatliche Forstwirtschaft auf, "anstelle teurem Aktionismus endlich eine sachkundige Fehleranalyse des eigenen Wirkens vorzunehmen", wie es in dem Brief an Klöckner heißt. Sie hält eine "konsequente Abkehr von der Plantagen-Wirtschaft" in den Wäldern für nötig sowie "eine Hinwendung zu einem Management, das den Wald als Ökosystem und nicht mehr länger als Holzfabrik behandelt".

Die Gruppe argumentiert: Die aktuelle Waldkrise sei nicht allein eine Folge des Klimawandels. "So zu tun, als hätten die letzten zwei Dürrejahre die Katastrophe allein verursacht, ist zu billig." Auch die Art der Waldbewirtschaftung trage eine erhebliche Mitverantwortung. Sie habe nämlich Wälder erzeugt, die mit den sich inzwischen häufenden Trockenheitsjahren – zuletzt 2015, 2018 und zumindest bisher 2019 – nicht mehr zurechtkämen.

"Es gibt zu viele struktur- und artenarme Wälder, die durch zu viele Wege zerschnitten wurden. Waldböden werden zu intensiv befahren, und vielerorts ist das Wald-Innenklima durch Auflichtung und zu starke Holzentnahme geschädigt", kritisiert einer der Experten aus der Gruppe, der Waldökologe Pierre Ibisch.

Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören neben Wissenschaftlern Forstexperten mit jahrzehntelanger Erfahrung, Chefs von Umweltverbänden wie Greenpeace, Nabu, Naturfreunde, Deutsche Umweltstiftung und dem Dachverband DNR, Vertreter von Bürgerinitiativen und namhafte Autoren wie Franz Alt oder Peter Wohlleben.

Forst unter Druck

Im deutschen Wald sind aufgrund von Stürmen, Trockenheit und Schädlingsbefall laut Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald rund 120.000 Hektar abgestorben, gut ein Prozent der Gesamtfläche von 11,4 Millionen Hektar, und die Schäden wachsen weiter.

 

Betroffen sind alle wichtigen Baumarten: Fichte, Kiefer, Buche, Eiche. Laut den Waldzustands­berichten nehmen auch die Kronenschäden zu, bei Buchen und Eichen liegen sie bei 40 Prozent. Im Durchschnitt aller Arten hat jeder dritte Baum Probleme.

 

Die Trockenheit 2018 und bisher auch in diesem Jahr macht die Bäume anfällig für Schädlinge und Pilze. Die Fichte, der bisherige "Brotbaum" der Forstwirtschaft, ist durch den Borkenkäfer besonders in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen betroffen.

 

Wegen der Dürre produzieren die Bäume weniger Harz, mit dem sie die Käfer normalerweise abwehren. Doch auch andere Schädlinge wie der Schwammspinner und der Eichenprozessions­spinner, die Laubbäume kahlfressen, breiten sich in einigen Regionen stark aus.

 

Ob inzwischen die kühlere und feuchtere Witterung dem Wald nachhaltige Entspannung bringt, ist noch offen. Bisher ist das 2018 und 2019 aufgelaufene Niederschlagsdefizit von im Schnitt mehr als 200 Liter Regen pro Quadratmeter bei Weitem noch nicht wieder aufgefüllt. (jw)

Die Gruppe lehnt die Strategie zur Anpassung an den Klimawandel ab, wie fünf Forstminister aus unionsgeführten Bundesländern sie Anfang August in ihrer "Moritzburger Erklärung" formuliert haben.

Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen fordern in diesem "Masterplan", der Bund solle in den nächsten vier Jahren 800 Millionen Euro bereitstellen, um das Schadholz aus dem Wald zu holen, die betroffenen Flächen wiederaufzuforsten, den Schutz vor Bränden zu verbessern und einen "klimaangepassten" Waldumbau voranzutreiben.

Dabei sollen unter anderem auch nicht heimische Baumarten gepflanzt werden, von denen man sich erhofft, dass die das wärmere Klima aushalten. Die Forschung soll das unterstützen, in dem sie untersucht, welche Baumarten sich für den "klimaangepassten Zukunftswald 2100" eignen, und sich auf entsprechende Forstpflanzen-Züchtung konzentrieren. Eine "aktive Waldbewirtschaftung sei weiterhin nötig". Weiter fordern die Minister, mehr Holz im Bausektor zu nutzen.

Die kritische Expertengruppe hält den Masterplan für verfehlt. "An der bisherigen, jahrzehntelang praktizierten Forststrategie soll sich grundsätzlich nichts ändern: Bäume fällen, Bäume pflanzen." Allenfalls das Baumarten-"Design" der zukünftigen Kunst-Forsten solle sich ändern. Der Masterplan knüpfe damit nahtlos an das Leitbild einer "Holzfabrik" an, die "angesichts der momentan großflächig zusammenbrechenden Nadelholz-Plantagen als gescheitert gelten muss".

Die Unterzeichner des Briefes an Klöckner kritisieren zudem den Plan, die Waldschäden durch rasche Entfernung der geschädigten Bäume und schnelle Aufforstung anzugehen. Sie fordern vor, vor allem auf Naturverjüngung (Fachwort: Sukzession) zu setzen und diese gezielt zu fördern.

Auf größeren Kahlflächen, die etwa durch das Absterben von Fichtenwäldern entstehen, sollten mit maximal 400 bis 600 "Großpflanzen" heimischer Baumarten pro Hektar bepflanzt werde, um dazwischen die Sukzession zu ermöglichen.

Totholz teilweise im Wald lassen

Es sei richtig, die abgestorbenen Bäume teilweise im Wald liegen und vermodern zu lassen, meinen die Experten. Das verbessere die Böden und biete einen natürlichen Schutz der nachwachsenden Bäume gegen Verbiss-Schäden durch Wild.

Der Mitinitiator des Briefs und Waldschützer Norbert Panek aus Nordhessen fordert "Ruhepausen für den Wald, der jahrhundertelang ausgebeutet wurde". Nötig sei ein neues, ökologisch orientiertes Konzept für den zukünftigen Wald. Dabei gehe es nicht um einen hektischen "Waldumbau", sondern um eine Waldentwicklung hin zu mehr Naturnähe, die dem Wald als Ökosystem den notwendigen Spielraum belasse, selbstregulierend auf die Umweltveränderungen reagieren zu können.

Mitunterzeichner Wilhelm Bode, der frühere Leiter der saarländischen Forstverwaltung und Autor des Buchs "Waldwende", sieht das ähnlich: "Wir brauchen endlich eine Waldwende, die die natürlichen Produktionskräfte des Waldes stärkt und nicht weiter schwächt."

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