Anzeige
Entscheide was dein Geld macht.

CO₂ zählen ist kein Klimaschutz

Unter Klimaschutz wird heute meist das Einsparen einer bestimmten Menge CO2-Äquivalent verstanden. Das ist eine simplifizierende Sichtweise, die zu einem bedenklichen Ablasshandel führt. Notwendige Änderungen am ökonomischen System werden so verschleppt.


Kugeln eines Abakus
Was sich in eine Zahl fassen lässt, haben wir im Griff. Leider ein Trugschluss, zumindest in Krisenzeiten: Wir optimieren das Schlechte, statt nach etwas Besserem zu suchen. (Foto: Rudy und Peter Skitterian/​Pixabay)

In den letzten zehn Jahren sind CO2-Emissionen praktisch zu einem Synonym für den Klimawandel, ja für Umweltzerstörung schlechthin geworden. Die Reduktion von Treibhausgasen in der Atmosphäre, gemessen in Tonnen CO2-Äquivalent, hat sich als wichtigste Maßnahme zur Rettung des Planeten herauskristallisiert.

Doch wie soll ein derart simplifizierender Ansatz die hochkomplexen und miteinander verflochtenen Krisen, vor denen wir gegenwärtig stehen, lösen?

Der starre Blick der globalen Umweltpolitik auf CO2 spiegelt eine allgemeine Besessenheit von Messungen und Buchhaltung wider. Das Erkennen der Welt beruht auf Abstraktionen: Kalorien, Kilometer, Kilowatt und jetzt Tonnen CO2-Äquivalent. Solche physikalischen Messgrößen sind scheinbar objektiv und zuverlässig, besonders wenn sie in "Fachsprache" – häufig Wirtschaftssprache – eingebettet sind.

Indem wir uns auf sie verlassen, neigen wir dazu, die historischen Auswirkungen jeder dieser Abstraktionen zu übersehen – und auch die Dynamik der Macht und Politik, die sie weiterhin formen.

Ein zentrales Beispiel einer machtvollen und einigermaßen unrealistischen globalen Abstraktion ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das nach dem Zweiten Weltkrieg als wichtigste Kennzahl für die Wirtschaftsentwicklung und -leistung eines Landes eingeführt wurde. Damals bauten die Weltmächte internationale Finanzinstitutionen auf, die die relative Wirtschaftsmacht widerspiegeln sollten.

Warnendes Beispiel: Das Bruttoinlandsprodukt

Heute jedoch hat sich das BIP zu einer Quelle weit verbreiteter Frustration entwickelt, weil es die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht abbildet. Wie das Fernlicht eines Autos können Abstraktionen eine Menge beleuchten, aber zugleich dazu führen, dass das, was außerhalb ihres Lichtkegels liegt, unsichtbar wird.

Porträtaufnahme von Camila Moreno.
Foto: Pillku

Camila Moreno

forscht an der Universidade Federal Rural in Rio de Janeiro und verfolgt seit 2008 die UN-Klimaverhandlungen. Ihr Forschungsgebiet liegt an den Schnittstellen zwischen Klimakommunikation und "Grünem Kapitalismus". Ihr Buch "Carbon Metrics" erscheint demnächst.

Trotzdem bleibt das BIP die vorherrschende Kennzahl für wirtschaftlichen Wohlstand, was auf genau der Besessenheit mit Allgemeingültigkeit beruht, die die Ausbreitung des Kapitalismus in der Welt begleitete. Komplexe, nuancierte, qualitativ bestimmte Vorstellungen, die lokale Besonderheiten widerspiegeln, sind einfach weniger attraktiv als lineare, allumfassende quantitative Erklärungen.

Was den Klimawandel angeht, so führt diese menschliche Neigung dazu, dass wir uns auf Lösungen konzentrieren, die die Netto-Emissionen von CO2 zwar geringfügig verringern, dabei jedoch umfassendere wirtschaftliche Veränderungen verhindern können. Untergraben werden kann auch die Fähigkeit von Gesellschaften und Gruppen, die Ursachen konkreter Probleme zu erkennen und passende Lösungen dafür zu entwickeln.

Drei entscheidende Fehler

Die Spur der Zahlengläubigkeit lässt sich bis zum Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 zurückverfolgen, auf dem die Klimapolitik einen steinigen und brutalen "Weg der vergessenen Alternativen" einschlug. Im Verlaufe des letzten Vierteljahrhunderts wurden dabei mindestens drei entscheidende Fehler gemacht.

Zuerst führten die Regierungen die Vergleichsgröße CO2-Äquivalent ein, um die Auswirkungen unterschiedlicher Treibhausgase wie CO2, Methan und Lachgas in vereinheitlichender Weise zu quantifizieren. Die Unterschiede zwischen diesen Gasen – was ihr Erwärmungspotenzial, ihre Verweildauer in der Atmosphäre, ihr Auftreten und ihre Wechselwirkung mit lokalen Ökosystemen und lokalen Ökonomien betrifft – sind enorm. Ihre Zusammenfassung in einer einzigen Messgröße vereinfacht die Dinge beträchtlich – und erlaubt es der Politik, eine Pauschallösung im Hinblick auf ein bestimmtes übergreifendes Ziel zu verfolgen.

Porträtaufnahme von Lili Fuhr.
Foto: HBS

Lili Fuhr

leitet das Referat Internationale Umweltpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Sie befasst sich mit internationaler Klima- und Rohstoffpolitik und bloggt darüber auf klima-der-gerechtigkeit.de. 2015 erschien von ihr "Kritik der Grünen Ökonomie".

Zweitens konzentrierte sich die UN-Klimarahmenkonvention von 1992 auf sogenannte End-of-Pipe-Technologien, nämlich auf Methoden zur Entfernung von Schadstoffen aus der Atmosphäre. Das versetzte die Entscheidungsträger in die Lage, die Aufmerksamkeit von einem naheliegenden, aber politisch schwierigeren Ziel abzulenken: jene Aktivitäten zu begrenzen, die diese Emissionen überhaupt erst hervorbringen.

Und drittens entschlossen sich die Entscheidungsträger, den Fokus auf die Nettoemissionen zu richten und dabei biologische Prozesse, bei denen es um Boden, Pflanzen und Tiere geht, mit solchen zu verrechnen, bei denen fossile Rohstoffe verbrannt werden. Reisfelder und Rinder wurden dadurch genau wie Industrieanlagen als Emissionsquellen behandelt und tropische Wälder, Baumplantagen in Monokultur und Sümpfe als Emissionssenken. Ergebnis: Die Politik begann nach Lösungen zu suchen, die den Ausgleich von Emissionen im Ausland statt ihrer Reduzierung im eigenen Land oder an der Quelle beinhalteten.

Neue Märkte für "Ökosystemdienstleistungen"

Im Jahr 1997, als das Kyoto-Protokoll verabschiedet wurde, lautete das Motto dann "mehr Flexibilität", und der Handel mit Emissionszertifikaten – also "Verschmutzungsgenehmigungen" – war die bevorzugte politische Option. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, ist das Bemühen, Emissionen aufzurechnen, nicht nur fest in der Klimapolitik verankert, es hat auch seinen Weg in die breitere umweltpolitische Debatte gefunden.

Überall auf der Welt bilden sich neue Märkte für sogenannte Ökosystemdienstleistungen. Ein Beispiel für einen der älteren derartigen Märkte ist das Wetland Mitigation Banking in den USA. Bei diesen "Feuchtgebiets-Eingriffs-Bankgeschäften" geht es darum, ein Feuchtgebiet oder einen Bachlauf zu erhalten, aufzuwerten oder anzulegen, um die negativen Folgen eines geplanten Projekts auf ein ähnliches Ökosystem an anderer Stelle auszugleichen. Das geschieht durch Ausgabe handelbarer Zertifikate.

Porträtaufnahme von Daniel Speich.
Foto: Universität Luzern

Daniel Speich

ist Professor für Geschichte an der Universtität Luzern. Sein Schwerpunkt ist die Regierungsführung bezogen auf Umwelt und Wirtschaft.

Ähnlich funktionieren Ausgleichsprogramme zur Erhaltung der Artenvielfalt – das sogenannte Biodiversity Offsetting. Dabei können Unternehmen oder Privatpersonen sogenannte Biodiversity Credits erwerben, um ihre Umweltbilanz zu verbessern. Anders als die Ökokonten zum Ausgleich von Eingriffen in Deutschland können diese Biodiversitätsguthaben in den USA nach bestimmten Regeln gehandelt werden.

Falls sich diese Programme allzu bequem anhören, dann liegt das daran, dass sie es sind. Tatsächlich beruhen sie auf demselben fehlerbehafteten Konzept wie der Emissionshandel, und in einigen Fällen rechnen sie tatsächlich Artenvielfalt und Ökosysteme in CO2-Äquivalent um.

Statt unser Wirtschaftssystem anzupassen, damit es sich in die gegebenen Grenzen unseres Planeten einfügt, definieren wir die Natur um, damit sie in unser Wirtschaftssystem passt – und verbauen uns damit andere Formen des Wissens und echte Alternativen.

Räume für das Wachsen von Alternativen

Jetzt, wenige Monate nach dem Pariser Klimagipfel vom vergangenen Dezember, ist die Welt kurz davor, erneut einen falschen Weg einzuschlagen, indem sie sich die Idee "negativer Emissionen" zu eigen macht, die davon ausgeht, dass neue Technologien imstande sein werden, der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Dabei müssen diese Technologien erst noch entwickelt werden, und selbst wenn sie eines Tages funktionieren sollten, wäre ihre Umsetzung hochriskant.

Statt bewährte und risikoarme Lösungen zu verfolgen – die fossilen Brennstoffe im Boden lassen, die Agrarindustrie in eine ökologische Landwirtschaft umwandeln, eine abfallfreie Kreislaufwirtschaft entwickeln und die natürlichen Ökosysteme wiederherstellen –, verlassen wir uns auf irgendeine wundersame Innovation, die uns – als Deus ex machina – just zum rechten Zeitpunkt retten soll. Die Torheit dieser Strategie sollte offensichtlich sein.

Ausführlicher erläutern die Autoren ihre Kritik in der Broschüre "CO2 als Maß aller Dinge: Die unheimliche Macht von Zahlen in der globalen Umweltpolitik", erschienen in der Reihe Ökologie der Heinrich-Böll-Stiftung

Wenn CO2-Bilanzen weiter das Maß aller Dinge in der Klimapolitik sind, werden die nach uns kommenden Generationen nur eine kohlenstofflimitierte – und mit Glück CO2-arme – Welt kennen, aber kein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften.

Statt einer simplifizierenden Vision von Klima- und Umweltschutz müssen wir ergiebigere Strategien verfolgen, mit denen sich unser Wirtschaftssystem so umgestalten lässt, dass es in unsere natürliche Umwelt passt und mit ihr zusammenwirkt. Dafür brauchen wir ein neues Denken, das die Räume wiederherstellt und erhält, in denen alternative Ansätze wachsen und gedeihen können. Das wird nicht leicht, aber es lohnt sich.

Übersetzung: Jan Doolan

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier