Klimapolitik mit Konstruktionsfehler

Erst spät setzt sich hierzulande wie auch international die Erkenntnis durch, dass in der Klimapolitik eine Doppelstrategie von Dekarbonisierung und Renaturierung notwendig ist. Vor allem beim weltweiten Waldverlust ist der Handlungsdruck enorm. Teil 2 des Gastbeitrages.


Riesige Fläche, die für die Landwirtschaft abgeholzt wurde, am Rand ein Stück-Rest-Regenwald.
Die Welt hat keinen Plan gegen die Waldzerstörung – hier in einem brasilianischen Schutzgebiet. (Foto: Felipe Werneck/​​Ibama/Flickr)

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um die irrige Annahme, das Klimaproblem lasse sich allein mit technischen Mitteln und ohne naturbasierte Lösungen bewältigen.

Einen ersten Überblick zum wissenschaftlichen Stand über den Klimawandel gab der dritte Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 2001. Die naturbezogenen Aussagen dieses Berichts waren aber noch sehr dürftig. Was die Möglichkeiten der technischen Dekarbonisierung angeht, klang zwar bereits Skepsis an, aber die Rolle, die der Renaturierung zukommt, wurde noch nicht ausreichend reflektiert.

Diese anfangs pessimistische Einschätzung, welches natürliche CO2-Absorptionspotenzial Wälder, Moore und andere Land- und Wasserflächen besitzen, änderte sich erst allmählich mit der internationalen Expertendiskussion um Landnutzung, dort bekannt unter dem Kürzel LULUCF.

Richtig schrillten die Alarmglocken aber erst 2019, als der Weltklimarat den Sonderbericht über die Rolle der Land- und Forstwirtschaft im Klimawandel veröffentlichte. Das Ausmaß der Naturzerstörung sei so groß, dass die Wälder und andere Ökosysteme es nicht mehr schafften, genügend Treibhausgase zu absorbieren. Erstmals hieß es: "Der umsichtige Umgang mit 'Mutter Erde' ist oberstes Gebot."

Der Weltklimarat wollte damit offenbar nicht nur die Politiker, sondern auch die öffentliche Meinung aufrütteln.

Ein Sondergutachten des deutschen Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen (WBGU) hatte schon im Jahr 2003 die Grenze, ab der die Schäden am globalen Naturerbe "nicht mehr hinnehmbar" sind, im Bereich von zwei Grad globaler Erwärmung gegenüber vorindustriellen Werten verortet. Vorausschauend wurde damals gefordert: Um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre unterhalb von 450 ppm zu halten, müssten die weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 um 45 bis 60 Prozent gegenüber 1990 erfolgen.

Die erforderlichen Maßnahmen zur Emissionsminderung lokalisierte der WBGU zu der Zeit aber nur auf drei technischen Gebieten: Energieeinsparung, erneuerbare Energien und CO2-arme Technologien sowie geologische CO2-Speicherung, also CCS.

Explizite Forderungen nach einer naturbasierten Klimapolitik waren auch hier noch nicht zu finden.

Erst später räumte der WBGU ein, dass die Land-Biosphäre im globalen Kohlenstoffkreislauf eine große Rolle spielt. Naturnahe Wälder, Feuchtgebiete und Grünland seien wichtige CO2-Speicher, sie dürften nicht gerodet, entwässert oder umgepflügt würden. Der WBGU empfahl dazu die Vereinbarung eines "Protokolls zur Erhaltung der Kohlenstoffvorräte terrestrischer Ökosysteme".

Keine vorwärtsweisende Strategie für die Wälder

Zwei grundlegende Fragen blieben dabei unbeantwortet: Warum wird zwar die Erhaltung der Kohlenstoffspeicher von Land-Ökosystemen erörtert, nicht aber deren Mehrung? Und wie kommt es, dass ein weiterer internationaler Vertrag vorgeschlagen wird, statt zuerst die Erfüllung der bestehenden Vereinbarungen einzufordern?

Immerhin erkannte der WBGU die fehlerhafte Logik und defizitäre Struktur der globalen Umweltpolitik: Auf der Rio-Konferenz von 1992 hatte man sich zwar auf die Themen Klima, Biodiversität und Desertifikation mit entsprechenden Konventionen einigen können, nicht aber auf eine Wald-Konvention. Die seitdem unternommenen Versuche zur Institutionalisierung einer internationalen Waldpolitik sind eine Geschichte von Misserfolgen.

Diesen Konstruktionsfehler globaler Klimapolitik hat auch die jüngste, die 26. Weltklimakonferenz im vergangenen November in Glasgow nicht beseitigt. Die Erklärung von 105 Staaten, die Waldzerstörung bis zum Jahr 2030 stoppen zu wollen und dafür auch Finanzmittel bereitzustellen, ist rein aus der Not geboren und keine vorwärts gerichtete Strategie zum Umbau und zur Mehrung der Wälder.

Porträtaufnahme von Udo Simonis.
Foto: privat

Udo Ernst Simonis

ist Professor emeritus für Umwelt­politik am Wissen­schafts­zentrum Berlin (WZB). Der Volk­swirt war Mitglied des Wissen­schaft­lichen Beirats der Bundes­regierung für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Von 1991 bis 2016 war er Chef­redakteur und Mit­heraus­geber des Jahr­buchs Ökologie.

Und es ist nicht einmal eine überzeugende Maßnahme: Das Mindeste hätte ja sein müssen, die großflächige Rodung sofort zu stoppen!

Der Handlungsdruck beim Waldverlust ist dementsprechend enorm und hat keinesfalls abgenommen. Während die Corona-Pandemie zu vielfältigen Einschränkungen der Mobilität führte, liefen die Kettensägen in den Wäldern auf Hochtouren. Im Jahr 2020 gingen weltweit zwischen zwölf und 14 Millionen Hektar Waldfläche verloren. Rund 4,2 Millionen Hektar tropischer Primärwälder wurden gerodet, eine Fläche so groß wie die Schweiz.

Um die globalen Wälder ist es also weiterhin schlecht bestellt. Zugleich gibt es auch bei der Wiedervernässung der Moore, der Schadstoffentlastung der Meere, der Aktivierung der Steppengebiete und dem biologischen Landbau kaum Fortschritte. Selbst die globale Propagierung der Initiative "Cities With Nature" kommt nur langsam voran. Vor Kurzem wurde gerade einmal das zweihundertste Mitglied begrüßt: New York.

Die Chancen stehen aber durchaus gut, dass die Forderung nach mehr naturbasierter Klimapolitik weltweit rasch wachsen könnte. Hierüber wird inzwischen eifrig geforscht, wenn auch bisher wegen unterschiedlicher methodischer Annahmen und mangelhafter statistischer Daten mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen und Vorschlägen.

Wie es auf der nationalen und regionalen Ebene aussieht, ist nun die Frage.

Lesen Sie dazu Teil 3: Mehr Wald, mehr Moor und Aufforsten im Meer

Alle drei Teile finden Sie hier.

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