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"Wir sind mittendrin in der zweiten Phase der Energiewende"

Die Vor-Ort-Energie steht noch vielen Hemmnissen gegenüber, vor allem großem bürokratischem Aufwand, kritisiert Hans-Martin Henning, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme. Er plädiert zugleich für eine Mehrfachnutzung von Solaranlagen – von der Integration in urbane Infrastrukturen bis zur Agri-Photovoltaik.


Solar-Lärmschutzwand Neuötting
Infrastruktur verschiedener Art kann zur Erzeugung sauberer Energie zweitgenutzt werden, wie bei dieser Lärmschutzwand. (Foto: Falk Heller/​Kohlhauer)

Klimareporter°: Herr Henning, Sie sind Mitglied im Expertenrat für Klimafragen. In diesem Jahr haben Sie die wenig verlockende Aufgabe, der Bundesregierung attestieren zu müssen, dass Deutschland 2021 viele Klimaziele verfehlt hat. Wie kann das möglichst schnell repariert werden?

Hans-Martin Henning: Nicht als Stimme des Expertenrates, sondern als Leiter eines Fraunhofer-Instituts, das sich umfänglich mit dem Umbau des Energiesystems befasst, antworte ich: Auf der technischen Ebene wissen wir an vielen Stellen, was beim Klimaschutz im Energiebereich zu tun ist. Neben einer Begrenzung des Verbrauchs – zum Beispiel durch effiziente Nutzung – müssen die erneuerbaren Energien schnell ausgebaut werden, um den Rückgang der konventionellen Energien in der Energiewirtschaft zu kompensieren und die zusätzlichen Anwendungen in den Bereichen Wärme und Verkehr mit zunächst emissionsärmerem Strom zu versorgen.

Wir sehen, dass die Umsetzung hier extrem mühselig und zu langsam ist. Ein Beispiel: Der Zeitraum vom Antrag bis zur Inbetriebnahme einer Windkraftanlage beträgt derzeit im Mittel 68 Monate. Das ist einfach viel zu lange.

Mit den aufwendigen Planungs-, Genehmigungs- und Einspruchsprozessen ist am Ende für alle nicht viel gewonnen. Wir brauchen da eine Beschleunigung und die Rücknahme einzelner Prozessschritte. Wenn es so lange dauert, wird es unattraktiv zu investieren.

Ich begrüße den von der jetzigen Bundesregierung angekündigten Bürokratieabbau und die Straffung der Entscheidungsprozesse, um auf das nötige Tempo zu kommen. Zugleich dürfen natürlich notwendige Prüfungen, Genehmigungen und Beteiligungsrechte nicht außer Kraft gesetzt werden.

Und was ist mit dem CO2-Preis?

Das Instrument muss weiterentwickelt werden – Hand in Hand mit einer Reform von Steuern, Umlagen und Abgaben, die derzeit extrem unsymmetrisch und nicht CO2-gerecht auf die verschiedenen Energieträger erhoben werden. Gerade grüner Strom ist dadurch unangemessen teuer.

Kennzeichnend für die Energiewende ist, dass die Erzeugung gewissermaßen an die Bürger:innen herangerückt ist. Das Windrad und der Solarpark befinden sich oft in Sichtweite. Lässt sich aber die Akzeptanz dafür verbessern, indem man Genehmigungen schneller erteilt und Möglichkeiten der Beteiligung verkürzt?

Ich sehe darin, ehrlich gesagt, vor allem auch Chancen. Die Bürger und Unternehmen können viel mehr als früher an der Energiewende partizipieren.

Gerade für die Photovoltaik entwickelte unser Institut in den letzten zwei, drei Jahren viele Konzepte, um eine Mehrfachnutzung von Solaranlagen zu ermöglichen – von der Integration in Gebäude und urbane Infrastrukturen wie Parkflächen oder Lärmschutzwände bis hin zur Agri-Photovoltaik. Daraus ergeben sich auch für private Investoren sehr viele Möglichkeiten, vom Hausbesitzer bis zum Fabrikinhaber.

Porträtaufnahme von Hans-Martin Henning.
Foto: Kai-Uwe Wuttke/​ISE

Hans-Martin Henning

ist einer der beiden Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energie­systeme ISE, verbunden mit einer Professur an der Universität Freiburg. Er ist Vorsitzender des Experten­rates für Klima­fragen der Bundes­regierung und Sprecher des Forschungs­verbundes Erneuer­bare Energien. Henning promovierte 1993 in Physik an der Universität Oldenburg, seit 1994 ist er am Fraunhofer ISE in Freiburg tätig.

Diese Entwicklung wird aber natürlich nur einen Teil unseres Energiesystems ausmachen. Dieses sehe ich künftig in drei Ebenen aufgeteilt: Die erste ist die Vor-Ort-Energie, für die wir selbst unseren Beitrag leisten können, selbst als Mieter in Gebäuden.

Die zweite Ebene ist die klassische Energiewirtschaft. Die werden wir weiter benötigen, um Netze und – längerfristig mit grünen Energieträgern gespeiste – konventionelle regelbare Kraftwerke zu betreiben. Diese werden die Erneuerbaren ergänzen, um die Versorgung in jedem Moment sicherzustellen.

Die dritte ist die internationale Ebene. Als Land wird sich Deutschland sicher nie autark versorgen können, sondern wir werden weiter Energie beziehen, vor allem in stofflicher Form von Wasserstoff und anderen "grünen" Molekülen.

Wir müssen alle drei Ebenen im Blick haben und prominent entwickeln – und da ist meines Erachtens bislang die Vor-Ort-Ebene deutlich zu kurz gekommen.

Die Idee der Vor-Ort-Energie geht inzwischen deutlich über ihr bekanntestes Beispiel, den Mieterstrom, hinaus. Künftig soll jeder, der Energie – Strom oder Wärme – erzeugt, auch die Möglichkeit haben, diese einfach und direkt an Dritte zu liefern, sei es an den Hausnachbarn, den Gewerbebetrieb um die Ecke oder innerhalb eines Quartiersmanagements. Ist das auch Ihre Vision?

Das geht aus meiner Sicht in die richtige Richtung. Aus vielen Forschungs- und Pilotprojekten wissen wir, dass mit einer intelligenten Sektorenkopplung – der Einbindung von Strom- und Wärmespeichern, von Ladestationen oder einer Kraft-Wärme-Kopplung – große Anteile der vor Ort erzeugten Energie auch dort genutzt werden können.

Passiert das unter den richtigen Anreizen, wird auch das Netz nicht destabilisiert. Das ist wichtig, denn eine Vor-Ort-Autarkie wird es nicht geben. Die Vor-Ort-Versorgung wird immer in einen Kontext darüberliegender Strukturen eingebettet sein.

Die Vor-Ort-Energie steht heute tatsächlich noch vielen Hemmnissen gegenüber, vor allem einem großen bürokratischen Aufwand. Für eine Mieterstromanlage beispielsweise brauchen Sie eine Gewerbeanmeldung. Da geht es um Stromkennzeichnung, Registrierungspflichten und Rechnungsgestaltung – und all das für vergleichsweise kleine Beträge.

Warum werden Prosumer – also Leute, die eine Zehn-Kilowatt-Solaranlage auf dem Dach haben und Strom an Dritte liefern wollen – rechtlich ähnlich behandelt wie Großkraftwerke? Hat man Angst, das Stromnetz nicht mehr kontrollieren zu können, wenn man bei den Kleinerzeugern lockerlässt?

Technisch ist der Übergang in eine künftige Prosumer-Welt vergleichsweise einfach. Datentechnisch ist er schon komplizierter und regulatorisch ist es dann kein ganz dünnes Brett, das da gebohrt wird.

Ich vermute, deshalb traut sich da auch politisch niemand so schnell ran. Unser Energie- und Energiewirtschaftsrecht ist über Jahrzehnte gewachsen und sehr komplex.

Und natürlich ist eine stabile, sichere Energieversorgung ein hoher Wert, und es hängt viel von ihr ab, im privaten, aber gerade auch im öffentlichen Bereich – denken Sie nur an Krankenhäuser.

Wir brauchen schon eine Gewähr, dass vereinbarte Stromlieferungen auch eingehalten werden. Insofern darf man bei der Energiewende nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und alle Maßnahmen abschaffen, die bisher die Qualität unseres Netzes sichern.

Aber dennoch: Wir müssen an den Rechtsrahmen ran, um ihn zu verschlanken, Bürokratie abzubauen und Komplexität zu reduzieren und – anstelle von verhindernden – ermöglichende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Viele Solaranlagenbesitzer, die sich selbst mit Strom versorgen, sehen es kritisch, dass sie für Netzdienste zur Kasse gebeten werden und ihre Anlage netzdienlich betreiben sollen. Wie lassen sich deren Interessen und ein stabiler Netzbetrieb zusammenbringen?

Die dezentralen Energieanlagen müssen Netzdienste übernehmen. Über die Vergütung von Systemdienstleistungen kann man hier eine Menge erreichen. Ein moderner Wechselrichter kann viele Netzdienstleistungen erbringen, gerade wenn eine Batterie die nötige Energie bereitstellt.

Ebenso könnte man variable Tarife einführen – sowohl für den Strom, der bezogen wird, als auch für den, der eingespeist wird – und damit systemdienliches Verhalten befördern.

Technisch gesprochen geht es hier darum, die verteilten Flexibilitäten – das können Einzelgebäude und -liegenschaften, aber auch Quartierslösungen sein – so zu betreiben, dass sie das Netz wirklich stützen können.

Sogenannte virtuelle Kraftwerke, bei denen Windkraft-Parks, große Solaranlagen, Biomasse- und Wasserkraftwerke zusammengeschlossen sind, gibt es ja heute schon. Ihre netzdienliche Vor-Ort-Versorgung zielt aber eine Etage tiefer?

Richtig. Diese Kraftwerke, die virtuell zusammengeschlossen sind, haben ja schon einen geschäftsmäßigen Betreiber oder Aggregator. Die Vor-Ort-Energie hat aber nochmal ein anderes Geschäftspotenzial, wenn man die vielen dezentralen Anlagen im Bereich Erzeugung und Nutzung einbezieht.

Braucht man denn in einem flexibilisierten Energiesystem die mehr als 800 Netzbetreiber noch, die es in Deutschland derzeit gibt?

In anderen Ländern ist diese Vielfalt in der Netzbetreiberstruktur nicht zu finden. Hier haben wir in Deutschland tatsächlich eine gewisse Sondersituation.

Ich sehe aber nicht, dass sich daran schnell etwas ändert. Die Netzbetreiber sind eine in Deutschland sehr etablierte Struktur. Diese muss in die Energiewende einbezogen werden und daraus können sich auch Chancen ergeben, wenn beispielsweise auf Basis intelligenter Vor-Ort-Lösungen neue Geschäftsmodelle entwickelt werden.

Übersehen wir angesichts der scharfen Debatten um den massiven Ausbau der Erneuerbaren nicht, dass wir uns bereits in einer neuen Phase der Entwicklung befinden? Die Erneuerbaren sind dabei, das bestimmende Element im Energiesystem zu werden. Dessen Struktur stammt aber noch aus den alten Zeiten der Großkraftwerke und Großversorger. Brauchen wir jetzt nicht eine Energiewende 2.0?

Über eine zweite Phase der Energiewende haben wir schon vor drei, vier Jahren gesprochen.

In der ersten Phase haben wir viel erreicht, besonders bei der Kostensenkung der Erneuerbaren und auch bei der Entwicklung von Effizienztechnologien, beispielsweise im Gebäudebereich. Das war extrem wichtig, sonst wäre die Energiewende gar nicht finanzierbar geworden.

Aber jetzt reicht ein einfacher Zubau bei den Erneuerbaren nicht mehr aus, sondern wir kommen in die systemische Verschränkung, in der Flexibilisierung und Sektorenkopplung zu wesentlichen Strukturelementen werden. Und dadurch wird es sicher auch komplexer. Es geht nicht mehr nur darum, das Netz mit immer höheren Anteilen erneuerbarer Energie zu fluten.

Bei dieser zweiten Phase sind wir eigentlich schon mittendrin. Wir brauchen aber eine extreme Beschleunigung beim Ausbau der Erneuerbaren mit Zubauraten, die noch höher sind als die höchsten Werte im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts.

Diese zweite Phase wird die nächsten zehn Jahre prägen. Dem wird eine dritte folgen, in der wir dann zusätzlich größere Mengen stofflicher klimaneutraler Energieträger sowohl heimisch herstellen als auch importieren werden. Dann geht es darum, in der gesamten Breite auch die Bereiche zu defossilieren, die sich nur schwer direkt elektrifizieren lassen.

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