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Viel Saft für die E-Autos

Die Batterie-Pkw boomen dank der Kaufprämien. Nun wird greifbar, wie viel Ökostrom dafür zusätzlich nötig ist. Neue, von einem Wirtschafts­forschungs­unternehmen vorgelegte Zahlen machen klar: Die Herausforderung ist riesig.


Ein Elektroauto wird aufgeladen - man sieht nur den hinteren rechten Teil des weißen Kleinwagens sowie das orangefarbene Stromkabel.
Damit Klimaschutz daraus wird, muss durch solche Leitungen zusätzlicher grüner Strom fließen. (Foto: Mike Bird/​Pixabay)

Endlich kommt die Elektromobilität in Fahrt. Im August erreichte der Anteil reiner E-Autos an den Neuzulassungen erstmals 15 Prozent. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden insgesamt mehr Batterie- und aufladbare Hybrid-Pkw als Diesel-Pkw verkauft. Die staatlichen Kaufzuschüsse von bis zu 6.000 Euro wirken also.

Doch dieser Boom macht sich nun auch bundesweit beim Stromverbrauch bemerkbar, wie eine aktuelle Analyse zeigt. Sie untermauert die Forderung: Damit die E-Autos wirklich klimafreundlich unterwegs sind, müssen die erneuerbaren Energien deutlich schneller ausgebaut werden.

Von Januar bis August wurden hierzulande rund 203.000 reine E-Autos zugelassen. Hinzu kamen 218.000 Plug-in-Hybride, die allerdings nur selten elektrisch gefahren werden. Anteil zusammen: gut 13 Prozent. Im Jahr 2019 hatte der Marktanteil erst vier Prozent betragen. Der Bestand an reinen E-Pkw liegt inzwischen bei 512.000, Experten schätzen, dass es Ende des Jahres 600.000 sein werden.

Das Bonner Beratungsunternehmen EUPD Research hat den gemeinsamen Stromverbrauch der reinen E-Pkw-Flotte hochgerechnet. Für das Jahr 2021 ergibt sich danach eine Elektrizitätsmenge von 1,8 Milliarden Kilowattstunden, was laut den Angaben der Produktion eines Kohlekraftwerks mit 330 Megawatt Leistung oder dem Verbrauch von 581.000 deutschen Durchschnittshaushalten entspricht.

Und die Ladestrom-Mengen werden weiter rasant ansteigen. Denn Ende 2021 werden trotz des aktuellen Verkaufsbooms erst rund 1,2 Prozent des deutschen Pkw-Bestands voll elektrifiziert sein.

"Der Strukturwandel zeigt seine Dimension"

Für eine komplette Umstellung der Autoflotte von derzeit 48,2 Millionen wären nach Expertenschätzung rund 140 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr nötig. Rechnet man die Elektrifizierung von Lkw- und Busverkehr hinzu, kommt man leicht auf rund 200 Milliarden Kilowattstunden.

Zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch in Deutschland beträgt in diesem Jahr voraussichtlich 580 Milliarden Kilowattstunden. EUPD-Geschäftsführer Martin Ammon kommentierte: "Dadurch wird die Dimension des erforderlichen Strukturwandels durch die Elektromobilität deutlich."

Laut einer Umfrage des Bonner Beratungsunternehmens werden die E-Autos überwiegend zu Hause aufgeladen. Auf das "Tanken" an der heimischen Wallbox entfallen 77 Prozent der Ladevorgänge, nur 15 Prozent auf öffentliche Ladesäulen und neun Prozent auf das Laden am Arbeitsplatz.

Die Strommenge, die für das Laden zu Hause, gebraucht wird, beträgt für die Ende 2021 erwartete E-Auto-Flotte laut EUPD Research rund 1,3 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. "Entsprechend erhöht sich der Verbrauch der Haushalte mit E-Autos", sagte Ammon gegenüber Klimareporter°.

Für einen durchschnittlichen E-Pkw werden laut ADAC pro Jahr bei 14.000 Kilometern Laufleistung rund 2.800 Kilowattstunden Strom benötigt. Zum Vergleich: Der deutsche Durchschnittshaushalt ohne E-Auto verbraucht jährlich rund 3.200 Kilowattstunden.

E-Autos brauchen Speicher

Das Beratungsunternehmen rechnet vor: Um den Zuhause-Ladestrom der 2021er Flotte komplett mit Solarstrom vom eigenen Dach zu decken, braucht es bilanziell etwa 187.000 mittelgroße Photovoltaik-Anlagen mit 7,5 Kilowatt Nennleistung, wie sie auf Ein- und Zweifamilienhäusern üblich sind. Das ist mehr, als zum Beispiel im letzten Rekordjahr 2020 neu errichtet wurden – damals waren es 152.000 solcher Anlagen.

Wer als E-Auto- und Solaranlagenbesitzer allerdings sicherstellen will, dass möglichst viel Ökostrom vom eigenen Dach geladen wird, braucht einen stationären Stromspeicher, weil die E-Pkw zumeist abends und über Nacht am Netz hängen, wenn wenig oder keine Sonne scheint.

"Mit einem Speicher wächst der Anteil an solarer Deckung beim Laden des E-Autos deutlich", so EUPD. Allerdings steigen dadurch auch die Kosten des selbst hergestellten Ökostroms.

Andererseits sind Speicher sind in den letzten Jahren spürbar billiger geworden. So kostete ein Speicher für ein Einfamilienhaus vor fünf Jahren im Schnitt rund 10.000 Euro, heute ist er für 6.000 Euro zu haben.

Ammon betont: "Die Umstellung auf E-Mobilität macht einen deutlich schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien, der Speicher und der Strom-Verteilnetze notwendig, als er bisher geplant wurde."

Hinzu komme die Umrüstung im Gebäudesektor, wobei die Erdöl- und Erdgasheizungen zunehmend durch strombetriebene Wärmepumpen ersetzt werden sollen. Insgesamt werde der deutsche Stromverbrauch von derzeit noch unter 600 Milliarden Kilowattstunden bereits bis 2030 auf rund 800 Milliarden Kilowattstunden ansteigen.

Alle wollen nun mehr Ökostrom

Über die tatsächlich notwendigen Strommengen hat es in den letzten Jahren immer wieder Streit in der Politik gegeben. So beharrte das Bundeswirtschaftsministerium unter Peter Altmaier (CDU) lange darauf, dass der Stromverbrauch auch mit der angestrebten Klimaneutralität mittelfristig nicht wesentlich ansteigen werde – trotz wachsender Kritik von Experten, Opposition und selbst vom Koalitionspartner SPD.

Moniert wurde, das Ministerium rechne die benötigten Strommengen bewusst klein, um höhere Ziele beim Ausbau von Wind- und Solarstrom zu umgehen. Erst in diesem Juli korrigierte sich Altmaier. Er legte ein Gutachten des Beratungsunternehmens Prognos vor, wonach der Stromverbrauch 2030 um 15 Prozent höher liegen werde als heute, nämlich bei 655 Milliarden Kilowatt.

Inzwischen ist unter den großen Parteien nicht mehr umstritten, dass der Erneuerbaren-Ausbau von der nächsten Bundesregierung kräftig gepusht werden muss. Das zeigte sich zuletzt auch bei den TV-Debatten der drei Kanzlerkandidat:innen.

CDU-Chef Armin Laschet will den Ausbau beschleunigen und hat dazu einen 15-Punkte-Plan vorgelegt. Darin: Verkürzung der Genehmigungszeiten für Windräder auf sechs Monate und mehr Anreize für Dach-Solaranlagen.

SPD-Kandidat Olaf Scholz will ambitionierte Ökostrom-Ziele sofort im ersten Amtsjahr festlegen und macht eine Zustimmung dazu zur Voraussetzung für mögliche Koalitionspartner.

Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock steht ohnehin für einen massiven Ausbau der Öko-Energien, unter anderem will sie eine Solaranlagenpflicht für neue Häuser.

Trotzdem ist klar: Die Herausforderung ist riesig. Experten schätzen, dass ein klimaneutrales Deutschland am Ende sogar Stromkapazitäten für eine Billion Kilowatt brauchen wird.

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