"Eigener Strom lässt sich netzdienlich einsetzen"

Den selbst erzeugten Strom der Haushalte einspeisen und damit das Netz stabilisieren – das gehört für die seit zehn Jahren existierende Sonnen GmbH zum Geschäftsmodell, sagt Geschäftsführer Jean-Baptiste Cornefert. Im Interview mit Klimareporter° beklagt er den extrem hohen administrativen Aufwand für solare Systemlösungen.


Zeichnung in Blautönen: Einfamilienhaus mit Solardach, Stromspeicher, Wallbox und Elektroauto.
Einfamilienhaus mit Solardach, Stromspeicher, Wallbox und Elektroauto – solche potenziellen "Prosumer" hat der bayerische Batteriehersteller Sonnen im Blick. (Grafik: Peter Varga/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Cornefert, die Regierung kündigt an, dass der 2011 eingeführte 52-Gigawatt-Solardeckel Anfang Juli fällt – ist Ihnen bei der Nachricht ein Stein vom Herzen gefallen?

Das kann man schon so sagen. Dass der Deckel wegfällt, ist eine gute Sache für die Branche und die Energiewende.

Der Branche reicht das aber bei Weitem nicht. Es kursieren Petitionen und Forderungskataloge, wonach für Anlagen, die ab 2021 aus der EEG-Förderung fallen, mindestens der Börsenstrompreis für eingespeisten Strom zu zahlen ist oder auf eigenverbrauchten Solarstrom keine Abgaben und Umlagen erhoben werden. Was muss alles geschehen, damit die Photovoltaik vorankommt?

Es gibt hier verschiedene Aspekte. Für mich stellt die Kombination von einer Photovoltaik-Anlage und einem Stromspeicher eine relativ ausgereifte Technik dar – diese zu betreiben ist zumindest für Haushalte aber noch unnötig aufwendig.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihr Smartphone, um eine neue App zu installieren, jedes Mal für drei Wochen bei der Verkaufsfirma abgeben. So ist das bei der Photovoltaik: Die Technik ist da, aber die begleitenden Prozesse sind höchst komplex.

Dazu kommt eine quasi doppelte Belastung der Stromspeicher mit Abgaben. Auch das sollte gestoppt werden.

Welche doppelte Belastung haben Sie da im Blick?

Angenommen, Sie würden ein Großkraftwerk betreiben, dann hängt Ihre Anlage am Hochspannungsnetz und Sie sind von der Gebühr für die Nutzung des Niederspannungsnetzes befreit, wenn Sie netzdienliche Leistungen erbringen.

Haben Sie aber eine kleinere Photovoltaikanlage auf dem Dach und eine Speicherbatterie, dann hängen Sie am Niederspannungsnetz und zahlen die vollen Netzentgelte, auch wenn Sie genau das Gleiche machen wie das Kraftwerk, nämlich netzdienliche Leistungen erbringen. Das ist natürlich kein fairer Wettbewerb.

Na ja, auch die Kunden der Sonnen GmbH versorgen sich im Schnitt erst zu 70 Prozent selbst mit Strom. Ganz ohne eine Netzanbindung und eine Umlage der damit verbundenen Kosten geht es nicht.

Ich sage nicht, dass unsere Kunden keine Netzentgelte zahlen sollen. Wir sehen unsere Kunden als aktiven und hilfreichen Teil des Stromnetzes und nicht als autarke Inseln. Warum aber sollte ein Kernkraftwerk oder ein Kohlekraftwerk gegenüber einem Haushalt bevorzugt werden, wenn die Haushalte in unserer Community die Netze genauso stabilisieren können wie große konventionelle Kraftwerke?

Oft wird so getan, als hinge der Erfolg der Energiewende davon ab, dass sich möglichst viele Haushalte per Solardach und Stromspeicher selbst versorgen. Derzeit gibt es vielleicht an die 200.000 private Stromspeicher in Deutschland – das ist doch eine arg begrenzte Zahl angesichts der rund 1,8 Millionen Haushalte, die mit einer eigenen Photovoltaikanlage Ökostrom erzeugen, wie auch der mehr als 40 Millionen Haushalte, die bundesweit mit Strom beliefert werden müssen. Selbst eine Million Hausstromspeicher würden an den Proportionen nicht viel ändern.

Porträtaufnahme von Jean Baptiste Cornefert.
Foto: Sonnen

Jean-Baptiste Cornefert

ist Geschäfts­führer für den Bereich E-Services bei der Sonnen GmbH. Er ist unter anderem für die Strom­sharing­platt­form Sonnen-Community zuständig. Cornefert studierte Energie­technik an der TU München und arbeitete zwölf Jahre bei Eon, zuletzt als Leiter des Geschäfts­felds virtuelle Kraftwerke und Erneuerbaren-Marketing.

Das ist korrekt – aber wir stehen bei den Speichern erst ganz am Anfang. Gerade für Besitzer von Photovoltaikanlagen, die ab 2021 aus der Einspeisevergütung fallen, wird es interessant, sich einen Speicher zu besorgen.

Der eigene Strom kann dann nicht nur selbst länger genutzt werden, sondern lässt sich auch für netzdienliche Zwecke einsetzen, wenn es notwendig ist. Und hier gibt es ein durchaus großes Potenzial für den Einsatz von Stromspeichern. Bei einer Million Speichern sprechen wir über eine Leistung irgendwo zwischen 5.000 und 10.000 Megawatt.

Lohnt sich der Einbau eines nicht ganz billigen Speichers, wenn ich für den eingespeisten Strom nicht mehr 50 oder 40 Cent pro Kilowattstunde bekomme, wie es für die EEG-Anlagen der ersten Jahre typisch ist, sondern nur noch den Marktwert an der Strombörse von vier bis viereinhalb Cent?

Sogar von diesen Preisen träumen die Leute derzeit, teilweise sind die Marktwerte sogar negativ. Aber die Kombination aus Solaranlage und Speicher macht eben den Unterschied aus. Dann muss man nicht einspeisen, wenn den Solarstrom gerade niemand brauchen kann, sondern man nutzt dafür zum Beispiel die Abendspitze, wo der Bedarf und damit die Preise für den Strom höher sind. Mit einem Speicher kann man sogar die viertelstündlichen Schwankungen der Preise ausnutzen.

Wie läuft das bei Ihrem Geschäftsmodell: Speichern die Haushalte den Solarstrom, um ihn später selbst zu verbrauchen, wenn die Sonne nicht mehr scheint? Oder wollen eher Sie als Unternehmen dann den in Ihrer Community gespeicherten Strom ins Netz einspeisen, wenn der Preis besser ist?

Wir wollen beides. Natürlich sollen unsere Haushalte ihren eigenen Strom selbst verbrauchen. Das steht im Vordergrund und ist auch der größte Anreiz für die Menschen, überhaupt in erneuerbare Energien zu investieren.

Unsere Idee ist es aber auch, den gespeicherten Solarstrom, den die Haushalte nicht selbst benötigen, der aber vom Markt gebraucht wird, dann auch einzuspeisen.

Mit dieser gemeinschaftlichen Einspeisung aus der Community könnte eine Leistung von 300 Megawattstunden mobilisiert und die Regelenergie eines 800-Megawatt-Kohlekraftwerks ersetzt werden, behauptet Ihr Unternehmen in einer Presseerklärung von Ende 2018. Das erscheint mir arg übertrieben. Die 300 Megawattstunden sind vielleicht die maximal mögliche Kapazität, über die Sonnen verfügen könnte, wenn die Hausspeicher ganz voll wären und dann völlig entleert würden.

Bei der Regelenergie muss Leistung schnell und sicher zur Verfügung stehen, es geht also erstmal gar nicht so sehr um die Energiemenge. Auch bei einem Kohlekraftwerk von angenommenen 800 Megawatt steht Ihnen nie die ganze Leistung zur Verfügung, um Netzschwankungen auszugleichen. Am Ende lassen sich auch bei einem solchen Kohlekraftwerk in der Regel zehn, meist nur fünf oder zwei Prozent der Leistung netzdienlich nutzen. Bei einem Gaskraftwerk ist der Anteil ein wenig größer.

Gegenüber den konventionellen Kraftwerken haben Stromspeicher, wie wir sie nutzen, aber einen entscheidenden Vorteil: Deren Energie können Sie in Sekunden zu hundert Prozent nutzen. Um ein Kohlekraftwerk von 800 Megawatt auf null zu bringen, brauchen Sie Stunden.

Die Sonnen GmbH

produziert vor allem Batteriespeicher für Eigenheimbesitzer und Kleinunternehmen. Das 2010 gegründete Unternehmen in Wildpoldsried im Oberallgäu ist Marktführer in Deutschland und weiteren Ländern und hat 650 Beschäftigte. Frühere Namen sind Prosol und Sonnenbatterie.

 

Im vergangenen Jahr wurde die Sonnen GmbH vollständig durch den britisch-niederländischen Energiekonzern Shell übernommen.

Ihre Sache ist es demnach, mit Ihrer schnellen Speicherreserve die letzten Schwankungen im Netz auszugleichen, die Frequenz also möglichst genau auf die 50 Hertz auszusteuern.

Absolut, so ist es aktuell. Und der Bedarf für diese Regulierung in der letzten Instanz liegt europaweit bei 800 Megawatt. Das ist jetzt nicht so viel. Die Netzbetreiber stellen allerdings hohe Ansprüche an diese Art Ausgleichsstrom.

Zur Sonnen-Community sollen derzeit bundesweit 40.000 Haushalte mit Stromspeichern gehören – wenn Sie die alle auch zum Einspeisen von Regelenergie nutzen wollen, dann brauchen Sie doch überall Verträge mit jedem einzelnen Netzbetreiber?

Ja, Verträge brauchen wir jede Menge, zum einen mit den großen Übertragungsnetzbetreibern, die uns die Regelenergie abkaufen, und zum anderen mit jedem lokalen Netzbetreiber im Niederspannungsnetz. Von denen gibt es rund 850 in Deutschland.

In den letzten drei Jahren habe ich viele solcher Verträge unterschrieben – und es gibt Netzbetreiber, die schon voll digital sind, und welche, wo es noch nicht so ist. Auch dieser Prozess müsste einfacher werden, damit Ansätze wie unserer schneller am Markt auftauchen.

Und Sie speisen ja nicht nur ein, sondern garantieren Ihren Haushalten auch, dass sie für den Teil des Strombedarfs, den sie nicht vom eigenen Dach decken können, Ökostrom bekommen. Wo kommt der eigentlich her?

Unser Ökostrom hat mehrere Quellen. Zunächst kommt er aus der Community selbst. Darüber hinaus verfügen wir über einige eigene Wind- und Biogasanlagen. Schließlich gibt es ein paar Stunden im Jahr, wo all das nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Dann kaufen wir Strom auf dem Markt zu, einschließlich der nötigen Grünstrom-Herkunftsnachweise.

Diese Sache mit den Herkunftsnachweisen gefällt uns selbst nicht und sie ist sicher hinterfragenswert. Unseren Ansprüchen genügt das Verfahren eigentlich nicht – wir versuchen zuerst einmal, den Bedarf aus unserer Community selbst zu decken.

Sie bieten inzwischen auch an, Solardach und Stromspeicher noch mit einer Wallbox zu ergänzen, um das eigene Elektroauto zu laden. Nun können sich das nicht alle Solar-Haushalte leisten – ganz abgesehen davon, dass so eine Menge teures Equipment für einen einzelnen Haushalt nicht gerade ein Ausweis von Nachhaltigkeit ist. Wie weit kommen wir mit solchen Einzelhaus-Lösungen bei der Energiewende?

Mit so einer Wallbox lässt sich der Strom genau dort verbrauchen, wo er auch produziert wird. Und wenn er vom eigenen Dach kommt, ist er sauber. Das finde ich schon sehr nachhaltig. Außerdem löst der Kunde damit ein Problem, das bisher ein wichtiges Hindernis bei der Elektromobilität war, nämlich eine zuverlässige und rund um die Uhr verfügbare Lademöglichkeit.

Bei der Energiewende gehen die Haushalte zurzeit voran und tragen einen wichtigen Teil bei. Kunden oder Mitarbeiter unseres Hauses, die außer über Photovoltaik und Speicher auch über Wärmepumpe und Wallbox verfügen, kommen mit ein bisschen Mühe auf einen Autarkiegrad von 95 Prozent.

Aber wenn solche Prosumer-Haushalte allen Strom selbst brauchen und keinen mehr groß einspeisen – wie dekarbonisieren wir dann die Metropolen, die Industrie oder den Güterverkehr? Wo soll dieser Ökostrom herkommen, der vermutlich sogar den größeren Teil einer angestrebten solaren Vollversorgung ausmacht?

Die Haushalte stehen in Deutschland für ungefähr 25 Prozent des gesamten Stromverbrauchs – wir haben aber schon Tage, an denen zeitweise 50 Prozent dieses gesamten Strombedarfs von Solarstrom gedeckt werden. Und dabei haben die meisten Dächer in Deutschland nicht mal eine Photovoltaik-Anlage.

Aber Sie haben recht – kein Geschäftsmodell und keine Technologie kann die Lösung für alles sein. Aber wir leisten einen nennenswerten Beitrag auch zum Dekarbonisieren der Sektoren außerhalb der Haushalte.

Für große Mehrfamilienhäuser oder Bürohäuser oder Gewerbebetriebe macht die Sonnen GmbH, soweit das zu sehen ist, keine Angebote wie zum Beispiel Mieterstrom.

Wir haben schon die Ambition, unser Modell nicht nur für einzelne Haushalte anzubieten. Der Mieterstrom ist eine gute Idee, ist derzeit aber schlecht reguliert. Deshalb funktioniert er nicht wirklich. Das ist sehr schade.

Im US-Bundesstaat Utah beispielsweise versorgen wir 600 Haushalte in einem Wohngebiet mit Strom. Das sind Mehrfamilienhäuser – mit Photovoltaik, Batteriespeichern, Wärmepumpen, E-Mobilität und mit einer intelligenten Steuerung. Es ist hier also keine Frage der Technologie oder der Wirtschaftlichkeit, sondern der Regulierung.

Und was fehlt, damit in Deutschland so ein Projekt funktioniert?

Die Technologie ist da, aber der administrative Aufwand ist hierzulande extrem hoch. Sie müssen alles mit allen abstimmen. Den Aufwand können wir im Moment nicht leisten. Dann würden unsere Arbeitsteams noch an Wohnungstüren klingeln und um Unterschriften bitten müssen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier