Mit der Wünschelrute auf Wassersuche

Überall dort, wo in der Lausitz die Braunkohleförderung endet, sollen die verbleibenden Riesenlöcher in Seen verwandelt werden. Dafür sind enorme Mengen Wasser nötig. Auf die Suche nach dem knappen Nass machte sich kürzlich eine Tagung des Umweltbundesamts. Dabei wurden einige spannende Fragen nicht gestellt.


Wasserpumpe Tagebau Welzow Süd
Wasserpumpe am Braunkohletagebau Welzow-Süd bei Spremberg in der Lausitz. (Foto: Friederike Meier)

Sieben Milliarden Kubikmeter Wasser sind umgerechnet sieben Kubikkilometer. Der Starnberger See in Oberbayern hat etwa drei Kubikkilometer Wasservolumen.

Sieben Milliarden Kubikmeter Wasser, der doppelte Starnberger See etwa, fehlen derzeit in der Lausitz, vergleicht man den heutigen Zustand der Region mit einem fiktiven Normalzustand, bei dem es keine Braunkohletagebaue und keine großflächige bergbaubedingte Grundwasserabsenkung gegeben hätte.

Das Abpumpen des Grundwassers, um an die Braunkohle heranzukommen, erzeugt das Wasserdefizit. Auf rund 2.100 Quadratkilometern ist in der Lausitz wegen der Braunkohle der Grundwasserspiegel abgesenkt. Zum Vergleich: Das Saarland, das kleinste Bundesland, ist gut 2.500 Quadratkilometer groß.

Vor gut 30 Jahren, als die Lausitzer Kohleförderung noch zweifach größer als heute war, betrug das Wasserdefizit sogar 13 Milliarden Kubikmeter.

Die Zahlen sind seit Längerem bekannt. Ingolf Arnold, Vorsitzender des Wasserclusters Lausitz und zuvor bis 2020 Geotechnik-Chef des Braunkohleförderers Leag, erläuterte sie kürzlich bei einer Fachtagung des Umweltbundesamts (UBA) unter der Überschrift "Wasserwirtschaftliche Folgen des Braunkohleausstiegs in der Lausitz".

Von dem 13-Milliarden-Gesamtdefizit landeten Anfang der 1990er Jahre rund sieben Milliarden Kubikmeter beim Bund-Länder-Bergbausanierer LMBV, der sich vor allem dem vor oder nach der Einheit stillgelegten, sogenannten "toten" Bergbau widmet. Wie Arnold weiter angab, verringerte die seit fast drei Jahrzehnten laufende Sanierung das Defizit um sechs Milliarden auf heute noch eine Milliarde Kubikmeter.

Beim weiterlaufenden, sogenannten "lebendigen" Bergbau blieb das Wasserdefizit über die Jahre mit rund sechs Milliarden Kubikmetern in etwa gleich. Arnold erklärte das damit, dass die Kohlebagger in Gegenden förderten, die ohnehin schon grundwasserabgesenkt waren. Die Tagebaue fuhren gewissermaßen in den eigenen Grundwasser-Trichter hinein, malte der Experte die Situation auf der Tagung aus.

Die eine Milliarde Restdefizit aus dem "toten" plus die sechs Milliarden aus dem noch "lebenden" Bergbau ergeben dann zusammen die eingangs erwähnten sieben Milliarden, also den doppelten Starnberger See.

Enorme Verdunstung aus Tagebauseen

Wer annimmt, die Beseitigung der fehlenden sieben Milliarden Kubikmeter Defizit sei wie bisher nur eine Frage der Zeit, irrt ordentlich. Denn dass die Lausitz jemals wieder Wasserverhältnisse haben wird, die denen vor dem Bergbau ähneln, ist so gut wie ausgeschlossen.

Zwei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle. Zum einen die aufgrund der Klimaerwärmung zunehmende Verdunstung. Deren Wirkung wird zum anderen noch durch die künftig zunehmende Fläche der Bergbaufolgeseen verstärkt.

So wird derzeit der Cottbuser Ostsee, der frühere Tagebau Cottbus-Nord, mühsam aufgefüllt. Mit einer geplanten Fläche von 19 Quadratkilometern soll der Ostsee das größte künstliche Gewässer Deutschlands werden.

Mit Steinen ausgekleideter Zufluss zum Tagebaurestloch, aus dem einmal ein See werden soll, der aber erst zu einem Viertel gefüllt ist. Aufnahme von Januar 2020.
Der Zufluss zum Cottbuser Ostsee muss wegen Wassermangel immer wieder gestoppt werden. (Foto: Jörg Peter Rademacher/​Pixabay)

Rechnet man nach heutigem Planungsstand – also mit einem Kohleausstieg 2038 – die Fläche aller geplanten Bergbaufolgeseen sowie aller anderen Seen in der Lausitz zusammen, kommt eine Oberfläche von bis zu 258 Quadratkilometer heraus, das ist mehr als der halbe Bodensee.

Aus dieser Lausitzer Super-Seenplatte werden künftig im Schnitt rund 180 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich verdunsten, ergeben neue, bisher nicht veröffentlichte Modellrechnungen des Klimaexperten Andreas Will von der BTU Cottbus. Das sind mindestens zehn Prozent mehr, als bisherige Annahmen nahelegen.

In einem trockenen, heißen Sommer, wie er im Zuge des Klimawandels öfter als heute auftreten wird, steigt die jährliche Verdunstung auf 195 Millionen Kubikmeter. In einem feuchten Jahr liegt sie sie nach den Angaben des Klimaexperten immer noch bei 175 Millionen Kubikmetern.

Zum Vergleich: Berlin verbraucht in normalen Jahren rund 200 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Lausitz hat nicht nur ein Wasserdefizit eines doppelten Starnberger Sees, künftig wird sich praktisch der jährliche Wasserverbrauch der Hauptstadt wortwörtlich in Luft auflösen.

Da ist es kein Wunder, dass der BTU-Klimaexperte auf der Fachtagung des UBA deutlich die dort präsentierten Abschätzungen zur Verdunstung im Lausitzer Flussgebiet als "veraltet" kritisierte. Weder die Klimaänderung noch neueste Ergebnisse der Modellierung seien berücksichtigt worden.

Daraus resultierten nicht nur Ungenauigkeiten, so Will weiter, sondern aus den Daten ließen sich die künftigen Verhältnisse "nur schlecht" voraussagen. Eine Planung der wasserwirtschaftlichen Verhältnisse in der Lausitz müsse die wissenschaftliche Expertise umfassend berücksichtigen.

Grüne Zukunftspläne brauchen Wasser

Das Lausitzer Wasser reicht schon heute in trockenen Jahren "hinten und vorne nicht", das war auf der Tagung nicht wegzudiskutieren. Entscheidende Debatten blieben aber, zumindest im öffentlichen Tagungsteil, ausgespart. Lieber gingen die meisten Fachleute offenbar mit der Wünschelrute auf Wassersuche.

Große Wünsche richten sich nach wie vor darauf, Wasser aus der Elbe und der Neiße umzuleiten. Bei der Neiße wurde ganz offen verlangt, deren Wasser schnellstens für die Lausitz zu sichern, bevor damit das Riesenloch des Braunkohletagebaus Turów in Polen gefüllt wird.

Denn das Gold der Lausitz ist nicht mehr schwarz, sondern blau. Eine ausreichende Verfügbarkeit von Wasser sei ein Standortfaktor, unverzichtbar für Industrie und den Strukturwandel, hieß es in mehreren Wortmeldungen. Eine funktionierende Wasserwirtschaft in der Lausitz werde ein Gradmesser für die wirtschaftliche Entwicklung der Region sein.

Bergleute gehen mit Wünschelruten durch eine Berglandschaft.
"Der Ruthengänger", Illustration für Die Gartenlaube, Leipzig 1859. (Bild: gemeinfrei/​Wikimedia Commons)

Im Hinterkopf haben die Fachleute dabei aber weniger die Zukunft der regionalen Teichwirtschaft oder die Gefahr, dass der touristisch einmalige Spreewald, ein Unesco-Biosphärenreservat, trockenfällt.

Auch Berlin hätten einige Lausitzer am liebsten nicht mehr auf der Wasserrechnung. Die Großstadt solle sich bitteschön vom Wasser der Spree unabhängig machen. Auf solche Miniflüsse baue doch keine Großstadt der Welt ihre Versorgung, heißt es, wenn auch noch inoffiziell.

In den Schubladen liegen schließlich auch hochfliegende Pläne, die Lausitz zu einer grünen Wasserstoffregion zu machen. Das könnte mit den Milliarden-Bundeszuschüssen aus dem Strukturwandelfonds und der Wasserstoffstrategie schnell Realität werden – und zum Herstellen des grünen Wasserstoffs braucht es nicht nur Ökostrom, sondern auch jede Menge guten Wassers.

Jüngst wurden auch Pläne wiederbelebt, bei Spremberg, gewissermaßen im Herz der Lausitz, Kupfer abzubauen. Der Kupferbergbau benötigt viel Energie – und viel Wasser.

Und dann sind da noch die Ansprüche der Kohlewirtschaft. Auf der Fachtagung waren sie weitgehend tabu. Lässt sich das Wasserproblem aber entschärfen, wenn der Braunkohleausstieg eher käme und also auch weniger oder zumindest kleinere Folgeseen möglich würden? Auch die recht durstigen Kohlekraftwerke würden weniger Kühlwasser benötigen, gingen sie alle deutlich vor 2038 vom Netz.

Erst vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Leag beim Landesamt für Umwelt Brandenburg beantragt hat, ab 2025 für ihr Kohlekraftwerk Jänschwalde ganzjährig Wasser aus der Spree entnehmen zu dürfen, wie in der Regionalzeitung Lausitzer Rundschau zu lesen war.

Und wie bei so einer Anlage üblich, sollen 80 Prozent des entnommenen Spreewassers in den Kühltürmen verdampfen und nur 20 Prozent – erwärmt – in die Spree zurückfließen. Zur natürlichen Verdunstung kommt also, salopp gesprochen, noch eine erhöhte künstliche hinzu.

Abgeordnete fordern Ende der Billiglösungen

So gesehen ist schon sehr zu hinterfragen, warum das hinter der Fachtagung stehende UBA‑Projekt sich den wasserwirtschaftlichen Folgen des Braunkohleausstiegs widmet, um den Ausstieg selbst aber einen weiten Bogen macht.

Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt verteidigte gegenüber Klimareporter° das ziemlich kleinteilige Herangehen, anhand der aktuellen Daten nur eine "flussgebietsbezogene Bilanzierung" vorzunehmen. Auf Anregung der Braunkohleländer sei zudem ein Projekt in Vorbereitung, um eine hydrologische Großraummodellierung der Lausitz vorzunehmen – dann auch weitgehend unabhängig vom Bergbau.

Politisch ist der Kampf ums blaue Gold in vollem Gange. Es steigt der Widerwille, die sogenannten Ewigkeitslasten der Braunkohle mit einem großen nassen Schwamm zuzudecken.

Der Cottbuser Stadtverordnete Martin Kühne von den Grünen forderte erst kürzlich im Stadtparlament, künftig nur noch kleinere Bergbaufolgeseen zu errichten. Die Zeit von Billiglösungen, in der riesige Flachwasserseen die Rekultivierungskosten der Leag minimierten, der Allgemeinheit aber für immer Millionen Kubikmeter Verdunstungsverluste bescherten, müsse vorbei sein.

Kühne kann sich dabei auf einen Beschluss des brandenburgischen Landtags von Anfang des Jahres stützen. Darin wird verlangt, die aus den Tagebauen entstehenden Seen so zu gestalten, dass die enormen Verdunstungsflächen so klein wie möglich ausfallen.

Vielleicht setzt das Umweltbundesamt dieses Dokument mal auf die Tagesordnung der nächsten, für das kommende Frühjahr geplanten Projektdebatte, anstatt weiter mit der Wünschelrute durch die Lande zu ziehen.

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