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Hauptstadt auf dem Trockenen?

Bisher galt Berlin als Stadt mit einer entspannten Trinkwasser-Situation. Doch die zunehmenden Wetterextreme zwingen zum Umdenken. Nachdem im vergangenen Sommer kaum Regen fiel, war nun auch der Februar zu trocken. Die Stadt entwirft Pläne, um die Wasserversorgung an den Klimawandel anzupassen.


Ein ausgetrocknetes Stück Boden mit vertrockneten Pflanzen.
Berliner Straßenbegleitgrün im Juni 2018: Die Schäden waren nur oberflächlich – aber was, wenn sich die Dürren künftig häufen? (Foto: Emil Junker)

Der Februar schien uns an den Rekordsommer des vergangenen Jahres erinnern zu wollen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) meldete Hochdruckwetter mit viel Sonne und wenig Niederschlag. Nachdem 2018 als wärmstes und trockenstes Jahr in die Geschichte der Wetteraufzeichnungen in Deutschland einging, war der Februar 2019 laut DWD-Bilanz der elfte überdurchschnittlich warme Monat in Folge.

Auch in der Hauptstadt war es wieder viel wärmer und trockener als üblich. Berlin war im Februar das zweittrockenste Bundesland.

Im vergangenen Jahr hatte die Stadt sämtliche Wetterrekorde gebrochen. Bereits im Frühjahr war Berlin mit 2,5 Grad Celsius höherer Temperatur und 213 mehr Sonnenstunden als im Referenzzeitraum von 1961 bis 1990 Spitzenreiter unter den Bundesländern.

So sonnig blieb es das Jahr über und brachte Berlin gegen Ende auch noch den Titel des niederschlagsärmsten Bundeslands ein. Nur 55 statt der üblichen 128 Liter Regen fielen im Herbst pro Quadratmeter.

Die Rekorddürre machte sich in der Metropole vor allem an vertrockneten Grünanlagen und dem niedrigen Wasserstand der Spree bemerkbar. Der Fluss bewegte sich aufgrund des geringen Wassernachschubs immer langsamer, an manchen Tagen kehrte sich die Fließrichtung sogar streckenweise um.

Berlin ist ein wasserreiches Bundesland

Das Trinkwasser hingegen wurde nicht knapp, obwohl der Bedarf aufgrund der anhaltenden Hitze stieg. 800.000 Kubikmeter statt der durchschnittlichen 600.000 verbrauchten die Stadtbewohner an einzelnen Tagen. Doch damit war noch lange nicht die maximale Kapazität von über einer Million Kubikmeter Trinkwasser erreicht, erklärt Astrid Hackenesch-Rump von den Berliner Wasserbetrieben.

In Berlin kommt das Trinkwasser aus 30 bis 170 Meter tiefen natürlichen Reservoiren in den Sanden der letzten Eiszeiten – und dort ist genug vorhanden. Die heutige Metropole wurde vor fast 20.000 Jahren von einem riesigen Gletscher überdeckt, von dem Schmelzwasser zurückblieb. Nicht von ungefähr gaben die ersten slawischen Siedler ihrer Gründung den Namen "Ort im Sumpf".

Noch heute haben einige Grundstücksbesitzer auf dem Gebiet des Berliner Urstromtals, das sich von Reinickendorf im Nordwesten über die Mitte der Stadt bis nach Köpenick im Südosten erstreckt, mit einem zu hohen Grundwasserspiegel zu kämpfen.

Obwohl das Grundwasser anders als Oberflächengewässer träge auf Trockenheit reagiert, ging es in dem Dürrejahr auch in Berlin zurück. Das ist zunächst kein Anlass zur Sorge. Im Sommer sinkt der Grundwasserspiegel wegen der hohen Verdunstung an der Oberfläche immer, ganz gleich wie viel es regnet. Durch Niederschläge im Winter steigt er anschließend wieder. So gleicht ein Überschuss im Winter das Wasserdefizit im Sommer in der Regel aus.

Das gilt auch, wenn die Monate von Frühjahr bis Herbst besonders regenarm waren, wie im letzten Jahr. "Die Auswirkungen der Trockenphase, die wir 2018 hatten, werden beim Grundwasser kaum spürbar sein", sagt Michael Schneider, Professor für Hydrogeologie an der Freien Universität Berlin. Klimatisch gesehen gebe es in der Berliner Region bislang immer eine positive Wasserbilanz.

Langfristig trockener und wärmer

Aber könnte sich das infolge der Erderwärmung irgendwann ändern? Was ist, wenn das extreme Wetter des vergangenen Jahres keine Ausnahme bleibt?

Statistisch gesehen kommt so eine Kombination aus Wärme, Trockenheit und viel Sonnenschein nur alle paar Jahrhunderte vor. Klimamodelle prognostizieren jedoch, dass in Berlin und Brandenburg die Niederschlagsmenge tendenziell abnehmen und, noch wichtiger, die Temperatur gleichzeitig zunehmen wird.

Auch wenn solche Vorhersagen stets mit Unsicherheiten behaftetet sind, gehen Experten davon aus, dass sich die Wahrscheinlichkeit für das Ausbilden stabiler Wetterlagen in Europa erhöhen wird. Das würde im Sommer entweder zu überdurchschnittlich viel Regen führen, wie 2017, oder zu anhaltender Trockenheit und Hitze, wie 2018. Im Mittel, so die sehr langfristige Prognose, werde die Grundwasserneubildung in Nordostdeutschland abnehmen – und damit auch der Grundwasserspiegel.

Trinkwasserprobleme wird es dadurch in Berlin wohl nicht geben, meint Derk Ehlert von der Senatsumweltverwaltung. Die günstige Grundwassersituation werde auch in Zukunft bestehen bleiben. "Sorgen machen muss man sich nicht. Aber langfristig müssen wir das Grundwasser im Auge behalten", sagt Ehlert. Die Wasserressourcen würden jetzt nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt.

"Der Klimawandel verändert das ganze System"

Denn auch wenn die Menge an verfügbarem Grundwasser ausreichend groß bleibt, könnte es ein Problem geben: Möglicherweise muss man sich künftig um die Beschaffenheit und Qualität des Wassers mehr Gedanken machen als bisher.

"Alles hängt mit allem zusammen", bringt es der Hydrogeologe Schneider auf den Punkt. "Der Wasserkreislauf ist ein großes System, und wenn ich an einer Schraube drehe, das ist zum Beispiel der Klimawandel, dann verändere ich das ganze System. Auch an Stellen, an die ich erstmal vielleicht nicht gedacht habe."

Genug Wasser für Deutschland?

Waldbrände, Ernteausfälle, Versorgungsprobleme – deutschlandweit hatte der trockene und heiße Sommer 2018 vielfältige negative Auswirkungen. Bis in den Dezember hinein waren ein Großteil der Bundesfläche und die Oberflächengewässer von extremer Trockenheit betroffen, sämtliche Flüsse führten Niedrigwasser. Schiffsverkehr und damit auch Warentransport waren vielerorts nur eingeschränkt und streckenweise gar nicht möglich.

 

Auch die Qualität der Gewässer hat gelitten. Gesundheitsgefährdende Blaualgen traten häufiger und großflächiger auf als bisher, erschwerten die Trinkwasseraufbereitung und führten in Verbindung mit geringem Sauerstoff zu vermehrtem Fischsterben.

 

Die Austrocknung von Flussbetten und dem Wattenmeer bedroht viele Tierarten akut. Solche extremen Hitzewellen, aber eben auch Starkregen werden laut Umweltbundesamt zunehmen. Die jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland soll dabei etwa gleich bleiben, allerdings wird sich die Verteilung ändern. So wird der Nordosten Deutschlands von abnehmenden Niederschlägen stärker betroffen sein, während im Westen die Niederschläge im Winter eher zunehmen.

 

Die Erwärmung wird erhebliche Herausforderungen an die Ausgestaltung der Wasserinfrastruktur stellen. Auch bei der Grundwasserneubildung werden sich größere regionale Unterschiede ergeben. Für Hessen wird eine Zunahme der Grundwasserneubildung um 25 Prozent vorhergesagt, für Süddeutschland um etwa zehn bis 20 Prozent. Dagegen ist in Brandenburg mit einem Rückgang um bis zu 40 Prozent zu rechnen.

 

Trotz der prognostizierten Einflüsse auf die Oberflächengewässer und einer veränderten Grundwasserneubildung bleibt die Trinkwasserversorgung in Deutschland weiterhin gesichert – nicht zuletzt wegen der bereits gut ausgebauten Fernwasserinfrastruktur. Die Leitungen bringen zum Beispiel Wasser aus dem Bodensee in die schwäbischen Industriezentren oder aus dem Harz nach Bremen.

Bislang gilt das Berliner Wasser unter Experten als sehr sauber. Doch bestimmte Verunreinigungen könnten mit zunehmender Trockenheit ein Problem werden. Wenn weniger Wasser zur Verfügung steht, wird sich die Konzentration von Substanzen, die jetzt schon darin vorkommen, aber noch keine starke Belastung darstellen, weiter erhöhen.

Das betrifft zum Beispiel schwer abbaubare organische Spurenstoffe aus Medikamenten wie Kontrastmitteln, Antiepileptika oder Schmerzmitteln. Die Klärwerke schaffen es ohne zusätzliche Reinigungsstufen nicht, sie aus dem Abwasser der Stadt herauszuholen.

Die Rückstände gelangen vielmehr über das geklärte Wasser wieder in die Oberflächengewässer und von dort letztendlich über Uferfiltration, die mehr als 60 Prozent zur Trinkwassergewinnung Berlins beiträgt, zurück in den urbanen Wasserkreislauf.

Weiterhin gibt es in den eiszeitlich geprägten Sedimenten rund um Berlin aus der Zusammensetzung des Gesteins resultierende hohe Konzentrationen von Eisen und Mangan im Grundwasser. Die lassen sich derzeit allerdings durch Belüftung und anschließende Filtration gut im Griff halten.

Ebenfalls natürlich bedingt ist eine hohe Salzkonzentration in den sehr tiefen geologischen Schichten. Das salzhaltige Wasser wird durch eine mächtige Tonschicht davon abgehalten, aufzusteigen. An einigen Stellen gibt es jedoch erodierte und damit durchlässige Bereiche.

Müssen die Brunnen bei anhaltender Trockenheit nun mehr pumpen, sinkt der Wasserspiegel – und damit der Druck im oberflächennahen Grundwasserleiter. An den durchlässigen Stellen könnte das zur Folge haben, dass Salzwasser aus den tieferen Lagen nach oben gezogen wird.

Braunkohlefolgen erreichen Berlin

Das größte Problem ist aber die Belastung der Spree mit Sulfaten durch den Lausitzer Braunkohletagebau. Davon betroffen sind vor allem Brandenburg und Sachsen, aber auch in Berlin machten sich die Auswirkungen des Kohleabbaus in den letzten Jahren bemerkbar.

Am Pegel Rahnsdorf, der südöstlich von Berlin in der Müggelspree direkt an der Zuflussschneise aus dem Braunkohlerevier liegt, wurde Ende des trockenen Jahres 2015 ein Spitzenwert von 320 Milligramm Sulfat pro Liter gemessen. Das liegt 28 Prozent über dem Grenzwert der Trinkwasserverordnung von 250 Milligramm pro Liter.

Anfang letzten Jahres haben sich die zuständigen Behörden Brandenburgs und Berlins mit dem Braunkohleunternehmen Leag auf eine Sulfat-Steuerung geeinigt. Seitdem soll ein Richtwert von 220 Milligramm je Liter im Jahresmittel am Rahnsdorfer Pegel nicht mehr überschritten werden. Das habe auch unter den extremen Witterungsbedingungen und dem Niedrigwasser im Sommer gut funktioniert, sagt Astrid Hackenesch-Rump von den Berliner Wasserbetrieben.

Im nahe gelegenen Wasserwerk Friedrichshagen, das rund 800.000 Berliner mit Trinkwasser aus der Spree-Uferfiltration versorgt, soll seit der Einigung kein Anstieg der Sulfatwerte mehr festgestellt worden sein. Inwieweit solche Verschmutzungen zukünftig doch problematisch werden könnten, lässt sich schwer abschätzen.

Michael Schneider zufolge wäre es auch immer möglich, die Verunreinigungen aus dem Wasser herauszufiltern. "Technisch ist alles machbar. Wir können das Eisen belüften und versprühen, dann fällt es aus. Wir können die Klärwerke aufrüsten, damit sie auch die organischen Stoffe abscheiden. Wir können das Sulfat entfernen, das ist schon aufwendiger und teurer. Und wir können auch das Wasser entsalzen." Das sei allerdings noch teurer. 

Masterplan für klimastabile Versorgung

Um zu verhindern, dass die Kosten für die Trinkwassergewinnung steigen, und um zu vermeiden, dass irgendwann auch bisher nicht genutzte Reservoire, der sogenannte statische Grundwasservorratsstock, angezapft werden müssen, arbeiten der Berliner Senat und die Wasserbetriebe derzeit an einem "Masterplan Wasser". Er soll sicherstellen, dass die lebenswichtige Ressource auch unter veränderten klimatischen und demografischen Bedingungen in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

Demnach wollen die Wasserbetriebe prüfen, ob stillgelegte Brunnen reaktiviert werden könnten, ob es weitere Fördergebiete geben könnte oder ob sie selbst mehr durch gezielte künstliche Anreicherung zur Grundwasserneubildung beitragen könnten. Im Bereich der nordwestlich gelegenen Wasserwerke Stolpe, Tegel und Spandau wird bereits vorgereinigtes Wasser aus der Havel oder dem Tegeler See über Land ausgebracht, um dort ins Grundwasser zu versickern.

Der Senat steht vor der Aufgabe, Flächen zu entsiegeln und damit bessere lokale Versickerungsmöglichkeiten zu schaffen. Darüber hinaus sollen weitere Rückhaltebecken und unterirdische Bassins gebaut werden. Die Reservoire haben die Funktion, bei starken Regenfällen Wasser aufzufangen, das die Kanalisation nicht mehr aufnehmen kann, damit es nicht ungereinigt in die Flüsse gelangt.

An akutem Wassermangel werden die Berliner also in absehbarer Zeit nicht zu leiden haben. Ein bewusster und sorgsamer Umgang mit der Ressource tut dennoch not – denn mit fortschreitendem Klimawandel könnte es teuer werden, sie zum Trinken bereitzustellen.

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